Kunst und Kultur

Ich habe ihn nicht verraten!

02/2010


Illustration.

Judas aus Kariot: ein Mann, der mit Geld umgehen kann. Geschäftsführer des Kreises um Jesus von Nazareth. Hat er sein Idol an die Behörden in Jerusalem verraten? Ist er schuld an seinem Tod? Verteidigungsrede eines Mannes, der an die Sache Jesu wirklich glaubte

Text: Arnd Brummer

 

Ich habe ihn nicht verraten! Ich bin kein Verräter. Ich war immer ehrlich. Wenn er sich auf jemanden verlassen konnte, dann auf mich. Da kannst du alle fragen. Alle! Selbst jene, die mich nicht besonders leiden mögen, wissen das. Wenn sie sich nicht als verlogene Kreaturen bloßstellen wollen,  können sie gar nichts anderes behaupten. Sie werden dir eindeutig bestätigen: Judas aus Kariot ist der unter den Freunden des Nazareners, der sich für ihn hätte auspeitschen und vierteilen lassen. Judas ist wie ein Bruder für Jesus gewesen, werden sie dir erzählen. Der Treueste der Treuen. Ein anständiger Kerl, durch und durch. Wenn sie etwas anderes sagen, dann lügen sie.
Als ich Jesus zum ersten Mal begegnet bin, habe ich sofort gespürt: Der ist etwas Besonderes! Ich habe in seine Augen ge­sehen und hatte das Gefühl, direkt in die Sonne zu schauen. Ja, ich fühlte mich geblendet. Mir kamen die Tränen. Nein, das stimmt so nicht. Es war anders.
Ich stamme aus Judäa. Meine Wege führten mich nur dann ins galiläische Land, wenn ich den Viehhändler Elia in Kapernaum besuchte.  An diesem Morgen traf ich ihn bei seinen Ställen nicht an. Ich wollte Schafe kaufen. Seine Knechte sagten, er sei im Ort unterwegs. Also machte ich mich auf die Suche nach ihm.
Ich kam auf den Platz vor dem Bethaus und vergaß Elia, vergaß, was ich hier eigentlich wollte. Denn da stand Jesus in einer Gruppe von Menschen. Ich sah ihn zuerst von hinten. Er ist ja nicht übermäßig groß, nicht breitschultrig. Ein schmaler Kerl, einen halben Kopf kleiner als ich. Seine Kleidung konnte man, wenn man es höflich ausdrückte, bescheiden nennen. Ein verwaschenes Oberkleid, das vermutlich irgendwann einmal blau gewesen sein muss; Sandalen, die ich keinem Knecht mehr angeboten hätte. Und dennoch ging von ihm eine ungeheure Kraft aus. Das spürte ich schon, bevor ich zum ersten Mal sein Gesicht sah. Als er sich zu mir umdrehte, ereignete sich, was ich bereits erzählt habe. Ich war geblendet. Ich musste meine Augen mit dem Ärmel meines Gewandes schützen.
Während ich das tat, trat er an mich ­he­ran und legte seine Hand auf meine Schulter. Wellen der Wärme durchfluteten meinen Körper, und dann sprach er mich an. "Wer bist du?" Und ich nannte ihm meinen Namen. "Judas", so klangvoll hatte vor ihm noch niemand meinen Namen ausgesprochen, "Judas, willst du bei mir bleiben?" - Mir versagte die Stimme. "Ja, Herr", brachte ich unter Mühen heraus, "ja, das möchte ich!" Wir zogen durch Galiläa. Manchmal in der großen Gruppe, manchmal nur zu zweit oder zu dritt. Dann war nur Simon bei ihm, der sich Petrus nennt, und Andreas oder Johannes und ich eben. Wenn Jesus schlafen wollte, bettete ich ihn auf meinen Mantel und wachte an seinem Lager. Ich besorgte Wasser und etwas zu essen. Das war meine Aufgabe. Und ich verwaltete das Geld für uns. Jesus kümmerte sich um all dies nie. Aber dafür war ich ja da. Er brauchte das nicht zu tun.
Einmal, als uns ein Kaufmann aus Sep­phoris einen schweren Säckel mit Münzen schenkte, überlegte ich, ob ich den größeren Teil davon vergraben und nur ein paar mit auf die Wanderung nehmen sollte. ­Simon neckte: "Das erste Mal, dass Judas Geld als zu viel erscheint. Da doch nehmen für ihn seliger ist denn geben." Das fand ich gemein, war ich aber von Simon nicht anders gewohnt. Der raue Charme der Fischer. Als dann aber Jesus sagte: "Ach, die Beule unter seinem Gewand ist der Geldsack. Ich dachte, die kommt davon, dass er beim  Essen neben Maria saß", da lachten alle.
Dass er sich über mich lustig machte, empfand ich als Verrat. Als Verrat an unserer Freundschaft! Nicht ich habe ihn verraten. Er verriet mich! Ich fühlte mich erniedrigt und gekränkt. Da rackerte ich und machte und tat. Für ihn. Nur für ihn! Und er? Gab mich dem Gespött der anderen preis. Er sah sofort an meinem Gesicht, dass mir das nicht behagte. Er kam zu mir, umarmte mich. "Verzeih, Judas! Ich habe es nicht böse gemeint. War ein blöder Scherz." Und sofort flaute mein Ärger ab. Ich konnte ihm nicht böse sein! Nicht ihm, den ich mehr liebte als mein eigenes Leben!

 

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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/Kunst_und_Kultur.php
[Stand: Donnerstag, 11. März 2010 17:17 Uhr]

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