Buchtipps
August 2010
Angerichtet
Zwei Paare treffen sich in einem mordsfeinen Restaurant. Aperitif, Amuse-Gueules - das Übliche. Was aber noch alles so "angerichtet" wird, das kommt in Herman Kochs Roman erst nach und nach auf den Tisch. Man ahnt schon, es wird schlimm. Und es lässt einen nicht los, auch wenn das Geschirr längst abgeräumt und das Buch ausgelesen ist.
KiWi, 19,95 Euro
Ein dreifach Hoch auf die Milchstraße
Vierzehn Geschichten von Kurt Vonnegut, dem großen amerikanischen Schriftsteller, der 2007 starb. Seine Helden sind kleine Leute, aber übergroß in ihrer Liebe,
ihrem Mut. Vonneguts Spezialität: die Krisen so zuzuspitzen, dass es eigentlich nur noch auf eine Katastrophe zulaufen kann - und dann gibts doch ein Happy End.
Verlag Kein & Aber, 18,90 Euro
Adam Haslettvzio: Hingabe
Adam Haslett hat den großen Roman über die Finanzkrise geschrieben ("Union Atlantic"), in seinen Storys erzählt er von Krisen persönlicher Art. Aber so durchgeknallt und so verletztlich wie das Wirtschaftssystem sind Menschen ja schon lange. Bei Haslett haben sie meist einen veritablen Dachschaden, wie du und ich. Wunderbare Geschichten, große Kunst!
Rowohlt Verlag, 12 Euro
Maria Beig: Das Gesamtwerk
Maria Beig? Nie gehört, werden viele denken. Nun ja, die Dame ist 90 Jahre alt, fing mit 60 überhaupt erst zu schreiben an, lebt in Oberschwaben, scheut öffentliche Auftritte, sie schreibt nüchtern, fast herb, und dann ist ihr Thema auch noch das bäuerliche (manchmal auch kleinstädtische) Leben von vor x Jahren. Aber das ist große Literatur! Man kennt das von Filmen: Die Inhaltsangabe ist abtörnend, denn das Thema hat so gar nichts mit dem eigenen Leben zu tun, aber der Film ist großartig. Weil man eben doch was übers Leben erfährt, auch übers eigene, über Lebenshaltungen, über Schicksalsschläge, vor allem über Lebenswege, die ja doch nie so verlaufen, wie man sich das mal in Überschätzung der eigenen Autonomie vorgestellt hatte. Maria Beig erzählt derart schonungslos vom harten Leben vor allem der Frauen im ländlichen Oberschwaben, dass ihr nicht selten Nestbeschmutzung vorgeworfen wurde. Auch von sich selbst und ihrem an Sackgassen reichen hat sie berichtet: in "Mein Lebensweg", 2009 ebenfalls bei Klöpfer & Meyer erschienen, sogleich auf Platz 1 der SWR-Bestenliste gelandet. Übrigens: Trotz des Themas Landleben sind das keine langsamen Texte, ganz im Gegenteil: Man wird jedes Mal mit hoher Beschleunigung in ein fremdes Leben geschleudert. Wer sich an diese Autorin erstmal herantasten möchte, könnte auch mit "Mein Lebensweg" anfangen. Oder über den Erzählungsband einsteigen. Allerdings, Warnung!, ist man jedesmal traurig, wenn eine Erzählung endet. Man möchte dieser Erzählerin einfach immer weiter zuhören. Versprochen: Diese Stimme lässt niemanden kalt.
cho
Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2010, 5 Bände, 89 Euro
Sabine Andresen, Micha Brumlik, Claus Koch (Hrsg.): Das ElternBuch
Nein, dies ist kein weiterer populistischer Erziehungsratgeber, kein Buch, das vereinfachende, sozialtechnische Rezepte gibt. Sondern hier melden sich 48 ForscherInnen und PraktikerInnen zu Wort mit, wie sie sagen, "gesichertem Wissen". Das hat es noch nie gegeben: solch eine Brücke zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Kindheits/Jugendforschung und ihrer Anwendung auf die alltägliche Erziehungspraxis. Entstanden ist eine sehr gut lesbare Sammlung von Aufsätzen entlang des Entwicklungsalters. Wie, zum Beispiel, lernt man mit Kleinkindern essen? Wie geht man mit Schulempfehlungen um? Wie kann man die Folgen von Trennung und Scheidung abmildern? Was ist, wenn ein Jugendlicher sich Rechtsextremen anschließt, sich selbst verletzt oder kriminell wird? Sehr schön die Antwort von Micha Brumlik auf die Frage "Sollen wir unser Kind religiös erziehen, und wenn ja - wie?" Oder Ute Andresen über das Glück in der Grundschule und wie man es befördert (nicht durch vorzeitige Fremdsprachenkurse oder aufgenötigtes Lesenlernen, sondern zum Beispiel durch freudvolles gemeinschaftliches Rumprobieren mit Schere + Klebstoff!). Oder die Schulleiterin Ulrike Kegler über die Schädlichkeit des zu frühen Vergleichens von Schulleistungen. Immer wieder die Frage: Wann muss ich mir Sorgen machen? Tatsächlich müssen sich Eltern in viel weniger Fällen Sorgen machen, als gemeinhin angenommen. Ein überaus beruhigender Effekt beim Lesen - gerade in Zeiten, da Eltern den Eindruck haben, sie müssten unglaublich viel tun, damit ihr Kind später mal seinen Platz in der Welt findet.
