Menschen

Aug' in Auge mit dem Chef

03/2010


Martina Guidotti.

Ein überraschend komplexer Job: Martina Guidotti ist Betriebsrats­vorsitzende bei der Softwarefirma Open Text

 

Betriebsrat, wie uncool ist das denn, das ist doch für Verlierer! Oder für Kohlekumpel. Ein Report aus dem ­Innersten der Arbeitswelt, wo jetzt ­sogar Investmentbanker und Verlagslektoren auf komische Ideen kommen


Text: Christine Holch

 

Hätte man Martina Guidotti vor zehn Jahren gefragt, ob sie vielleicht zur Betriebsratswahl in ihrer IT-Firma kandidieren möchte, man hätte sich ein entrüstetes Nein eingefangen. Guidotti stellte sich unter Betriebsräten bärtige Männer vor, die den ganzen Tag mit dem Arbeitgeber herumstreiten. Nee, so was brauchen wir nicht, wir haben doch einen guten Draht zur Geschäftsführung, wir sind fast schon eine Familie. Dachte sie. Denken viele Beschäftigte.
Bis etwas passiert - eine Fusion, eine Auslagerung, eine Massenentlassung - und deutlich wird, dass Belegschaft und Geschäftsführung durchaus gegensätzliche Interessen haben können.
Bei Martina Guidotti klickte es, als eine kanadische Firma ihren Betrieb aufkaufte und viele Kollegen entließ. "Die mussten binnen zweier Stunden ihren Schreibtisch räumen. Das war nicht schön." Künftig wollte sie bei so was mitreden. Also gründete sie einen Betriebsrat. Jetzt ist Guidotti, die zuvor "eine bessere Assistentin für Global Services" war, Betriebsratsvorsitzende des Softwareunternehmens Open Text in Grasbrunn, Landkreis München, zuständig für die rund 670 deutschen Beschäftigten. Als es jüngst wieder eine Ent­lassungswelle gab, setzten sie und ihr Stellvertreter sich mit jedem Gekündigten zwei Stunden zusammen: Sie hörten sich den Schmerz an und die Wut, sie gaben Rechtstipps.
Nur die Hälfte der deutschen Beschäftigten wird durch einen Betriebsrat vertreten. Doch jetzt, in der Krise, brodelt es in den Belegschaften. So kommt es, dass Callcentertelefonistinnen ihren Mut zusammenraffen und sich selbst coole Investmentbanker oder schnöselige Multimediakreativlinge für so was Uncooles wie eine Betriebsratsgründung interessieren; manche wagen dafür sogar den Besuch bei ­einer Gewerkschaft.
Erst später merken sie, dass es aufreibend und überraschend komplex ist, Betriebsrat zu sein: Sie können gestalten, sie gehören auf besondere Weise zur Führungsriege des Betriebs, aber sie blicken auch in Abgründe, und immer wieder stoßen sie an ihre Grenzen.
Martina Guidotti zum Beispiel musste "auf die harte Tour lernen", wie man strategisch verhandelt. "Ich hab ganz naiv gedacht, wenn ich fair und offen bin, geht der andere auch so mit mir um. Das war aber nicht so." Quälend lang ringt sie manchmal mit der Geschäftsführung, etwa um eine transparente Verteilung der Boni - denn bislang ging das nach Nasenfaktor, nicht nach Leistung. Kurzum: Die 44-Jährige ärgert sich mehr als früher.
Warum tut sie sich das an? Weil ihr die Kollegen am Herzen liegen, ja, auch die Firma. "Und ich wachse ­jeden Tag. Meine Familie sagt schon: ,Seit wann bist du so diplomatisch? Früher hast du auf den Tisch gehauen und geschrien.'" Sie hat gelernt, ihre Gefühle nicht mehr auf der Zunge zu tragen. "Aber ich würd ein ­Magengeschwür kriegen, wenn ich den Ärger nicht ­irgendwo rauslassen könnte. Wenn ich mit meinem Mann zu Hause in der Sauna sitze, dann laber ich ihn voll - ich hab einen sehr geduldigen Mann."
Einmal noch will Guidotti kandidieren, jetzt, bei den Wahlen, die vom 1. März bis 31. Mai laufen. Nun sucht sie weitere Kandidaten, sie braucht ja Mitstreiter. Wenn also mal wieder jemand heftig schimpft, sagt sie: "Okay, dann lass uns das ändern! Wir haben wieder Wahlen, magst du nicht kandidieren?" Oft bekommt sie dann zu hören: "Ach nö, ihr macht das schon."
