Meinungen

Heimlich, still und leise

09/2010


Bilder aus Häusern von Christen.

Wären Sarah und Ibrahim einfach Christen, dann gehörten sie in Syrien zu einer mehr oder weniger akzeptierten Minderheit. Aber die beiden sind konvertiert, vom Islam zum Christentum übergetreten. Das wird mit Ausgrenzung bestraft - und mit Argwohn, auch in den christlichen Gemeinden

Charlotte Bergmann

 

 

Von außen sieht das Haus aus wie ein Rohbau. Die Wände sind nicht verputzt, die Treppenstufen aus gegossenem Beton, überall gucken Kabel und Drähte aus der Wand. Licht gibt es nicht. Eine Frau mit kurzen, dunklen Haaren und einem rosa T-Shirt öffnet die schwere Wohnungstür. Während ihr Mann mit den Kindern und dem Gepäck nachkommt, holt sie Gläser und nimmt Orangensaft aus dem Kühlschrank. Fünf Stunden sind sie im überhitzten Bus gefahren - von dem kleinen Ort an der Küste über staubige Straßen zurück in die Großstadt. Nach einigen Tagen bei ihren Verwandten sieht Sarah erschöpft aus. "Sie verstehen mich nicht", sagt sie, "und meine Entscheidung erst recht nicht." Vor zehn Jahren ist Sarah konvertiert - vom Islam zum Christentum.
In Syrien ist dieser Schritt alles andere als leicht. Für Sarahs Familie bedeutete ihr neues Bekenntnis den Abfall vom wahren Glauben. Rund 85 Prozent der Syrer sind Muslime. Die Strengen unter ihnen würden Sarahs Entscheidung mit dem Tod bestrafen. Ihre Familie nicht - dennoch ist das Verhältnis seitdem angespannt. "Meine Kinder allein bei meinen Verwandten lassen? Kommt gar nicht infrage!" Mehr als einmal hätten ihre Eltern versucht, ihre Kinder zu beeinflussen. Seitdem kümmern sich Sarah und ihr Mann allein um alles. In einem Land, in dem familiäre Beziehungen in allen Bereichen des Lebens wichtig sind, bleiben Sarah und ihr Mann Ibrahim auf sich gestellt.
Jeden Morgen bringt Ibrahim die drei Kinder in den Kindergarten. Wenn er sich kein Auto leihen kann, nimmt er den Bus. Das bedeutet zwei Mal umsteigen und eine Dreiviertelstunde Fahrt, damit die Kinder einen christlichen Kindergarten besuchen können. Mittags geht es auf dieselbe Weise zurück. Ibrahim, der wie seine Frau im wirklichen Leben anders heißt, kann sich seine Zeit einteilen. Eine feste Arbeit hat er nicht. Während seine Frau ein kleines Gehalt mit nach Hause bringt, versucht er, die Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten.
Ibrahim hat im Ausland studiert. In dieser Zeit hat er nach dem Sinn des Lebens gesucht, nach Erfüllung. "Zwei Jahre lang habe ich jeden Tag den Koran gelesen, fünfmal gebetet und bin in die Moschee gegangen. Ich dachte, irgendwann kommt das Gefühl, Gott nah zu sein." Aber es kam nicht. Im Koran hat er viel über Jesus gelesen, der von den Muslimen als Prophet anerkannt wird. "Es hat mich fasziniert, wie er Kranke geheilt hat, wie er niemandem Leid angetan hat. Da wollte ich mehr über ihn erfahren." In der Bibel fand Ibrahim, wonach er gesucht hatte. "Als Muslim habe ich immer gedacht, ich muss stark sein, um Gott zu gefallen, und ihn durch meine Taten von mir überzeugen. In der Bibel habe ich gelernt, dass Gott uns annimmt, ganz so wie wir sind, sobald wir ein reines Gewissen haben."
Diese Erkenntnis wollte Ibrahim mit seiner Familie teilen, doch er stieß auf Unverständnis. Seine Eltern sind Alawiten. Sie sind Muslime, befolgen aber nicht streng alle Gesetze des Korans. Die Frauen tragen häufig kein Kopftuch, und viele trinken ab und zu Alkohol. Auch der syrische Präsident Bashar al-Assad ist Alawit. Während seiner Präsidentschaft und der seines Vaters, von dem er das Amt übernommen hat, haben viele Alawiten Karriere in Politik und Militär gemacht.
So auch Ibrahims Vater. Dass sein Sohn konvertiert ist, war für ihn eine persönliche Schmach. Mehrmals habe seine Familie versucht, ihn zum Umkehren zu bewegen, sagt Ibrahim. Als emotionaler Druck nicht mehr half, ließen sie ihre Kontakte spielen. Plötzlich erhielt Ibrahim kein Visum mehr, um sein Studium im Ausland zu beenden. Das Leben, das er in seiner Heimat aufzubauen versuchte, stand immer auf der Kippe. "Meine Eltern haben Verbindungen - auch zu Christen. Sie haben von Leuten aus meiner Gemeinde vertrauliche Informationen über mich bekommen, die sie gegen mich verwendet haben."
Ibrahim sitzt auf dem Balkon, seine jüngste Tochter auf dem Schoß. Über ihm hängt ein selbst gebasteltes Kreuz aus stacheligem Draht, darin eingeflochten eine Lichterkette. Zwei Mal saß Ibrahim seit seiner Rückkehr nach Syrien im Gefängnis, aber niemals konnte ihm etwas Konkretes nachgewiesen werden. Seit 1963 gilt in Syrien der Ausnahmezustand. Die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch kritisieren die Willkür der Sicherheitskräfte gegenüber Andersdenkenden. Dazu zählen auch Konvertiten. Über seine Zeit im Gefängnis schweigt Ibrahim. "Arabische Männer erzählen so etwas nicht", sagt er, "das ist zu beschämend." Noch heute, sagt Ibrahim, wird er vom Geheimdienst beobachtet. Ein Festnetztelefon hat er daher nicht, auch keinen Internetzugang. Im Nebenzimmer klingelt das Handy. Aus Angst, auch darüber abgehört zu werden, lässt er es stets in einem anderen Raum. Der Anrufer ist Mahmud. Auch er hat zwei kleine Kinder, auch er ist konvertiert.

 

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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/Meinungen.php
[Stand: Dienstag, 31. August 2010 14:07 Uhr]

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