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Glas - Kroymann: Frauenrollen
© Jens Schwarz
Uschi Glas und Maren Kroymann
USCHI GLAS, 57, zählt seit ihrer Rolle in dem Film "Zur Sache, Schätzchen" zu den beliebtesten Film- und Fernsehstars Deutschlands. In Serienrennern wie "Zwei Münchner in Hamburg" oder "Anna Maria - eine Frau geht ihren Weg" verkörperte sie vor einem Millionenpublikum starke Frauen, denen es gelingt, Familie und Karriere zu verbinden. Uschi Glas ist verheiratet und hat drei Kinder.
MAREN KROYMANN, 51, setzt sich von jeher in ihrer Arbeit als Schauspielerin, Kabarettistin und Sängerin mit dem überlieferten Frauen- und Männerbild auseinander, zum Beispiel als unkonventionelle Pfarrersfrau in der ARD-Serie "Oh Gott, Herr Pfarrer" oder als "Nachtschwester Kroymann" in ihrer gleichnamigen Satireshow. 1993 outete sie sich mit ihrer damaligen Partnerin im "Stern" als Lesbe.
chrismon: Frau Glas, wer räumt bei Ihnen sonntags zu Hause den Frühstückstisch ab?
USCHI GLAS: Ich. Und wenn ich mal sage: Helft mir doch, rührt sich keiner. Aber bevor ich lang herumrede, räume ich das Geschirr lieber selbst weg. Natürlich müsste ich eigentlich den Mumm haben und zu meinem Mann und meinen Kindern sagen: Kommt, lasst uns die Arbeit teilen. Im Urlaub habe ich das mal versucht. Einen Tag hat es geklappt - dann war es vergessen.
MAREN KROYMANN: So ähnlich war das bei meiner Mutter auch. Wenn mein Vater helfen sollte, ging angeblich immer sofort etwas zu Bruch. Mit dem Erfolg, dass drei meiner vier Brüder heute von ihren Frauen bedient werden. Das finde ich nicht gut.
GLAS: Ich kann nicht, um die Menschheit zu verbessern, mein Leben umkrempeln. Ich schaff das nicht, es ist mir zu mühsam.
KROYMANN: Sich opfern ist auch keine Lösung. Das hat meine Mutter getan. Sie hatte genauso studiert wie mein Vater, hatte promoviert. Als sie heirateten, die fünf Kinder kamen, da war völlig klar, dass sie sich um die Kinder kümmert. Beschwert hat sie sich nie, trotzdem lag etwas brach in ihr.
USCHI GLAS: "Als arbeitende Mutter hast du immer auch ein schlechtes Gewissen"
chrismon: Viele Frauen versuchen heute, beides - Kind und Karriere - zu vereinbaren. Geht das so einfach, Frau Glas?
GLAS: Als arbeitende Mutter hast du immer auch ein schlechtes Gewissen. Das liegt wohl an den Genen. Ich glaube, dass die Mutter, das Muttertier, sich stärker verantwortlich fühlt als der Vater. Ich habe immer nur in München gedreht, weil ich meine Kinder nicht lang allein lassen wollte. Jetzt drehe ich zum ersten Mal vier Wochen auswärts, und es zerreißt mir fast das Herz.
KROYMANN: Die Gene? Ich denke, das ist die Erziehung. Und weil Sie den Erwartungen an eine Mutter jetzt kurzfristig mal nicht entsprechen, haben Sie nun ein schlechtes Gewissen! Ich habe in meinen Serien ja ironischerweise oft Mütter gespielt, als Vera Wesskamp zum Beispiel. Das war eine Reeders-Witwe, die es nicht wie Ihre Serienfigur Anna Maria schafft, Beruf, Kinder und den Liebhaber zusammenzubringen. Das war nicht so mainstreamtauglich - aber wahr. Ich finde es wichtig, auch das Scheitern in einer Fernsehserie zu zeigen, um den Frauen klar zu machen, dass daran nicht sie selbst, sondern das Gefüge schuld ist.
GLAS: Es gibt ja Frauen, die in ihrer tiefsten Seele damit zufrieden sind, Hausfrau zu sein und nur für die Kinder da zu sein. Das bewundere ich. Ich denke immer, ich sei zu egoistisch.
chrismon: Wer sich nicht voll und ganz der Kindererziehung widmet, gilt oft als Rabenmutter.
MAREN KROYMANN: "Frauen sind immer noch für das Soziale und das Schöne im Leben zuständig"
GLAS: Ja, dieses Bild ist noch in vielen Köpfen. Nicht umsonst werde ich ständig danach gefragt, wie ich es schaffe, Kinder und Karriere zu vereinbaren. Uschi Glas - die Supermutter! Das ist mir sehr unangenehm. Natürlich kann ich das, ich habe ein Kindermädchen, eine Zugehfrau. Aber was ist mit der Frau an der Kasse im Supermarkt? Die morgens um acht ihr Kind in den Kinderhort bringt. Diese Frauen haben es schwer. Aber inzwischen können Mütter dank der neuen Medien auch zu Hause arbeiten.