So hätte Peter Höfle nie geantwortet. Höfle ist ­Lektor beim Suhrkamp-Verlag, ein Kafkaexperte. Er empfand es damals als Vertrauensbeweis, gefragt zu werden, und als Pflicht: "Man kann nicht nur meckern und sich dann, wenn es an die Arbeit geht, zurückziehen." Trotzdem erbat sich der 47-jährige Vater von drei ­Kindern Bedenkzeit. Klar, laut Gesetz dürfen Betriebsräte jederzeit die normale Arbeit für ihre besonderen Aufgaben ruhen lassen, sagt Höfle, Fakt aber sei, dass Betriebsratsarbeit Mehrarbeit ist. "Außerdem streite ich mich nicht gern. Das muss man dann aber tun. Stehe ich das durch?"
Doch dann machte ihm etwas ganz anderes zu schaffen. "Weil beim Betriebsrat alles zuerst landet, neigt man dazu, überall das Schlechte zu sehen: Der wieder! Sind die blöd!" Richtig schwierig wurde es, als die Geschäftsführung ankündigte, mit dem Verlag von Frankfurt am Main nach Berlin zu ziehen. Trotz aller Proteste, irgendwann konnte man nur noch einen möglichst guten Sozialplan aushandeln. Nicht jeder verstand das gleich. "Kompromisslerisch", schimpften Einzelne. Das tat weh. Aber wie hatte der Trainer in der Betriebsräteschulung gesagt: "Ihr könnt so gut sein, wie ihr wollt, ihr werdet auch Anfeindungen erleben. Da müsst ihr durch. Es gehört zu eurer Rolle, dass ihr aneckt."
Jetzt ist der Suhrkamp-Verlag von Frankfurt nach Berlin gezogen. Ohne Peter Höfle, der wird nun Lehrer. "Trotz furchtbarer Phasen, es waren tolle Jahre", sagt er. Weil er was bewegen konnte, weil er die Abläufe im Betrieb durchschaute wie nicht mal die Geschäftsführung, "weil ich wahnsinnig viel gelernt habe".
Tatsächlich: Der Betriebsrat ist kein Sammelbecken für Zu-kurz-Gekommene, ganz im Gegenteil, immer mehr hochqualifizierte und studierte Beschäftigte finden die Betriebsratsrolle attraktiv, das fand der Soziologe Hermann Kotthoff von der TU Darmstadt heraus. Vom Betriebsrat ausgeschlossen sind nur Leitende mit ­Kündigungsbefugnis oder Generalvollmacht. Erst recht attraktiv ist die Leitung des Betriebsrates: Dieses Amt wird nicht anstatt einer beruflichen Karriere angestrebt, sondern zusätzlich. 
Dafür muss man aber erst mal einen Betriebsrat gründen. Je kleiner eine Belegschaft, umso seltener hat sie eine Interessenvertretung; von den Betrieben mit bis zu 50 Mitarbeitern haben so nur sechs Prozent ­einen Betriebsrat. Manchmal liegt das daran, dass in kleinen Betrieben die Abhängigkeit vom Arbeitgeber besonders groß scheint - wie in Zahnarztpraxen oder Rechtsanwaltskanzleien -, manchmal daran, dass sich die Angestellten selbst wie Arbeitgeber fühlen. Wie in Investmentbanken.
  Ein Hochhaus in Frankfurt am Main, die deutsche Niederlassung einer internationalen Investmentbank. Wer hier arbeitet, hantiert mit viel Geld. Robert Eisenstätt#*, sportlich, Ende 30, ist ein Siegertyp. Ja, es ist in Ordnung, wenn jemand gehen muss, weil ein anderer besser ist, sagt er. Aber bitte, es soll dabei "fair und transparent" zugehen. Nicht so, wie er es erlebt hat, als die Firma im Trubel der Bankenkrise übernommen wurde. Stellen, die es nun doppelt gab, wurden ge­strichen; auf die verbliebenen sollten sich die Leute neu bewerben. Es werde ein fairer Auswahlprozess sein, hieß es. "Aber es war von vornherein klar, wer rausfliegt", sagt Eisenstätt. Ihm zum Beispiel habe man schon vorher bedeutet, dass er bleibe. "Diese Unehrlichkeit, Entschuldigung, kotzt mich an."

 

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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/Menschen.php
[Stand: Donnerstag, 11. März 2010 17:17 Uhr]

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