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Kermani - Parzany: Welche "Heilige Schrift?"
© Peter Rigaud
NAVID KERMANI, kam 1967 als Kind iranischer Einwanderer in Siegen zur Welt. Er ist promovierter Islamwissenschaftler und arbeitet als freischaffender Publizist und Schriftsteller. Für seine allgemein verständlich geschriebene Dissertation "Gott ist schön - das ästhetische Erleben des Koran" (1999 erschienen bei C. H. Beck) wurde er mit dem Ernst-Bloch-Förderpreis der Stadt Ludwigshafen ausgezeichnet.
ULRICH PARZANY, wurde 1941 in Essen geboren, studierte evangelische Theologie und arbeitete zunächst als Jugendpfarrer in Essen. Seit 1984 ist Parzany Generalsekretär des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) in Deutschland. Er ist Hauptredner auf den Evangelisationsveranstaltungen von ProChrist. Prägend für sein Interesse am Islam war ein Aufenthalt in Palästina von 1964-1965. Parzany arbeitete damals als Vikar in einer dortigen lutherischen Gemeinde.
chrismon: Herr Parzany, kommt Herr Kermani nur durch Christus zu Gott?
ULRICH PARZANY: Ja. Ich glaube, dass Gott sich in Jesus Christus offenbart hat und dass er der eine Weg zu Gott ist.
chrismon: Und wenn Herr Kermani davon nichts wissen will?
PARZANY: Ich bin froh, dass ich nicht der Richter bin, das wird Gott entscheiden.
chrismon: Herr Kermani, kommt Herr Parzany nur ins Paradies, wenn er den Koran befolgt?
NAVID KERMANI: Meine Eltern haben mir das so erklärt: Auf dem islamischen Weg kommt man am schnellsten ins Paradies. Aber andere Wege führen auch dahin. Heute sagt mir das wenig, ob man ins Paradies kommt oder nicht. Zentraler ist für mich ein Satz des Propheten, der mich auch von klein auf geleitet hat: Es ist wichtiger, ein guter Mensch zu sein als ein guter Muslim.
PARZANY: Aber wie bin ich ein guter Mensch? Wer setzt die Maßstäbe? Die Bergpredigt ist da erschreckend radikal. Wenn das Gottes Sicht des Menschen ist, sind unsere bürgerlichen Maßstäbe ziemlich kompromisshaft. So gesehen habe ich gar keine Chance, mein Gutsein vor Gott aus eigener Kraft nachzuweisen.
KERMANI: Das habe ich am Christentum nie verstanden: dass man schon per se die Gnade Gottes braucht.
chrismon: Ist Gott nicht ein liebender, gnädiger Gott?
KERMANI: Gott ist zumindest nicht wie der Superintendent des Kirchenkreises so und so, der einen immer lieb hat. Gott kann auch hassen. Wenn Bibel und Koran nur sagen würden, was wir ohnehin denken, müssten wir sie ja nicht lesen.
PARZANY: Sie haben Recht. Der "liebe Gott", das ist eine Art Nikolaus, der versteht die Welt nicht ganz, sagt aber zu allem Ja und Amen. In der Bibel ist Gott wirklich heilig. Deshalb ist im Evangelium Jesu Kreuzigung so zentral. Für mich ist hier genau dies erkennbar: Gott macht nicht einfach den Schwamm drüber, sondern misst uns an seiner Heiligkeit und seinen Geboten. Gleichzeitig gibt Gott sich selbst, damit ich nicht vor die Hunde gehe. Er stirbt meinen Tod stellvertretend. So kann ich sein Kind sein.