KROYMANN: Sicher. Aber Sie lassen da natürlich völlig den Mann heraus, als ob er überhaupt nicht zuständig ist! Warum denn?
GLAS: Du kannst nicht sagen: Eigentlich müsste jetzt der Mann ran. Wenn er es halt nicht tut! Deshalb müssen wir die Arbeitssituation für Frauen verbessern und sie in eine bessere Position bringen. Und von mir aus die Männer noch ein bisschen erziehen. Über die Erfolgsaussichten mache ich mir keine Illusionen.
KROYMANN: Heutzutage kümmern sich die Väter doch viel mehr um ihre Kinder. Woran sie nach wie vor kein Interesse haben, ist, die Waschmaschine anzustellen. Wenn Sie sagen, dass die Frau am Laptop auch zu Hause arbeiten kann, dann wird sie ihren Job machen - und den Haushalt dazu. Ich habe Sie ja einmal parodiert, Frau Glas. Weil Sie diesen Hang zum Perfekten haben, nach dem Motto "Ist ja alles nur eine Frage der Organisation". Das fand ich ...
GLAS: ... furchtbar?
KROYMANN: Ja! Unverschämt gegenüber den Frauen, die sich abrackern und das Gefühl haben, den Anforderungen nicht zu genügen. Und da stellen Sie sich als Idol hin ...
GLAS: Ich bin aber kein Vorbild! Ich kann es gar nicht sein, weil ich privilegiert bin.
KROYMANN: Natürlich sind Sie ein Vorbild, ob Sie es wollen oder nicht. Sie sind in einer Umfrage vor ein paar Jahren zur beliebtesten Frau Deutschlands gewählt worden! Warum bringen Sie in Ihren Serien nicht andere Lebenskonzepte unter, zum Beispiel dafür, dass auch ein Mann mal Erziehungsurlaub nimmt?
GLAS: Ich übe nur meinen Beruf aus. Gesellschaftlichen Einfluss habe ich doch keinen. Dann müsste ich in die Politik gehen.
KROYMANN: Selbstverständlich haben Sie Einfluss. Die Aussagen, die Sie machen, werden sehr genau zur Kenntnis genommen. Es gibt viele Frauen, die, anders als Sie, dafür gekämpft haben, dass der Mann den Müll runterträgt. Langsam verändern sich die Dinge. Inzwischen gibt es Männer, die einkaufen gehen, kochen ...
GLAS: Bitte. Das ist doch schon ein Anfang.
KROYMANN: Das können Sie jetzt so leicht sagen. Die Frauen aber, die das durchgesetzt haben, bekommen möglicherweise das Gefühl, dass Sie ihnen in den Rücken fallen mit Ihrer Haltung.
GLAS: Ich sage ja nicht, dass ich mich damit supertoll finde. Aber mir ist Harmonie sehr wichtig, und wegen einer solchen Kleinigkeit wie das Tischabräumen mag ich keinen Unfrieden stiften.
chrismon: Mal abgesehen von der Müllentsorgung: Wo müssten Frauen sich Ihrer Meinung nach mit den Männern anlegen?
KROYMANN: Im Kulturbereich hat sich schon viel verändert, es gibt mehr Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen und so weiter. Allerdings: Das Kabarett etwa, der Humor, ist absolut männerdominiert. Da muss man sich trauen, gemein zu sein. Das ist ein Schwachpunkt der Frauen.
chrismon: Frau hat lieb und nett zu sein?
KROYMANN: Ja, sie sind für das Schöne im Leben zuständig - und für das Soziale. Wer schiebt denn im Altenheim den Rollstuhl? Die Töchter oder Schwiegertöchter!
GLAS: Und es sind meistens Frauen, die sich im Ehrenamt engagieren.
KROYMANN: Was Frauen nicht lernen, ist, aggressiv zu sein, es auszuhalten, dass man nicht gemocht wird. Ich war in meiner Sendung "Nachtschwester Kroymann" manchmal richtig böse und scharf. Ich habe reingehauen, ich hatte eine gute Quote - und sie haben es trotzdem nicht geschätzt, die oberen Herren der ARD. Wie haben die die Nase gerümpft über meine Menstruations- und Bindenparodie! Die Frauen im Studio haben sich totgelacht, die Männer reagierten ziemlich schmallippig. Tja, und dann hieß es: "Mäßigen Sie sich doch in Ihren Scherzen, sonst kommen Sie ins Dritte Programm." Und irgendwann wurde die Sendung abgesägt.
chrismon: Sollten Sie auch schon einmal kaltgestellt werden, Frau Glas?
GLAS: Dass mich einer abblocken wollte, das habe ich so noch nicht erfahren. Allerdings gibt es schon mal frauenfeindliche Sprüche am Set. Wenn ich das mitbekomme, mische ich mich ein. Witzigerweise fürchte ich mich da überhaupt nicht.
