Reportage
Ich bin jetzt mal auf Intensiv
© Sandra Stein.
Christa Schindler ist Seelsorgerin in einer der größten Kinderkliniken Europas. Sie tauft Frühchen am Inkubator, findet Worte für verzweifelte Mütter. Die Kinder mögen sie, weil sie sich nicht nur mit Psalm 23 auskennt, sondern auch mit ferngesteuerten Autos auf E-Bay. Die Eltern sagen: Die ist so lebendig!
Ursula Ott
Tolle Begrüßung am frühen Morgen. "Tschüss, Brille", quakt es aus dem Intensivbett Nummer sieben. "Brille" ist Klinikseelsorgerin Christa Schindler, 50, deren große dunkellila Brille auf einem schlauen Kopf sitzt. Und der Kopf hat gleich kapiert: Der Patient Sergej*, 6, schwerst mehrfachbehindert, will die Seelsorgerin am liebsten gleich wieder rausschmeißen. Weil die sich auch um Mama kümmert. Mama soll sich aber 24 Stunden am Tag nur um Sergej kümmern, ihm frisch gekochten Zucchinibrei füttern, seinen schweren reglosen Körper umdrehen und seinen Schleim aus der Nase saugen. Nicht sinnlos mit anderen Frauen reden. Drum wiederholt Sergej noch mal: "Tschüss, Brille" und setzt ein kräftiges "Puuups" hinterher.
Aha, das ist also Seelsorge. Gut, kein Mensch denkt, dass eine Pfarrerin im Kinderkrankenhaus an diesem brüllend heißen Sommertag mit dem schwarzen Talar herumläuft und Psalm 23 zitiert. Aber das ist denn doch überraschend, dass die erste Amtshandlung einer Pfarrerin darin besteht, einem ziemlich selbstbewussten kleinen Patienten zu sagen: "Pups? Kann ich auch, ich kann sogar super rülpsen." Und ihm dann zu versprechen: "Ich hab was für dich, ich komm gleich wieder."
Nein, sie holt jetzt nicht die Bibel. Jetzt geht es erst mal darum, etwas für Sergejs Laune zu tun, denn es geht ihm wirklich nicht gut, er kann gerade nicht schlucken. "Ich geh jetzt mal zum Auto an meine Trickkiste." Also, auf zum ersten der langen Wege an diesem Tag, denn Christa Schindler arbeitet nicht in irgendeinem Krankenhaus, sondern in einer der größten Kinderkliniken Europas: Städtisches Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße in Köln, 292 Betten, 10#000 Kinder im Jahr, 4600 Operationen. Ein riesiger Zweckbau aus den 50er Jahren, lange Flure mit weißen Kacheln, ab und an eine Kinderzeichnung, ein Clown, ein Pirat.
Christa Schindler ist zum Glück sportlich, trägt Jeans und T-Shirt, jetzt federt sie flott Richtung Parkhaus, vorbei am Eingang, wo tief verschleierte Frauen mit Babys sitzen, weinende Kinder mit blutig aufgeschlagenen Knien, über ihnen ein Schild: "Wenn Ihr Kind Flecken hat, bitte Seiteneingang benutzen." Iieee, Flecken? Bei der Hitze? Rote Flecken, Tränen und aufgeschlagene Knie sind hier noch das Harmloseste. In diesem Krankenhaus versammeln sich gescheiterte Pläne, enttäuschte Hoffnungen, Angst vorm Sterben und Angst vorm Weiterleben mit einem schwerst kranken Kind. Was sind da schon Flecken.
© Sandra Stein
"Darf ich Ihnen zu
ihrem hübschen Sohn
gratulieren?" Kompli-
mente kann sie
gut, die Seelsorgerin
Zum Beispiel Sergej. Während Christa Schindler zu ihrem VW Sharan trabt, erzählt sie die Kurzversion. "Unfälle", sagt sie, "vergisst hier keiner. Unfälle geben viel mehr Gesprächsstoff her als Krankheiten." Wer hier in der Klinik liegt, weil das Kind mit einem schweren Herzfehler zur Welt kam, ist zwar traurig. "Aber meist haben die Frauen so viel Vorsorge betrieben in der Schwangerschaft, die machen sich keine Vorwürfe." Ganz anders bei Unfällen, da ist immer diese Frage: Warum hab ich nur? Wieso bin ich nicht?
Warum nur ist Sergejs Mutter an diesem verregneten Nachmittag mit ihren zwei kleinen Söhnen noch mal rausgegangen? Der Ehemann, ein Alkoholiker, hatte sie rausgeschickt, damit er in Ruhe trinken und fernsehen kann. Sie hat mit den Kindern zu Fuß eine Straße überquert, wurde von einem Auto erfasst, danach weiß sie nichts mehr. Später sagte man, sie sei wie irre durch die Felder gelaufen und habe nach Sergej gesucht. Sie fand Sergej tot. Er wurde wiederbelebt. Das ist jetzt drei Jahre her. Sergej lebt, aber er ist vom Hals ab gelähmt, er - der gerade laufen gelernt hatte - wird nie stehen oder laufen, nie viel mehr sprechen können als "Tschüss, Brille", "Pups" und "Frank, keine Panik", Frank ist sein Lieblingspfleger. Sergejs großer Bruder wurde schwer am Kopf verletzt, er ist in der Jugendpsychiatrie. Als Einzige unverletzt, zumindest am Körper, blieb die Mutter.
"Und wissen Sie, um welche Seele ich mich am meisten sorge?", sagt Christa Schindler, während sie aus dem Kofferraum eine Kiste Ahoj-Brause holt, "um die der Mutter." Letzte Woche ist Schindler aufgefallen, dass Sergejs Mutter eine offene, unversorgte Brandwunde am Unterarm hat. Vom Bügeleisen. "Die Frau tut alles für ihre Kinder", sagt sie, "sie putzt und kocht den ganzen Tag, als könne sie einen Teil ihrer vermeintlichen Schuld damit abtragen. Aber sie muss dringend was für sich selber tun."
Die Ahoj-Brause hat Christa Schindler heute Morgen bei Aldi eigentlich für ihre eigenen Kinder gekauft. Egal, jetzt muss improvisiert werden. Sergej kriegt das waldmeistergrüne Prickelzeug auf die Zunge und strahlt. Mama wird für 13 Uhr zum Kaffee eingeladen, und weiter geht es mit der geistlichen Visite.
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