cho
Beltz Verlag, Weinheim/ Basel 2010, 635 Seiten, 29,95 Euro
Anne Nelson: Die rote Kapelle
Es waren nicht viele, die Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime leisteten, aber es waren mehr als Menschen als die Mitglieder der "Weißen Rose" oder die Militärs des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944. Da waren zum Beispiel diese rund 50 Menschen, deren Netzwerk von den Nazis "Rote Kapelle" (also: rote Funker) genannt worden war. Dabei funkten sie nur anfangs, warnten etwa die Sowjets vor einem Angriff der Wehrmacht - was die die nicht ernst nahmen. Danach konzentrierte sich die Gruppe auf die Aufklärung der eigenen Bevölkerung und auf die Rettung von Gefährdeten: Sie versteckten Juden, klebten regimekritische Papiere an Hauswände, steckten Zwangsarbeitern Lebensmittel zu und und und. Diese 50 Menschen, unter ihnen die Hälfte Frauen, waren höchst unterschiedliche Menschen: etwa ein hochrangiger Militär, ein Zahnarzt, eine Journalistin, ein Eisenbahnangestellter, eine Sekretärin, ein Drehbuchautor, eine Hausfrau...Viele bezahlten ihr Engagement mit dem Leben. Korrekt gewürdigt wurden sie nach dem Krieg nicht. In Westen, im kalten Krieg, galten sie als ideologisch verblendete Vaterlandsverräter, in der DDR wurden sie als Agenten heroisiert. Beides fußte auf der Übernahme des Konstrukts der Gestapo, bei der Gruppe handele es sich um eine von Moskau abhängige kommunistische Agentenschmiede.
Wer diese Menschen waren, welch individuell verschiedene Motive sie hatten, wovor sie Angst hatten, wo jeweils ihre Grenzen waren, wie sie Widerstand mit Alltag verbanden, das erzählt jetzt die mehrfach ausgezeichnete amerikanische Publizistin Anne Nelson. Sie stieß auf die Gruppe bei einem eher zufälligen Besuchs einer Ausstellung auf dem Gelände der Gestapo-Zentrale. Das interessierte sie: Warum hatten diese Deutschen beschlossen, "was dagegen zu tun"? Nelson nutzte das Archiv der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, las Aufzeichnungen und Biographien, sprach mit Angehörigen der Widerständler. Herausgekommen ist eine Buch, das nüchtern-faktisch und packend zugleich ist, und oft ungeheuer anrührend, etwa da, wo Briefe aus der Haft zitiert werden. Mit den gängigen Vorstellungen von Agenten hatten diese Männer und Frauen jedenfalls nichts zu tun. Schon gar nicht Greta Kuckhoff, studierte Soziologin, danach Hausfrau, anhand derer die Autorin durch die Geschichte führt. Kuckhoff empfängt in ihrer bescheidenen Küche als Hauptbindeglied alle Widerständler, sie leistete Kurierdienste, gewann neue Mitglieder. Schon Peter Weiß, der sich in seinem Riesenwerk "Ästhetik des Widerstands" mit der Roten Kapelle beschäftigt hatte, wenn auch mit anderem Schwerpunkt, hatte die Rolle der Frauen im Widerstand herausgearbeitet, ihre besondere Fähigkeit, sich in schwierigen sozialen Situationen verhalten zu können, ihre Pfiffigkeit, Empathie und Umsicht. Ein packendes Buch, das deutlich macht, was alles Bürger und Bürgerinnen an Widerstand leisten konnten, wenn sie denn wollten.
