Reportage
Das Gewissen und die Gräber von Ladelund
© Fotos: Isadora Tast.
Damals, im Winter 1944/45: Dreihundert Gefangene kamen bei Schanzarbeiten in der Kälte um. Der damalige Pfarrer von Ladelund, ein überzeugter Nationalsozialist, beerdigte jeden von ihnen auf seinem Friedhof
Besuch bei Harald Richter, hoch im Norden Schleswig-Holsteins. Ein alter Herr von 83 Jahren. In seiner Jugend ging er begeistert auf ein nationalsozialistisches Internat. Dann musste er als Soldat nach Polen. Heute betreut er eine KZ-Gedenkstätte - die einzige kirchliche überhaupt
Text: Frank Keil
Hinter den Seniorenbungalows steht des Pastors Haus. Ein Backsteinhaus, kleinere Fenster, der Eingang gut geschützt durch eine Hecke. "Haben Sie's gut gefunden?", fragt Harald Richter, holt seinen Gast ins Warme, nimmt ihm die Jacke ab, bittet in sein Arbeitszimmer. Er setzt sich in den Lehnsessel, an der Wand über ihm Fotos, Urkunden, Scherenschnitte - sein Vater, dessen Vater mit Familie und die Familie noch davor, alles Pastoren, einst im Schlesischen beheimatet. Harald Richter selbst ist 83 Jahre alt.
Und er hebt an zu sprechen, holt aus und erzählt, wie es ihn in dieses Dorf fünf Kilometer südlich der dänischen Grenze verschlagen hat, wie er im Sommer 1957 in Ladelund ankam, nahe dem Städtchen Niebüll, das alle vom Durchfahren kennen, die schon mal auf Amrum, Föhr oder Sylt waren. Kahl ist es hier und kalt, weht doch beständig ein harter Wind von Westen her, der die wenigen Bäume krumm biegt. "Ich wusste damals nicht, dass es hier ein Außenlager des KZs Neuengamme gegeben hat", sagt Richter. "Ich wusste überhaupt nichts über diese ganze Geschichte." Und er zeigt vage nach draußen, in die Richtung, wo die Kirche ist. Der Friedhof, auf dem die Gräber sind für 300 Männer, die hier im Winter 1944 in nur sechseinhalb Wochen ums Leben kamen.
Im November waren sie hier angekommen. 2000 Männer per Viehwaggons aus dem Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg, einen Panzergraben sollten sie schaufeln, einmal quer durch Schleswig Holstein, den Feind aufhalten, unter unmenschlichen Bedingungen. Viele der Verschleppten und die größte Gruppe unter den Opfern waren Holländer aus der Kleinstadt Putten, die niedergebrannt worden war und deren Männer man deportiert hatte, eine Vergeltungsmaßnahme für ein Attentat auf deutsche Offiziere - befohlen vom Wehrmachtsbefehlshaber in den Niederlanden Friedrich Christiansen, einem Nordfriesen, drüben von Föhr.
Hier starben die Holländer. Der damalige Ladelunder Pastor Johannes Meyer beerdigte sie, ein überzeugter Nationalsozialist schon vor 1933. Aber Tote namenlos zu begraben, das kam für ihn nicht infrage. Er gab ihnen Gräber auf seinem Friedhof, führte ein Totenbuch - und wandte sich nach dem Krieg an die Angehörigen, lud sie ein, zu kommen. Sie kamen tatsächlich, nicht gleich, sondern nach und nach. Anfangs übernachteten sie drüben in Dänemark, in Deutschland morgens aufzuwachen, konnten sie sich nicht vorstellen.
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