Ratgeber
"Kommen sie ruhig rein!"
Mit Wiedereintrittsstellen versuchen die Kirchen, es neuen Mitgliedern leicht zu machen - und sie sind erfolgreich, zeigt eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland
Junger Mann, Anfang 30, sucht Kirche. Mit Mitte 20 war der Bankangestellte aus Süddeutschland nach einem Streit mit dem Pfarrer aus der Kirche ausgetreten. Als er nach Hamburg kommt, sucht er in der fremden Stadt Anschluss und braucht dafür eine vertraute Umgebung. Er sieht sich verschiedene Gemeinden an. In St. Michaelis gefällt ihm, dass jeden Sonntag um 10 Uhr ein Gottesdienst gefeiert wird, an dem oft Ehrenamtliche mitwirken. Er möchte auch dabei sein.
Dieser junge Mann "gehört zu dem Teil der Gesellschaft, der uns in der Kirche fehlt," sagt Hauptpastor Alexander Röder von St. Michaelis. "Aus den Jahrgängen 1975 bis 85 treten besonders viele aus der Kirche aus. Aber aus diesen Jahrgängen kommen auch viele zurück." Röder empfängt seine Besucher in dunklem Anzug und Krawatte im Verwaltungsgebäude neben der Kirche. "Bis 1977 musste jemand, der wieder in die Hamburgische Kirche eintreten wollte, einen Antrag beim Bischof stellen und darauf hoffen, in Gnaden aufgenommen zu werden." Ausgetretene galten früher als Kandidaten für die Kirchenzucht. Heute möchten Kirchenleute wie Röder den Eintrittswilligen den Schritt in die Kirche möglichst leicht machen.
Im Kirchenbüro vom "Michel" meldet sich nicht nur, wer Mitglied dieser Kirchengemeinde werden will. Das Büro zählt zu den vier Wiedereintrittsstellen der Hamburger Innenstadt. Dorthin kann auch kommen, wer in Buxtehude, Dinkelsbühl oder Dessau wohnt. "Der fremde Beichtvater ist manchmal der bessere", sagt Röder. Soll heißen: Einem Fremden gegenüber kann der Kircheneintritt leichterfallen. Die Ortsgemeinde erhält dann eine Mitteilung darüber, dass sie ein Mitglied dazugewonnen hat.
Eine "Kultur des Willkommens" solle überall in der Kirche spürbar werden, heißt es in der EKD-Studie "Schön, dass Sie (wieder) da sind - Eintritt und Wiedereintritt in die evangelische Kirche" vom November 2009. Wo es Wiedereintrittsstellen gibt, sei die Zahl der Eintritte signifikant gestiegen, so die Studie. An den bisher vorliegenden Statistiken lässt sich das allerdings nicht ablesen. Im Jahr 2007 standen 130#331 Austritten 61#792 Aufnahmen, Übertritte und Wiederaufnahmen von Erwachsenen gegenüber, die 15#160 Taufen anlässlich der Konfirmation mit eingerechnet. Zehn Jahre zuvor wurden 61#699 Eintritte verzeichnet - einschließlich der Taufen anlässlich der Konfirmation.
In ihren Internetauftritten lassen EKD, Landeskirchen und einzelne Gemeinden keinen Zweifel daran, dass sie Kirchenfremde ebenso wie Ausgetretene vorbehaltlos willkommen heißen. Mit Angeboten wie "12 gute Gründe, in der Kirche zu sein" und "Antworten auf häufig gestellte Fragen" versuchen sie, das Interesse Eintrittswilliger zu wecken (siehe www.ekd.de, Stichwort: "Kirche für Einsteiger"). www.evangelisch.de/kompass/wegweiser-kirche informiert über den Kircheneintritt, ebenso www.evangelisch.info. Und die Johanneskirche Saarbrücken versucht unter dem Titel "Wie komme ich rein? - Eintreten leicht gemacht", jede Angst vor Zurückweisung oder unangenehmem Papierkram zu zerstreuen (www.j-kirche.de).
Auch bei den Pfarrern ist eine wachsende Aufmerksamkeit für die "Neuen" spürbar. Wer sich bei einer Wiedereintrittsstelle in der Hamburger Innenstadt meldet, muss nicht lange auf einen Termin warten. Pastor Reinhard Petrick von St. Jacobi lässt sich dann sogar von Mitarbeitern im Kirchenbüro auf dem Handy benachrichtigen. Für "Laufkundschaft", also Menschen, die zwischen Kirchenbesichtigung und Einkauf spontan wieder eintreten wollen, möchte der Pfarrer so bald wie möglich zu sprechen sein. Auch beim Michel bekommen die Interessenten - ein bis vier pro Woche - innerhalb weniger Tage einen Termin.
Was ihn bei so einem Termin erwartet, weiß der Pastor vorher nicht genau. "Manche Menschen sind froh, wenn sie nach drei Minuten wieder draußen sind. Andere erzählen, fangen ganz früh in ihrer Kindheit an und legen eine Lebensbeichte ab. Sie wollen alles, was sich angestaut hat, mal loswerden." Zum Michelpastor kommen junge Leute, die in der Familienplanung stehen, wie jener Selbstständige, der vor wenigen Tagen zum Gespräch da war. Er wolle kirchlich heiraten und seine Kinder später taufen lassen, hatte er erklärt. Es kämen aber auch viele Menschen über 50, sagt der Pfarrer, die sich nach einer kirchlich geprägten Kindheit von Glauben und Kirche entfernt hatten und nun, die Endlichkeit des Lebens im Blick, eine Rückbindung suchten.