cho
C. Bertelsmann Verlag, München 2010, 509 Seiten, 24,95 Euro
Boudewijn Chabot, Christian Walther: Ausweg am Lebensende
Wer schwer krank ist und nicht mehr abwarten will, bis die Krankheit vollends alle Organsysteme kollabieren lässt, der oder die muss nicht den oft würdelosen Weg des "Sterbetourismus" wählen, und er oder sie muss sich auch nicht einsam und gewaltsam selbst töten. Man kann auch zuhause selbstbestimmt und in Begleitung sterben: durch den freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken. Das tun viele Kranke ohnehin - sofern man sie lässt. Palliativmediziner und Pflegefachkräfte können diesen Weg allerdings leidensmindernd unterstützen. Der Ausweg "freiwilliger Verzicht auf Essen und Trinken" wird hier erstmals für Laien ausführlich, sehr konkret und unter Bedenken aller ethischen Fragen vorgestellt. Der niederländische Psychiater und Arzt Chabos und der Neurobiologe Walther aus Münster haben sich für dieses wegweisende Buch zusammengetan. Bequem ist dieser Weg allerdings nicht. "Sterben ist ein mühsames Geschäft, man muss es selber tun", hat eine 86-Jährige gesagt. Es geht auch nicht schnell. Die meisten Menschen, die diesen Weg wählen, geben zunächst nur das Essen auf, erst allmählich auch das Trinken. Sie werden dann allmählich immer schwächer - wie in der letzten Phase einer tödlichen Krankehit, aber ohne die Symptome Schmerz und Atemnot. Das Hungergefühl verschwindet nach wenigen Tagen, anfängliche Kopfschmerzen werden mit Medikamenten bekämpft, das Durstgefühl kann weitgehend gelöscht werden durch Benetzen der Mundschleimhäute (das sollten Angehörige vorher lernen, raten die Autoren dringlich!). Die Dehydrierung führt meist nach rund drei Wochen zum Tod durch Herzstillstand. Die Beantwortung arztrechtlicher Fragen und eine modifizierte Patientenverfügung runden das Buch ab. Achtung: Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass ein vollbewusst getroffener Entschluss am Anfang stehen muss. Wenn Demenzerkrankte oder Krebspatienten nichts mehr essen und trinken, kann das ganz andere Ursachen haben als einen bewussten Verzicht.
cho
Ernst Reinhardt Verlag, München 2010, 172 Seiten, 16,90 Euro
Andreas Maier: Onkel J. - Heimatkunde
Neulich hat er sich eine angenehm wärmende Kamelhaarstrickjacke gekauft, der Ich-Erzähler in Andreas Maiers Buch "Onkel J. - Heimatkunde". Und plötzlich hatte er neue Freunde, zum Beispiel Strickwestenträger höheren Alters.. Und neue Feinde, jedenfalls befragen Lesungsbesucher den Autor auf einmal nachgerade bohrend. Der Ich-Erzähler wunderet sich. Auch darüber, dass ihn bei einem Berlin-Besuch, bei dem er in den angesagten Kneipen und Konzerten ist, irgendwie alles an das Jugendzentrum vor 25 Jahren im heimatlichen Friedberg in der Wetterau erinnert. Das ist wortkarge und also große Komik. Man muss kein Dableiber sein wie der Ich-Erzähler, man muss auch die Wetterau nördlich von Frankfurt nicht kennen, man kann diese Sammlung an "Neulich..."-Kolumnen trotzdem genießen. Und Genießen heißt hier: erst kichern, sich dann schwer wundern - und plötzlich über die eigene Heimat nachdenken, zu der immer auch merkwürdig prägende Menschen wie ein Onkle J. gehörten oder auch merkwürdige Gastwirtschaften.
cho
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 132 Seiten, 17,80 Euro
Ralf Caspary: Alles Neuro?
Was ist dran an den Behauptungen und Versprechungen der Hirnforschung? Müssen wir Abschied nehmen von der Willensfreiheit, weil wir letztlich nur Bioautomaten sind? Und schließt sich tatsächlich nach der Kindheit das "Zeitfenster" fürs Lernen? Solche Fragen knöpft sich der SWR-Wissenschaftsredakteur Caspary vor. Und man muss sagen: Hut ab, er kennt die wichtigen Studien, er will es wirklich wissen, er schreibt leserzugewandt und also höchst verständlich. Kurzum: Von diesem Buch zur Hirnforschung hat man tatsächlich mal was. Sehr entlastend zum Beispiel das Kapitel zu den angeblichen Lernfenstern. Ja, es gibt ein Lernfenster, das sich bereits in der Kindheit schließt: Da geht es aber nur um die elementaren, schon biologisch angelegten Lernvorgänge wie Gehen oder Sprechen. Alles andere, all die kulturellen Dinge, die kann man - mit ensprechender Motivation - auch später noch erlernen. Und die Sache mit dem freien Willen? Den hatten wir doch noch nie! Denn wozu wir uns auch entscheiden, wir tun das immer vor dem Hintergrund früherer Erfahrungen. Schlimm ist das eigentlich nicht.