KERMANI: Die Geschichte von der Kreuzigung hat bei mir immer eine andere Empfindung ausgelöst: Gott lässt es zu, dass das mit Jesus geschieht. Und Jesus ist verzweifelt. Er weiß nicht, warum Gott ihm das antut. Und es gibt ja noch eine andere Opfergeschichte in der Bibel, wie Abraham seinen Sohn opfern soll. Die ist auch im Koran. Da frag ich mich schon: Was ist das für ein Gott? Ein Gott, der einen Vater dazu zwingt, seinen eigenen Sohn zu schlachten! Der ist das Gegenteil von dem, was wir als gut bezeichnen. Wenn wir das Wort "heilig" ernst nehmen, dann heißt das: etwas, was nicht aus unserer Welt stammt. Es liegt jenseits unserer Maßstäbe von Gut und Böse. Diese heiligen Schriften sind Bücher, an denen man sich sehr reibt.
PARZANY: Als junger Kerl habe ich mit vielen engagierten Christen diskutiert. Es ging um die Fragen: Wie kann Gott das Elend zulassen? Ist nicht der ganze Gottesglaube von Menschen erfunden? Da wurde mir klar: Ich kann die Wahrheit nicht nur denken, ich muss auch wahrhaftig leben. Ich muss all die Lügereien und Klauereien hinter mir lassen. Plötzlich hat mein Gewissen gebrannt.
KERMANI: Braucht man Gott und die Bibel, um gut zu sein?
DER CHRIST: "Tod und Sterben stellen uns vor radikale Fragen. Da hört das Gesumse auf"
PARZANY: Nein. Entscheidend ist die Gottesbeziehung. Gott sagt von sich aus: Ich will zu dir gehören. Ich habe dich in die Freiheit geführt, aus der Sünde, aus der Nacht, aus der Gottesferne.
KERMANI: Das gibt exakt wieder, was auch ich in der Bibel oder im Koran wahrnehme. Nur dass Sie einen Großteil in dieser Beziehung ausblenden. Denn da rettet ja nicht nur einer die Menschen und opfert sich. Am deutlichsten wird das im Buch Hosea. Gott liebt sein Volk. Aber das Volk will nicht so wie er, und dann wendet er sich ab, wird wütend und brutal. Es ist extrem, aber so, wie wir die ein, zwei, drei Momente von Liebe im wirklichen Leben auch kennen. Liebe ist nicht bloß Händchenhalten, sondern auch da, wo man in Zorn, in Hass, in Ungerechtigkeit verfällt.
chrismon: Ist für Sie der Koran Gottes Offenbarung?
KERMANI: Offenbarung heißt für mich, dass heilige Schriften Bücher aus einer anderen Welt sind. Wahrscheinlich kann man Transzendenz, ob in Kunst oder Religion, nicht denken, sondern nur erfahren. Als ich in Kairo Arabisch studierte, hatte ich ein altes Zimmer mit Balkon mitten in der Stadt. Wie ich erst nach dem Einzug bemerkte, hatte die Moschee von nebenan ihren riesigen Lautsprecher an meinem Balkon befestigt. So hörte ich die Predigten. Sie waren sehr hässlich, gewalttätig, unangenehm, speziell in dieser Moschee. Ich hörte die herausgekrächzten Worte, diese Donnerpredigten und bekam es mit der Angst zu tun. Aber jeden Morgen, um vier, halb fünf, erklang zum Morgengebet die Koranrezitation. Das hat in meinem Zimmer vibriert. Ich hörte den Klang des Korans, diesen Gesang, im Halbschlaf, halb im Träumen. Das war eine Stimme, die sagte: Da ist etwas, was über dich hinausgeht. Die Worte hab ich nicht verstanden. So gut war mein Arabisch noch nicht, schon gar nicht um diese Uhrzeit. Aber diese Stimme kam, ich bin mit dem Kopf an die Decke gegangen, ich bin geschwebt. Zum Islam, zu jeder Religion gehört eben beides: die Zaubermusik und die Donnerpredigt.
chrismon: Herr Parzany, hatten Sie auch ein sinnliches Erlebnis mit der Heiligen Schrift?