Eines stört den Hauptpastor bei dieser Arbeit: der fettgedruckte Satz auf dem Aufnahmeformular in die nordelbische Kirche: "Eine Änderung meiner Lohnsteuerkarte werde ich veranlassen." Eigentlich, meint Röder, solle der Wiedereintritt ein gottesdienstlicher Akt sein, der durch die Teilnahme am Abendmahl besiegelt werde. Die Kirchensteuer solle keinesfalls im Vordergrund stehen. Er lege durchaus Wert auf das "solidarische Steuersystem", wie er sagt. Und er wolle keine "church on demand", die man zu bestimmten Anlässen anfordern kann. Gleichzeitig wünscht er sich, "dass wir offener mit Menschen umgehen, die nicht mehr Kirchensteuer zahlen", strebt "eine Ökumene mit Nichtmitgliedern an, die Christen sind". Darin sieht Röder eine Aufgabe für die Zukunft.
Die Historikerin Anne Neubauer, 30, aus Ostberlin hat sich gerade auf den Weg gemacht, Kirchenmitglied zu werden. Das war sie noch nie. Sie habe während des Urlaubs mit ihrem Freund ein Gospelkonzert in einer französischen Kirche besucht. Zwischen einer Mutter mit einem Säugling auf dem Arm und einem alten Ehepaar habe sie sich als Zuhörerin plötzlich "aufgehoben gefühlt im Kreislauf des Lebens", ein Erlebnis, das sich mit Worten schwer beschreiben lasse. Zurück in Hamburg, wollte sie mehr über den christlichen Glauben erfahren. Aber wie? Der traditionelle Gottesdienst blieb ihr unverständlich. Weder Freunde noch sie selbst wussten, wie sie etwas über den Glauben lernen könne - ganz unverbindlich, natürlich.
Per E-Mail wandte sie sich an die Hauptkirche St. Jacobi. Tags darauf kam eine Antwort vom Pastor, der sie zu Taufgesprächen einlud. "Da wurde ich so genommen, wie ich erst mal bin", sagt die junge Frau mit langen, lockigen Haaren, in Jeans und Strickpullover. "Ich kann Zweifel äußern, unwissend sein, und das ist in Ordnung. Ich habe dort nicht den Gedanken, womöglich etwas völlig Falsches oder Abwegiges zu sagen." Christlichen Werten wie Nächstenliebe sei sie auch vorher in ihrem Leben begegnet, jetzt entdecke sie sie neu. Ihre Hinwendung zur Kirche erlebt sie als eine Bereicherung ihres Lebens. Wichtig war für sie die Offenheit des Pastors. Taufe oder nicht, da habe sie keinerlei Druck gespürt. Umso mehr freut sie sich jetzt darauf.
Die einen wollen sich mit ihrem neuen oder wiederentdeckten Glauben intensiv beschäftigen, andere den Verwaltungsakt so schnell wie möglich hinter sich bringen. Pastor Tobias Woydack lernt am Telefon vor allem Letztere kennen. Seine Wiedereintrittsstelle "Treten Sie ein" des Kirchenkreises Hamburg-West/Südholstein bietet Eintritt per Anruf. "Da melden sich Leute, die genau wissen, was sie wollen", sagt Woydack. Fast immer erwähnten sie ihre Gründe für den Austritt: Differenzen mit einem Pastor, Verschwendung von Kirchensteuern oder Geldmangel. Nun sei der Ärger verraucht, und sie seien durch ein besonderes Ereignis mit Kirche in Berührung gekommen - durch eine Taufe, Hochzeit, Beerdigung oder einen Weihnachtsgottesdienst. Mehrmals hat Woydack am Telefon den Satz gehört: "Das fühlt sich für mich nicht mehr richtig an." Gemeint war: ausgetreten zu sein, nicht mehr dazuzugehören.
In diesem Fall gilt: Anruf genügt. "Die Leute wollen nicht noch mal befragt werden, eine Glaubensprüfung ablegen oder Ähnliches", meint Woydack. Er handelt pragmatisch. Per Post oder E-Mail sendet er den Anrufern das Wiederaufnahmeformular zu. In den allermeisten Fällen bekommt er es ausgefüllt zurück. Er regelt dann die Formalitäten mit der kirchlichen Verwaltung und informiert die zuständige Ortsgemeinde. (Telefon Tobias Woydack: 040/832#35#01.)
Die Mobile Wiedereintrittsstelle veranstaltet auch Schulungen für Gemeindesekretärinnen und Ehrenamtliche (www.treten-sie-ein.de). Etwa zehn Haupt- und Ehrenamtliche bringen anderen kirchlichen Mitarbeitern bei, Fremden gegenüber Auskunft zu geben, warum sie selbst der Kirche angehören. Und auf Märkten, Messen und Volksfesten werben sie mit einem Stand für den Wiedereintritt. Nicht wie Drückerkolonnen, die Menschen dazu bringen, ein Formular zu unterschreiben, betont Woydack. Sondern um sich als Kirchenleute öffentlich zu zeigen. Und um so den Gedanken an einen Eintritt unter die Leute zu bringen.
Hedwig Gafga
Hier finden Sie die Studie als PDF-Datei (483 KB).
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