Eingerichtet
Der Apothekenschrank ...
© Jens Küsters
... weiß viel über uns. Er kennt sich mit früheren Ferien und kleinen Katastrophen aus - und sorgt für künftige vor
Die Theologin Susanne Breit-Keßler entdeckt den tieferen Sinn im Alltagsmobiliar
Unser Apothekenschrank hütet seine Geheimnisse. Er ist zur Verschwiegenheit verpflichtet - anders als die Ablageflächen vor dem Spiegel im Bad. Sie verraten jedem Besucher, der hereinkommt, welche Cremes wir benutzen, mit welchem Parfum wir uns einnebeln und was für eine Farbe die Hausfrau bei Lippenstiften bevorzugt. Der Apothekenschrank ist Gästen gegenüber schweigsam. Dabei weiß er fast alles über unser Leben. Wenn ich seine Türen öffne, um wieder einmal Ordnung zu schaffen, wird er sofort gesprächig. Er zeigt mir stolz Erinnerungsstücke an eine Reise in die toskanische Maremma: Mückenspray, Mückenstifte, Salbe gegen Mückenstiche.
Ich setze mich auf den Boden und träume... Abende bei Kerzenschein und Rotwein, plötzlich im Gebüsch raschelnde Wildschweine - hier, Notfalltropfen, passenderweise mit dem Namen "Star of Bethlehem"! Tabletten gegen Halsweh, weil bei unserem Urlaub in arabischen Ländern die Klimaanlage der einzige Feind war. Der Apothekenschrank macht fröhliche Vergangenheit lebendig. Er hat aber auch eine pädagogische Ader: Siehst du die Augenklappe? Bloß weil du wieder keine Salbe gegen trockene Augen genommen hast. Da, die Fingerkuppe, der Verbandsmull, die Pflaster, weil du dich so oft schneidest. Pass auf dich auf!
© Katrin Binner
Unser Apothekenschrank ist sehr umsichtig und er liebt die Herausforderungen des Alltags. Sorgsam hebt er Kopfschmerz- und Magentabletten, Fieberthermometer, Schnupfenspray und Hustentropfen auf, um sie im Notfall parat zu haben. Er kennt sich nicht allein mit vergangenen Ferienreisen, kleinen Schwächen und überstandenen Katastrophen aus. Nein, der Apothekenschrank blickt auch freudig in die Zukunft: Vorsichtshalber hat er für die nächste Reise schon Ohrentropfen, ein Mittel gegen Durchfall und eine Salbe gegen wehe Füße zurechtgelegt. Er hofft, dass wir es wieder mitbringen.
Manches ist dem Apothekenschrank auch ganz egal. Er hat nichts gegen mögliche Ängste oder Schlaflosigkeit, nichts gegen Wut oder für neue Hoffnung. Für solche Fälle, meint er, gibt es einen anderen, der besser helfen kann. Und ich schließe seine Tür mit erheblichem Gottvertrauen.
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