cho
Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2010, 223 Seiten, 15,95 Euro
Martina Löw u.a. (Hrsg.): Typisch Darmstadt
Eine unspektakuläre, mittelgroße deutsche Stadt - solche Städte gibt es viele. Warum also nicht Darmstadt nehmen, dachten sich die Leute vom Forschungsschwerpunkt "Stadtforschung" der TU Darmstadt, die herausfinden wollen, wie städtisches Leben funktioniert, was die "Eigenlogik" einer Stadt ist. Dazu erhoben die Forscherinnen und Forscher nicht - wie sonst üblich - Zahlen und befragten Tausende. Sondern sie veranstateten zusammen mit der Schader-Stiftung ein öffentliches Nachdenken der Bürgerinnen und Bürger über hre Stadt. Warum man solch "charakterisierende Stadtforschung" überhaupt machen muss? Weil nicht erst Schulen brennen oder die Umfrageergebnisse grottig sein müssen, damit man das Gesprch über die soziale Realität in der Stadt sucht. Erfreulich an diesem Ergebnisband: Man muss Darmstadt nicht kennen, um als Leserin sofort ins Nachdenken über die eigene Stadt zu kommen. Aber natürlich hat Darmstadt, so das Ergebnis der Gespräche, einen besonderen Geschmack: Ruhig, offen, idyllisch, tolerant, aber auch, das ist dann die direkte Kehrseite davon, mittelmäßig, zögerlich, selbstzufrieden. Manches Nervige erweist sich langfristig als Gewinn: Dass in Darmstadt Dinge sehr langsam bewegt werden, hat sich manches Mal schon als Segen erwiesen. So wurde die jahrzehntelang diskutierte Verkehrstangente am Ende nicht gebaut, und den für den Zusammenhalt so wichtigen Vereinen und Verbänden werden nicht mal eben die Zuschüsse entzogen. So lehrt einen dieser Band letztlich auch, Ambivalenzen auszuhalten. Manche Zugezogene suchen individuelle Auswege, etwa der Künstler, der sich im Atelier im schmuddeligen Frankfurter Bahnhofsviertel die Anregungen sucht, die er dann im ruhigen Darmstadt verarbeitet.
cho
Campus Verlag, Frankfurt / New York 2010, 276 Seiten, 24,90 Euro
Dimitrij Belkin, Raphael Gross (Hrsg.): Ausgerechnet Deutschland!
Wie kann man als Jude ausgerechnet nach Deutschland auswandern, in die Heimat der Nazis? Viele, viele Menschen jüdischer Abstammung (wie immer das jeweils definiert wird) aus der Sowjetunion taten das aber, nach 1998, als so genannte Kontingentflüchtlinge. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland kümmerten sich um sie, aber es war ein Verhältnis ähnlich wie dem zwischen Ossis und Wessis - voller Missverständnisse, voller Empfindlichkeiten und schwer erklärbarer Unterschiede. Der Begleitband zur Ausstellung "Ausgerechnet Deutschlan!" im Jüdischen Museum in Frankfurt (noch bis 25.7.2010) lässt nichts davon aus. Die Veteranen des Zweiten Weltkriegs, in den sozialistischen Ländern immer mit Privilegien bedacht, erwarteten diese auch in Deutschland - bekamen aber höchstens Sozialhilfe. Und bei der Sederfeier, zu der 1990 die jüdische Gemeinde in Frankfurt 400 Menschen aus der Sowjetunion begrüßte, war die Mazza gegessen, bevor der Segen gesprochen worden war (was erhebliches Gegrummel der alteingesessenen und mit den Riten vertrauten Frankfurter Juden hervorrief: "Können die sich nicht benehmen?"). Das sind nur zwei Details aus einem an konkreten Geschichten wie auch luziden Analysen reichen Buch. Die Witze der eingewanderten russischen Juden und Jüdinnen werden erzählt, die Zukunft des Judentums in Deutschland prognostiziert - was für eine erfreuliche Vielfalt! In diesem Buch - und unter den Eingewanderten.
cho
Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin, und Jüdisches Museum, Frankfurt am Main 2010, 192 Seiten
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Kolumne
Philipp Melanchthon
Und eine gut lesbare biografische Skizze zu "Philipp Melanchthon, Weggefährte Luthers und Lehrer Deutschlands".
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