Doppelpunkt

Leitkultur Sport

02/2010


Sabine Horst.

Keuchend in die Zukunft: So werden wir gesund, schön und schlau. Aber können wir nicht einfach mal nur rumsitzen?

 

Sabine Horst, 49, ist Filmkritikerin und Redakteurin bei Deutschlands wichtigster Filmzeitschrift: "epd Film". Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

 

Der Jogger zieht seine Runden. In regelmäßigen Abständen kommt er um die Hecke getrabt und läuft rüber zum Ententeich. Er wirkt ein bisschen genervt, aber er macht das schon zwanzig Minuten lang. Der Jogger ist zwölf oder dreizehn, ein Junge im Logo-Shirt, an den Füßen diese Sportschuhe, die aussehen, als wäre man in schnell trocknende Kunststoffmasse getreten. Ich lasse die Zeitung sinken. So viel Aktivität morgens um sieben macht mich unruhig. Ich frage mich, was macht der da, noch vor der Schule schwitzend im Park. Erwachsene tun so was. Wenn sie in die neue Hose passen wollen. Aber ein Teenager? Kann er nicht schlafen? Trainiert er für Olympia? Wahrscheinlich findet das keiner außer mir seltsam. Dass ein Kind frühmorgens joggt. Der Rest der Welt ist nämlich sportlich. Und zwar nicht nur so irgendwie und gelegentlich. Sport heute - das ist kein Hobby mehr. Es ist eine Lebensaufgabe. Etwas, das den Alltag strukturiert und die Reste dessen frisst, was man mal Freizeit genannt hat. Auch dann, wenn man sich gerade nicht bewegt.
Neulich zum Beispiel. Da war ich zu einem Kneipenabend mit Freundinnen verabredet. Gemütlich, dachte ich. Nach einem stressigen Bürotag bei ein, zwei Gläsern Wein nett plaudern, über Männer, Mode, neue Filme, alte Bekannte - ich bin da offen. Aber was passiert? Die anderen bestellen Bionade. Und unterhalten sich darüber, ob das Kind nach dem Tenniskurs ins Hockey gehen sollte oder zum Handball. Wie man die Mutter zum Walken animieren könnte - sie ist so unbeweglich geworden mit ihren zweiundsiebzig. Gabi hat ihr Laufpensum auf zehn Kilometer ge­steigert, Riekes Mann fährt mit dem Rad über die Alpen, Annes Familie plant einen Tauchurlaub in Israel. Nach zwei Stunden schleiche ich nach Hause, vollkommen erschöpft. Mit dem Gefühl, dass ich nicht nur nicht mitlaufen, sondern nicht einmal mehr mitreden kann. Gibt es vielleicht einen Verein der Leute, denen es ganz egal ist, ob man die 100 Meter unter 11,0 schaffen kann?
Früher war Sport nichts Besonderes. Bei uns auf dem Land gingen die Jungs zum Fußball und die Mädchen zum Turnen, einmal die Woche. Fertig. Das musste nicht vor- und nicht nachbereitet werden, abgesehen vom Trikotwaschen. Und keiner hat Sport für etwas gehalten, das einem einen kulturellen oder sozialen Vorsprung verschaffen könnte. Im Gegenteil: Die An­kündigung: "Ich bin aufm Sportplatz" hatte eher einen herben, proletarischen Beigeschmack - der kam von dem Bier danach. Irgendwann nach dem Wimbledon-Sieg von Boris Becker gründete sich im Dorf ein Tennisclub. Und alles wurde anders. "Auf dem Tennisplatz" - das hatte Adel. Es kam mit trockenem Weißwein daher. Mit Markennamen wie "Head", "Fila" oder "Wilson". Mit dem Trainer, der nur für dich da war. In den Achtzigern machte mit Becker und Steffi Graf, mit dem Schwimmer Michael Groß und dem Skiweitspringer Jens Weißflog der Sport in unserer ­Gesellschaft so richtig Karriere - er wurde mit Bedeutung auf­geladen, übernahm die Feuilletons, wo seither die Dramaturgie der Olympiazeremonien oder der Drogentod des Radrennsports von Dichtern und Denkern analysiert werden. Während die Literatur in den letzten zwanzig Jahren keine wirklich neue Gattung hervorgebracht hat, wurde jeden Tag eine neue Sportart erfunden. Allein das zweitausend Jahre alte Wellenreiten hat sich in x Subgenres ausdifferenziert, vom Kitesurfen bis zum Hydrofoiling.

 

Illustration.