KROYMANN: Weil es um andere geht. Das ist leichter. Führen Sie eigentlich Ihre Finanzverhandlungen selber?
GLAS: Nein. Das finde ich schrecklich. Und Sie?
KROYMANN: Ja. Aber es war sehr schwer, das zu lernen.
chrismon: Warum?
KROYMANN: Weil man sagen muss: Ich bin gut und meine Arbeit ist das und das wert.
GLAS: Ja, das ist schwierig. Für einen anderen, für Sie zum Beispiel, könnte ich supergut verhandeln.
KROYMANN: Immer diese falsche Bescheidenheit der Frauen! Wenn wir in die guten Positionen wollen, müssen wir die einfach konsequent anstreben. Basta! Professorin werden, Ärztin, Computer-Fachfrau. Wir müssen Fakten schaffen.
chrismon: Laut Umfragen haben aber viele Frauen gar nicht das Ziel, beruflich an die Spitze zu kommen, Professorin oder Managerin zu werden. Ihr Ideal ist eine Teilzeitstelle.
GLAS: Das bekomme ich von jungen Frauen auch erzählt. Ein richtiger Rückschritt ist das!
KROYMANN: Was erwarten Sie? Gucken Sie sich doch an, welche Art von Frauenkarrieren uns in den einschlägigen Zeitschriften vorgeführt werden: Verona Feldbusch, Naddel, Jenny Elvers. Frau Nüsslein-Volhard, die Nobelpreisträgerin aus Tübingen, kommt da nicht vor. Könnte doch auch ein "role model" sein! Aber nein. "Bunte" und "Gala" lieben Frauen, die auf die Seychellen fahren, Golf spielen und Model oder Rapperin werden, einen reichen Kerl finden, vielleicht heiraten, Kinder kriegen und bei der Scheidung noch mal absahnen wie Barbara Becker.
GLAS: Meinen Sie wirklich, dass das einen so großen Einfluss hat? Im Endeffekt will doch jeder nur sein Glück finden.
KROYMANN: Ja, aber richtig anstrengen dafür wollen viele Mädels sich nicht. Es gibt für Frauen immer noch den leichteren Weg. Wenn sie selbst die Prüfung nicht bestanden haben, müssen sie einfach den Mann heiraten, der die Prüfung bestanden hat.
GLAS: Da ist richtig was schief gelaufen. Frauen müssten heutzutage doch wissen, wie schön es ist, unabhängig zu sein.
KROYMANN: Mich ärgert dabei, dass Frauen, die versuchen über einen Mann hochzukommen, leichter Karriere machen. Da reichen ein bisschen gutes Aussehen und die richtigen Kontakte. Intelligenz? Das interessiert keinen. Ich war einmal in einer Sendung, in der mich die Chefredakteurin gefragt hat: Warum sind Lesben eigentlich immer so hässlich? Das hat mich umgehauen.
GLAS: Hella von Sinnen trägt sehr witzige Anzüge. Total Klasse.
KROYMANN: Das finde ich auch. Hella ist ein Idol, weil sie zeigt, dass man auch als Frau prominent sein kann, ohne von einem Mann protegiert zu werden, weil man Witz hat und Persönlichkeit. Solche Vorbilder sind wichtig.
GLAS: Ich finde es unglaublich, was diese Journalistin zu Ihnen gesagt hat. Bei Männern fragt doch auch keiner nach dem Äußeren.
KROYMANN: Die brauchen auch nicht gut auszusehen, die schätzt man, weil sie klug sind. Nehmen wir nur die Moderatoren: Uli Wickert ist nicht gerade ein Charmebolzen, Harald Schmidt hat rein physisch keine Superausstrahlung, Dieter Hildebrandt ist kein Brad Pitt.
GLAS: Und Gerhard Polt sieht auch nicht gerade sexy aus.
KROYMANN: Frauen hingegen müssen erst die Erotikhürde schaffen, dann können sie im TV alles machen.
chrismon: Ärgert Sie das?
GLAS: Es macht mich nachdenklich. Und ja, es stört mich auch.
KROYMANN: Mich macht es zornig. Da sind wir uns nun ja einig. In einem Punkt würde mich aber noch Ihre Meinung interessieren. Meine Freundin, sie ist 15 Jahre jünger als ich, sie denkt darüber nach, ob wir nicht ...
GLAS: ... heiraten sollen?
KROYMANN: Das ist nicht mein Ding. Nein, sie denkt über ein Kind nach. Ich wäre dann die Ko-Mutter. Wie der ältere Mann, der Anfang fünfzig noch Vater wird. Ein verführerischer Gedanke!
GLAS: Wenn Sie es wirklich wollen: Machen Sie's!
MODERATION: ULLA HANSELMANN
Der Kabarettist und der ehemalige Innenmister über Wahrheiten, die man den Leuten ruhig zumuten darf
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