PARZANY: Nicht so. Aber als ich Christ wurde, haben mir meine Freunde Mut gemacht, die Bibel in den Alltag hineinzunehmen. Wir haben uns verabredet, morgens vor der Schule 15 Minuten die Bibel zu lesen, zu beten und Dinge des Alltags in Beziehung zu Gott zu bringen. Es war auch Protest darin. Wir konnten es nicht leiden, was wir Sonntagschristentum nannten. Dass man Weihnachten in die Kirche geht, aber im Alltag wenig damit zu tun hat. Es ging uns darum, die Bibel wieder ernst zu nehmen.
chrismon: Führt denn der Koran Herrn Kermani in die Irre?
PARZANY: Ich möchte lieber ein Gespräch führen, auch wenn es ein schmerzhaftes Gespräch ist, als solche Verdikte zu fällen. Mich schmerzt, wenn vom Koran her über die Bibel kritische Urteile gefällt werden. Aber wenn ich dann zu meinen muslimischen Freunden sage: Lasst uns mal die Bibel lesen, dann heißt es immer wieder: In eurer Bibel ist ja alles verfälscht.
KERMANI: Warum so zurückhaltend? Vorhin, bei der ersten Frage, ob nur Christen ins Paradies kommen, war ich ganz erleichtert, dass Sie doch auf Ihrer Position beharrten, Herr Parzany. Toleranz heißt doch, dass ich die Glaubensüberzeugungen des anderen nicht mag, aber ihn dennoch respektiere. Dass der andere so sein kann, wie er ist. Insofern bin ich zutiefst überzeugt von der Errungenschaft des säkularen Staates auch für die Religion - mit all den Gefahren, die der Säkularismus den Religionen bringt. Man kann sagen: "Das ist eine Irrlehre" - aber der andere hat alle Freiheiten, an diese Irrlehre zu glauben, weil nicht der Staat über die Lehren urteilt, sondern der Einzelne. Das muss gewährleistet sein, damit man auch auf dem provozierenden, radikalen Anspruch seiner eigenen Wahrheit beharren kann. Religionen sprechen nun einmal von Wahrheit. Das ist ja das Ärgerliche an Religionen, dass sie eben nicht sagen: Schaun wir mal.
(Beide lachen.)
DER MUSLIM: "Es ist meine Aufgabe, meine Kultur zu kritisieren, und nicht, sie zu verteidigen"
PARZANY: Das Ringen um Wahrheit ist ja kein Ausdruck von Feindseligkeit, sondern von Ernstnehmen. Wenn Toleranz sich in unserer Gesellschaft darauf beschränkt, dass man sagt, es darf ja sowieso keine Wahrheit geben, dann ist mir der andere und sein Ringen um Wahrheit letztlich egal. Das ist keine Toleranz, sondern Gleichgültigkeit. Es geht ja nicht darum, ob wir halbwegs durchkommen ohne Kopfschmerzen, sondern unser Leben ist endlich - Tod und Sterben stellen uns vor die letzten, radikalen Fragen. Da hört das Gesumse auf.
chrismon: Wie steht es mit der Toleranz in der Bibel?
PARZANY: Wer glaubt, dass Jesus der eine Weg ist, der muss ihm auch folgen, wenn er sagt: "Liebt eure Feinde!" Damit absolut unvereinbar ist es zu sagen: "Zur Verteidigung meines Glaubens bekämpfe ich jemanden." Das wäre Verrat an Jesus. Ich würde mir wünschen, dass Christen Jesus ernster nehmen und wirklich Liebe praktizieren in Wort und Tat. Die sich Christen nennen, wissen oft gar nicht, wer sie sind. Sie kennen auch die Muslime nicht wirklich. Dieses Gemisch von Unkenntnis, Unsicherheit und Angst hat alles Potenzial in sich, dass Gewalt draus wird.
chrismon: Die Bibel wälzt die Schuld am Tod Jesu auf "die" Juden. Oft hört man den Vorwurf, die Bibel sei antisemitisch.
