Persönlich

Elke Eisenschmidt

12/2009


Elke Eisenschmidt.

...erforscht Lernprozesse. Jetzt lernt sie ein neues Amt kennen: Sie wurde in den Rat der Evangelischen Kirche gewählt

 

Wenn Menschen lernen, klicken Proteine in den Zellen aneinander und geben Impulse weiter. Elke Eisenschmidt versucht herauszufinden, warum das so ist. Vor zwanzig Jahren mussten in Ostdeutschland sehr viele Menschen sehr viel lernen. Elke Eisenschmidt war sieben Jahre alt. Sie ging mit den Eltern zu Montagsdemonstrationen. Sie verstand nicht, worum es ging - nur dass etwas Großes, Aufwühlendes passierte. Es sollte das
Leben ihrer Familie auf den Kopf stellen. Heute ist sie Mathematikerin an der Universität Magdeburg. Gemeinsam mit Hirn­forschern erforscht sie, wie das Gehirn Neues verarbeitet. 
Elke Eisenschmidt, 28, hat jetzt auch etwas zu verarbeiten. Sie wurde kürzlich von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in ihr höchstes Leitungsgremium gewählt, in den Rat. Eine so junge Frau gab es dort noch nie. "Was für eine Ehre!", sagt Eisenschmidt. Im Sommer hatte der Wahlausschuss die evangelische Landschaft nach jungen Protestanten abgesucht und sie gefunden. Sie hat sich in keinem Gremium hochgedient. Und dann das. 
Auf dem Schreibtisch vor ihr steht ein Plastikbecher mit Milchreis und Zimt, das Mittagessen. Elke Eisenschmidt ist schlank, trägt Jeans und einen Baumwollpullover mit modisch weitem Schalkragen. Die braunen langen Haare hat sie zum Pferdeschwanz gebunden. Sie strahlt etwas Aufgeräumtes aus. Sie freue sich, sagt sie. Über ihre Arbeit, ihr neues Amt, ihr Leben. 
Als sich die Kandidaten auf der Wahlsynode der EKD vorstellten, präsentierten sich gestandene Bischöfe mit phrasenhaften Reden. Elke Eisenschmidt sprach dagegen leidenschaftlich und gut gelaunt darüber, wie sie Wissenschaft und Glaube versöhnen will. Man merkte: Die will was bewirken. Für die ist nichts selbstverständlich. Nicht dass sie Doktorin der Mathematik ist, nicht dass sie Christin ist. "Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, würde ich heute nicht hier sitzen", sagt sie. Sie weiß aber auch, dass die Wende nicht für alle ein Glück war. Ihre Mutter, eine Chemikerin, verlor ihre Stelle. Heute arbeitet sie in einem Callcenter. Bitter, sagt die Tochter. Der Vater, ein Ingenieur,  habe das Neue als große Chance gesehen und Karriere gemacht. Er ist sehr glücklich, sagt die Tochter. Als sie 16 Jahre alt war, trennten sich die Eltern.
"Da hilft mir jemand, da liebt mich einer", habe sie als Kind oft gedacht, wenn es schlimm wurde. Jemand war Gott. Sie kannte ihn flüchtig vom Magdeburger Domgymnasium. Das war ihr zu wenig. Sie ging in die Kirche um die Ecke und fragte nach ihm. Selbstverständlich war das nicht. "Gott und Kirche kamen zu Hause nicht vor", sagt Eisenschmidt. Die Pfarrerin lud sie zum Konfirmandenunterricht ein und wurde zu einer Art zweiter Mutter. Die Pfarrerin war Renate Höppner, die Frau des späteren Ministerpräsidenten und Kirchentagspräsidenten Reinhard Höppner. Elke Eisenschmidt wurde ernst genommen, leitete Jugendgruppen, mit 15 ließ sie sich konfirmieren. Dann die Überraschung: Ihr Vater war auch gläubig, hatte während des Studiums bei Pfarrer Schorlemmer den Glauben entdeckt. Nur hatte er das seinen Kindern nie erzählt. Sie sollten ihren eigenen Weg finden. 
Manchmal klicken Proteine aneinander und die Zellen verändern sich, aber der Mensch hat trotzdem nichts gelernt, sondern nur einen Schnupfen, sagt Eisenschmidt. Hatte sie sich wirklich verändert oder war das mit ihrem Glauben doch nur so eine Art Schnupfen? Mit 17 kamen ihr Zweifel. Aber als sie sich in die Mathematik vertiefte, merkte sie, dass sich auch Naturwissenschaftler der Wirklichkeit nur mit Modellen nähern. Ein Modell ist so lange gültig, bis es durch ein anderes abgelöst wird. Naturwissenschaften und Glaube würden sich nichts wegnehmen, ­sondern sich  ergänzen, vielleicht so wie der Milchreis und der Zimt, die die junge Frau jetzt miteinander verrührt. Oft redeten Kirchenleute und Naturwissenschaftler aneinander vorbei, jeder eingeschlossen in seiner Sprache. Sie will Türen öffnen, durch­lüften, Menschen zusammenbringen.
Bei ihrer italienischen Mitbewohnerin hat das schon gewirkt. Die ist auch Mathematikerin. Was sie von der katholischen Kirche in Italien kannte, ließ sie zur Atheistin werden. Wenn Elke Eisenschmidt mit ihr auf Reisen geht, darf maximal eine Kirche am Tag besichtigt werden. Kürzlich habe die Italienerin erstaunt fest­gestellt: So etwas gibt es, eine Kirche, die einen ernst nimmt. Auch wenn man anderer Meinung ist! Als Elke Eisenschmidt in den Rat der EKD gewählt wurde, haben sie zusammen gefeiert.

Claudia Keller

 

 

Weitere EKD-Ratsmitglieder

Jochen Bohl, Landesbischof, Dresden
Tabea Dölker, Erzieherin, Holzgerlingen
Dr. Ulrich Fischer, Landesbischof, Karlsruhe
Dr. Johannes Friedrich, Landesbischof, München
Dr. Margot Käßmann, Landesbischöfin, Hannover
Uwe Michelsen, Journalist, Hamburg
Dr. Fidon Mwombeki, Generalsekretär der Vereinten Evangelischen Mission, Wuppertal
Jann Schmidt, Kirchenpräsident, Leer
Nikolaus Schneider, Präses, Düsseldorf
Marlehn Thieme, Direktorin bei der Deutschen Bank AG, Bad Soden
Gesine Weinmiller, Architektin, Berlin
Klaus ­Winterhoff, Juristischer Vizepräsident des westfälischen Kirchenamtes, Bielefeld
Katrin Göring-Eckardt, MdB, Bundestagsvizepräsidentin, Berlin, als Präses der Synode


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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/Persoenlich.php
[Stand: Donnerstag, 11. März 2010 17:19 Uhr]

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