Künstler
Doris Dörrie
© mathias bothor/photoselection
Doris Dörrie ist als Autorin schon fast so bekannt wie als Filmemacherin. "Männer" (1985), "Bin ich schön?" (1998), "Kirschblüten - Hanami" (2008) gehören zu ihren größten Kinoerfolgen
"Wer friert, ist dumm", sagt eine energische Mutter in Doris Dörries neuem Buch. Schon klar, was die Mutter meint: Wer friert, hat sich nicht warm genug angezogen. In "Martin" lernt ein kleiner Junge, dass man manchmal genauer hingucken muss. Er lernt, dass es so was wie Armut gibt, und klärt sein Verhältnis zu ihr: er teilt.
Doris Dörrie, 54, Filmregisseurin, Autorin und Produzentin, ist nicht der Typ für Sozialkitsch. Teilen, das ist für die Frau mit dem unkomplizierten blonden Strubbelkopf einfach eine Sache, die allen guttut. "Teilen macht glücklich", sagt sie, "weil es aus der Isolation in die Kommunikation führt. Unser erster Reflex ist leider oft der Fluchtreflex. Wir müssen üben zu teilen."
Wunderbar, wenn man's erst kann, auch mit einem völlig Fremden - "auf der allereinfachsten Ebene ein Lächeln, eine Aufforderung, die Welt in diesem Augenblick gemeinsam wahrzunehmen". Gerade erst hat die Münchnerin erlebt, wie das ist, wie froh es macht, wenn andere es mit einem versuchen. "Vor ein paar Tagen ging ich abends nach Hause, und eine fremde Frau machte mich drauf aufmerksam, dass aus einem geöffneten Fenster das ,Köln Konzert' von Keith Jarrett klang. Wir standen einen Moment lang zusammen und lauschten. Es regnete ein bisschen, und die Musik, der Regen, das Licht auf der Straße passten perfekt zusammen und machte uns beide glücklich."
Martin übt noch, und wie alle Anfänger will er gleich alles richtig machen. Und wie alle Könner, wie alle Heiligen denkt er nicht lange nach, fragt nicht, sondern macht einfach. Der kleine Junge nimmt seine dicke rote Jacke und reißt sie in der Mitte durch, so dass die Daunen in den kalten Winterhimmel stieben. Wie sinnlos, mag der Realist einwenden, das nützt doch niemandem. Doch die alte Dame, die rauchend und ohne Jacke auf der Parkbank sitzt und dann eine halbe dicke rote Jacke geschenkt bekommt, sie versteht. "Schön mollig auf der einen Seite", sagt sie - und damit ist der Schritt von der Isolation in die Kommunikation geschafft. Teilen kostet vor allem erst mal Überwindung.
© PR
Der obdachlosen Frau und dem kleinen Jungen geht es hinterher besser als vorher, auch wenn die Sache mit der Jacke jetzt das Bekleidungsproblem auf beiden Seiten nicht endgültig löst - so wie ja auch die großzügigste Spende das Ernährungsproblem der Welt nicht löst.
Der heilige Martin hatte der Überlieferung nach seinen Soldatenmantel mit dem Schwert zerteilt und eine Hälfte einem armen Mann gegeben. Dieser Heilige als Bilderbuchheld - Doris Dörrie, eine gewiefte Schöpferin von Film- und Buchfiguren, die bestimmt im Haus gegenüber wohnen oder mit einem nur um eine Ecke verwandt sind, hat ihn nicht allein erfunden. Mit der vielfach ausgezeichneten Illustratorin Jacky Gleich dachte sie sich einen kleinen Jungen aus, der seine Beklemmung nicht hinunterschluckt, sondern sich ein Herz fasst. Beide haben wenig übrig für Didaktik; sie wollen Geschichten erzählen. Und sie denken in Bildern, die Illustratorin wie die Filmemacherin. So ist "Martin" ein Winterbilderbuch geworden, das auch vom Schnee erzählt und von der Kälte, aber ohne dass es darin je wirklich kalt würde, denn für die Wärme sorgen ja Menschen, große und kleine. Wärme ist Kommunikation, damit ist ein Anfang gemacht. Den Rest kriegen wir später.
Anne Buhrfeind
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