PARZANY: Es ist Unsinn, das zu behaupten. Jesus war Jude. In einem Choral heißt es: "Ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer, die haben dir erreget, das Elend, das dich schläget." Nicht die Juden haben das gemacht, sondern unsere Rebellion gegen Gott bringt Jesus ans Kreuz.
chrismon: Herr Kermani, der Koran verheißt den Männern im Paradies Jungfrauen. Ist der Koran frauenfeindlich?
KERMANI: Ja, klar ist er das. Im Koran drückt sich eine patriarchalische Wirklichkeit aus. Weshalb soll man das verschweigen? Die Frage ist doch: Wie stehen wir zu den Versen heute? Sind sie etwa für den Muslim Gesetz, wie es islamische Fundamentalisten und westliche Experten wortgleich behaupten. Das Beispiel mit den Jungfrauen ist übrigens schlecht gewählt, weil auch Frauen im Paradies die sinnlichen und erotischen Genüsse erleben dürfen. Das mit den Jungfrauen wurde ja so durch den Wust der Islam-Feindbilder gewurschtelt . . .
chrismon: Fordert der Koran, dass Lehrerinnen in Deutschland an öffentlichen Schulen Kopftücher tragen müssen?
KERMANI: Nein. Der Koran äußert sich überhaupt nicht zur deutschen Pädagogik. Aber der gesunde Menschenverstand sagt, dass nicht jede Frau, die ein Kopftuch trägt, gleich das Grundgesetz abschaffen will. Das ist keine Sache des Gebotes im Koran, sondern eine Sache des Hinsehens, des Redens mit den Menschen.
PARZANY: Schulen können nicht wertfreie Räume sein. Schüler haben das Recht auf eine authentische Begegnung mit ihren Lehrern. Wir klagen heute, dass junge Leute nicht genügend Werte vermittelt bekommen. Dazu gehört aber gerade die Frage: Aus welchen Wurzeln lebst du? Auch atheistische Lehrer beeinflussen ihre Schüler mit ihren Grundüberzeugungen. Wir sollten uns weniger davor fürchten, dass jeder offen seine Position bezieht.
chrismon: Herr Kermani, Sie sind ein liberaler Muslim. Haben Sie das Gefühl, Sie müssten das Steinzeit-Image der Islamisten wettmachen?
KERMANI: Es ist nicht meine Aufgabe, den Islam zu verteidigen. Meine Aufgabe ist, meine eigene Kultur zu kritisieren. Was macht denn einen Intellektuellen aus, wenn nicht das. Es finden zwar zunehmend Leute ihre Hauptaufgabe darin, andere Kulturen zu kritisieren. Aber das muss ich doch nicht nachmachen. Zumal in der islamischen Kultur derzeit nicht sehr viel zu verteidigen ist, weil sie aufs Ganze gesehen ein ziemlich erbärmliches Bild abgibt. Darüber hinaus glaube ich auch gar nicht, dass der Islam verteidigt werden muss. Wenn Herr Soundso das und das über den Islam sagt, ist der Islam viel zu erhaben, als dass ihm das schaden könnte. Soll Herr Soundso halt sagen, was er denkt. Etwas anderes ist es, wenn es zum Massenphänomen wird: Nehmen Sie das Buch der italienischen Journalistin Oriana Fallaci, "Die Wut und der Stolz", in dem sie über Muslime hetzt und sie als dreckig und als Schweine beschimpft, und zwar alle Muslime. Das war über Monate auf Platz eins der Bestsellerlisten in vielen europäischen Ländern. Oder diese unsägliche "Spiegel"-Ausgabe über das Kopftuch. Das macht mir schon Angst, wenn Millionen Menschen diesen Müll lesen und für bare Münze nehmen.
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Der Kabarettist und der ehemalige Innenmister über Wahrheiten, die man den Leuten ruhig zumuten darf
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Und eine gut lesbare biografische Skizze zu "Philipp Melanchthon, Weggefährte Luthers und Lehrer Deutschlands".
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