Sportartikel verkaufen sich seit Anfang des Jahrtausends schneller als warme Brötchen am Morgen - mit krisenbedingter leichter Abschwächung im zweiten Halbjahr 2009. Sportbekleidung läuft weiter gut: "Was früher nur Bergsteiger trugen, zieht man heute zum Spaziergang im Park an", hat Adalbert von der Osten, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Sportartikel-Industrie, bemerkt. Wir werfen uns also in Funktions­jacken, mit denen man einen schlechten Tag am K2 überstehen könnte, tragen Uhren, die dem Wasserdruck im Marianengraben standhalten, und Laufschuhe, die so intelligent sind, dass man sie eigentlich alleine losschicken müsste. In Kellern und Schuppen stapeln sich Sportgeräte für jedes Alter und Temperament: Laufräder, Einräder, Mountainbikes und Sporträder, gerne im vierstelligen Preissegment, Inliner, Skateboards und Schlittschuhe, Baseballschläger und Beachball-Sets... Okay, vielleicht hat das seine eigene Poesie. Es ist schon toll, dass man heute praktisch alles ausprobieren kann, was weltweit so unter Sport läuft.
Aber es erzeugt auch Druck. Das Zeug muss nicht nur gewartet werden. Es steht da und schaut dich an. Es flüstert in deinem Kopf, wenn du auf der Couch liegst und einen Krimi liest. Merkst du nicht, wie deine Wirbelsäule ächzt und dein Bindegewebe erschlafft? Merkst du nicht, was du dir antust? Du musst dein Leben ändern. Und nicht nur deins. Auch der Mann könnte ein kleines Workout vertragen. Während der Sohn... nun, der ist im Zeit­alter des Gameboys praktisch als Angehöriger einer Risikogruppe zur Welt gekommen, und deshalb haben wir ihm sowieso ein Fitnessprogramm verordnet: vom Babyschwimmen zum Turnen und ab in die Judo-AG.
Hey, was ist aus den klassischen Kulturtechniken geworden? Kriegen Kids Gratifikation für das Lesen von Romanen? Für ­einen schlauen Aufsatz? Ein originelles Bild? Während die Talentsucher von Sportgymnasien und Verbänden an den Grundschulen herumschnüffeln und jeder kuschelige Ballsportkurs sich nach einem halben Jahr in ein Leistungs- und ein Loser-Segment teilt, rutschen Topnoten in den Bildungsdisziplinen oft genug durch. Im Urlaub hat mir ein Junge erzählt, er habe an einer gesponserten Fahrradtour teilgenommen - mehr als tausend Kilometer in einer Woche. Das war spitze, und deshalb gab es für ­jeden Teilnehmer Sportartikel im Wert von "mindestens 100 Euro". Die Mitschüler, die zeitgleich einen Mathewettbewerb bestanden hatten, bekamen eine Urkunde. Auch schön. Der Lohn liegt in der Sache selbst - wenn man kein Sportkind ist.
Friedrich Schillers aufregende Erkenntnis, dass der Mensch nur da "ganz Mensch" ist, "wo er spielt", hat bestenfalls in den Nischen überlebt - dort, wo sich die letzten Thekenmannschaften zum Kicken treffen. "Fun-Sport" wurde eigens erfunden, damit wir nicht auf die Idee kommen, Sport insgesamt hätte was mit Spaß zu tun. Tatsächlich ist das ganze durchökonomisierte und "hochsterilisierte" (Bruno Labbadia) Freizeitsegment Sport zur herrschenden Kulturpraxis im Krisenkapitalismus geworden. Wer Sport treibt, tut nicht einfach was für sich; er signalisiert, dass er bereit ist mitzuziehen: seine Grenzen hinauszuschieben und sich zu bewegen - jedoch nicht irgendwohin, sondern nach vorne oben. Die Teilhabe am Sportkomplex verschafft uns Distinktion, Sozialprestige: Dick und faul sind immer die da unten. 
Auch für Peter Sloterdijk ist Schluss mit lustig. Der Philosoph,  der gerne hart am Zeitgeist segelt, träumt in seinem neuen Buch von einem weltumspannenden Trainingscamp, in dem der Sport das Paradigma abgibt für alle Tätigkeit, bei der der Mensch über sich hinauswächst. Wir sollen uns auf die Askese, die Disziplin, das Üben besinnen, wenn wir die drohende Katastrophe, die Selbstvernichtung unserer Spezies abwenden wollen. Ist das nicht eine typische Fantasie von Leuten, die vergleichsweise unentfremdet arbeiten? Würde mich jedenfalls interessieren, was die Lidl-Verkäuferin dazu sagt, wenn sie abends in die Horizon­tale gesunken ist. Oder der Monteur bei VW, der kein Pilates braucht, um "endlich mal wieder seinen Körper zu spüren".
Wenn ich mein Leben ändere, dann möchte ich vielleicht ein besserer oder klügerer Mensch werden. Aber bestimmt kein schnellerer. Ich habe mich, als ich so auf dem Sofa lag, ein bisschen kundig gemacht. Große Kulturleistungen sind oft das Er­gebnis von großer Entspanntheit oder gar Schluffigkeit gewesen. Alexander Fleming entdeckte das Penicillin in einer Bakterien­kultur, die er vor den Ferien irgendwo abgestellt hatte. Isaac ­Newton saß, so die Legende, unter einem Baum, als ihm die Idee mit der Schwerkraft kam. Und in der Schöpfungsgeschichte steht nicht: Am siebten Tag streifte Gott seine atmungsaktiven Kla­motten über, schwang sich auf sein Bike und fuhr ins Gym. Am siebten Tag ruhte Gott sich aus. Das mache ich jetzt auch. Laufen Sie schon mal los. Mich finden sie im Basislager.


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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/Doppelpunkt.php
[Stand: Donnerstag, 11. März 2010 17:19 Uhr]

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