Persönlich
Ulrike Poppe
© Fotos: Nina Lüth
Das Bild entstand auf dem Balkon ihres Potsdamer Büros, ganz in der Nähe eines alten Stasigebäudes
Über die Opposition in der DDR fand sie zur evangelischen Kirche. Nun ist sie erste Stasibeauftragte des Landes Brandenburg
Eine Wasserflasche, Gläser und Kekse auf dem Boden, drum herum sind Stühle aufgestellt. Ulrike Poppe empfängt die nächste Besuchergruppe. Es sind Studenten der FU Berlin, Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung, die etwas über den Umgang mit der DDR-Vergangenheit erfahren wollen. "Welche Systematik werden Sie Ihrer Arbeit zugrunde legen?", will einer wissen. "Das wüsste ich auch gern", sagt Ulrike Poppe, alle lachen. Fremdheit zu vertreiben, ein zwangloses Klima zu schaffen, das gelingt ihr schnell. Sie strahlt etwas Fürsorgliches aus.
Seit März dieses Jahres ist die Bürgerrechtlerin die "Beauftragte des Landes Brandenburg für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur", berufen von der rot-roten Regierung von Ministerpräsident Matthias Platzeck, die unter Druck geraten war, als die Stasiverwicklungen von immer mehr Landespolitikern bekanntwurden. Der Kurzname für ihr neues Amt variiert. Im Angebot sind Aufarbeitungs-, Diktatur- oder Stasibeauftragte. Zuvor war Ulrike Poppe 18 Jahre lang Studienleiterin in der Evangelischen Akademie in Berlin, zuständig für die Zeitgeschichte der DDR.
Aus der gesellschaftlichen Nische begibt sie sich nun auf hartes politisches Pflaster. Kaum etwas rührt so sehr an das Selbstverständnis der Menschen in den neuen Bundesländern wie die Frage, ob Leute, die dem DDR-Staat beflissen gedient hatten, heute vertrauenswürdige Politiker sein können. Ulrike Poppe soll helfen, Antworten zu finden - und Anlaufstelle für die Opfer der DDR-Diktatur sein.
Ob sie es richtig findet, dass Jan-Hendrik Olbertz der künftige Präsident der Humboldt-Universität wird, obwohl sich der studierte Pädagoge in seinen vor der Wende verfassten wissenschaftlichen Arbeiten systemtreu geäußert habe, fragt ein Student. "Ich hätte mir gewünscht, dass Olbertz sich ernsthafter mit seinen früheren Arbeiten auseinandergesetzt hätte und dass ihn das Berufungsgremium nach seiner Haltung gegenüber dem System in der DDR befragt und seiner Arbeit in der DDR gefragt hätte. Seine befremdlichen und völlig unnötigen Beweihräucherungen der damaligen Ordnung sollten schon Anlass für kritische Nachfragen sein, wenn es um eine Präsidentschaft geht. Damit ist eine Eignung ja nicht per se ausgeschlossen. Wichtig ist, wie er sich heute dazu verhält." Poppe verlangt vor allem schonungslose Offenheit. "Wer als Politiker wirken will, muss sich befragen lassen. Daran erweist sich seine Glaubwürdigkeit."
Für schnelle Verurteilungen ist die frühere DDR-Bürgerrechtlerin nicht zu haben. Parteizugehörigkeit und Zusammenarbeit mit der Stasi geben für sie nicht unbedingt den Ausschlag. Es ist komplizierter. Sie erzählt von einem Arbeitskollegen, einem Mitglied der SED, der sich weigerte, eine Erklärung zu unterschreiben, in der sich das Arbeitskollektiv von ihr, der Regimegegnerin, distanzierte. Damit hatte er in der DDR seine Chance auf beruflichen Aufstieg verspielt. Auf den konkreten Fall komme es ihr an. Sie will differenzieren, und sie findet es wichtig, wie sich Menschen heute zu ihrer Vergangenheit stellen. Ihre eher vorsichtige, fragende Haltung könnte darin begründet sein, dass sie sich an ihre eigene politische Bewusstwerdung erinnert, und auch bei nahestehenden Menschen, zum Beispiel ihrem Vater, einem frühen SED-Mitglied, erlebt hat, dass sich politische Einstellungen verändern können.
Sie ist leise, eindringliche Erzählerin, Zeitzeugin und Geschichtslehrerin in einem. Wer nur ihren Lebenslauf liest, in dem sechs Wochen Gefängnis erwähnt werden, könnte den Dauerkonflikt des Ehepaars Poppe mit dem DDR-Staat leicht als Bagatelle betrachten. Beim Zuhören ist das anders. Sie beschreibt, wie Mitarbeiter der Stasi jeden ihrer Schritte verfolgten, jeden Kontakt registrierten, in der Wohnung der Familie jedes Wort mithörten.
Als 15-jährige Schülerin geriet Ulrike Poppe zum ersten Mal ins Visier des Staates. Mit anderen Schülern hatte sie eine Anfrage an die Volkskammer entworfen, in der auch die Chance einer Wiedervereinigung erwähnt wurde. Ein Mitschüler aus kirchlich engagierter Familie musste deswegen die Schule verlassen, sie durfte bleiben. Während ihres Lehrerstudiums in Berlin schloss sie sich staatskritischen Kreisen an. Da erst erfuhr sie von den Verbrechen des Stalinismus, las Margarete Buber-Neumann und Jewgenija Ginsburg. Im dritten Studienjahr brach sie ihr Lehrerstudium ab. Ihre Bildungsorte fand sie nun vornehmlich am Rand der DDR-Gesellschaft, in Psychiatrien, in Kinderheimen und in den Gruppen der Opposition. "Ich hab mir überhaupt keinen Kopf gemacht, mir war eine berufliche Karriere nicht wichtig." Wirklich? Sie relativiert. Unter den Dissidenten in der DDR habe ein umgekehrtes Wertesystem gegolten: "Wer seine Seele nicht an den Staat verkaufte, war in der Opposition angesehen."
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