Auf ein Wort
Bunte, verrückte Welt
© Robert Brembeck
Dr. Johannes Friedrich ist
Bischof der Evangelisch-
Lutherischen Kirche in
Bayern und Herausgeber
des Magazins chrismon
Weihnachten im Januar? Im Februar? Warum denn nicht. Es ist ein Ereignis, über das wir uns das ganze Jahr freuen
Ein Hotel in Taba, einer ägyptischen Stadt ganz im Nordosten der Sinaihalbinsel nahe der Grenze zu Israel. Es ist drei Tage nach unserem Weihnachtsfest. Ich sitze im Speisesaal und beobachte die Szene um mich herum. Mir gegenüber sitzt eine junge schöne Frau, sie hat ein festlich aussehendes Kopftuch um das Haar geschlungen - offensichtlich ist sie eine Muslimin. Aus dem Lautsprecher ertönt "Stille Nacht, heilige Nacht". Am Kopfende des Saals leuchtet der Schriftzug auf: "Merry Christmas."
In einer Zeitung lese ich gerade, dass Scheich al-Karadawi aus Katar in muslimischen Ländern jeglichen Hinweis auf Weihnachten aus dem öffentlichen Leben verbannen will. Denn die Christen wüssten ja nicht einmal genau, zu welchem Datum sie Weihnachten feiern sollten. Zudem würden sie in ihrer eigenen Umgebung auch Minarette verbieten. Eine bunte, widersprüchliche Welt!
Ich bin mit meiner Frau hierher nach Ägypten gefahren, nachdem wir Weihnachten im Heiligen Land verbracht hatten: in Bethlehem und Jerusalem. An Heiligabend waren wir in der Erlöserkirche in Jerusalem, hatten in einer vollen Kirche die Christmette gefeiert. Mehr als 80 Prozent der Gottesdienstbesucher waren Israelis, die deutsche Weihnachten erleben wollten - für manche ein Event, für das sie selbst aus dem 160 Kilometer entfernten Haifa anreisen. Beim Fernsehgottesdienst aus Bethlehem, an dem ich dann am ersten Weihnachtstag mitgewirkt habe, arbeiteten im Kamerateam ein israelischer Jude und mehrere Muslime Hand in Hand. Eine bunte, etwas verrückte Welt.
Genau das ist die Welt, in die hinein Jesus geboren wurde, in die hinein Gott Mensch wurde. Damals genauso verrückt wie heute: eine uneheliche Geburt bei einer so jungen Mutter, in einer Notunterkunft im Stall, die ersten Gratulanten waren Hirten, Menschen aus einem damals verachteten Berufsstand.
Warum schreibe ich darüber im Februar, mitten in der Faschingszeit? In Jerusalem haben erst am 19. Januar die Armenier ihr Weihnachtsfest gefeiert. Und unser Weihnachtsfestkreis endet nach katholischer Auffassung erst an Lichtmess, am 2. Februar. In vielen Familien bleibt der Weihnachtsbaum deshalb bis zu diesem Tag stehen.
Die Menschwerdung Gottes, die wir an Weihnachten feiern, ist ein Ereignis, das für uns das ganze Jahr über Bedeutung hat. Das ist mir im Heiligen Land erneut bewusst geworden. Weihnachten ist kein Ereignis, das wir drei Tage im Jahr feiern. Weihnachten ist das Ereignis, über das wir uns jeden Tag freuen dürfen. Darin ist es Ostern gleich.
Wir dürfen uns freuen, weil wir wissen: Gott ist Mensch geworden, ein Mensch wie wir. Er hat gelebt wie wir, mitten in dem unfriedlichen Palästina und Israel seiner Zeit, unter der römischen Besatzung, als kleines Kind schon vom Tode bedroht. Er hat fröhlich mit anderen Menschen zusammengelebt, wie wir dies immer wieder tun. Er wurde verraten, beleidigt, gequält und schmachvoll am Kreuz zu Tode gebracht, wie es auch heute vielen Menschen auf dieser Erde ergeht - insbesondere auch Christen um ihres Glaubens willen. Er starb - und er wurde von Gott aus diesem Tod auferweckt, wie wir einmal nach unserem Tod auferweckt werden.
An all dies dürfen und wollen wir uns an jedem Tag im Jahr erinnern. Das darf uns fröhlich stimmen - nicht nur an Weihnachten, nicht nur an Ostern. Nein, an jedem Tag. Auch in diesem Februar - mittendrin zwischen Weihnachten und Ostern. Fasching eingeschlossen.
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