Ratgeber

Aug' in Auge mit dem Chef (Seite 3)



Michael Shohat.

Endlich sieht er Sinn in seiner Arbeit: Michael Shohat, Produktmanager beim Internetanbieter Strato

 

Es geht auch anders - mit Wertschätzung. "Wir haben eine hervorragende Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat! Das sind Leute mit hoher Qualifikation und wirtschaftlichem Verständnis", sagt Michael Geier, der Personalleiter der Wittenstein AG in Igersheim, einem auf kleine Getriebe spezialisierten Maschinenbauunter­nehmen mit internationalem Ruf und rund 1200 Beschäftigten in Deutschland. Früher hielt Geier Betriebsräte für hinderlich, er ­kannte nur welche aus den Medien. Heute schwärmt der 42-Jährige geradezu: "Über den Betriebsrat kann man die Belegschaft hören! Wir schätzen den Betriebsrat mit seinen anderen Ansichten und Ideen als Sparringspartner."
Friede, Freude, Eierkuchen? Nun, manchmal führe man eine "intensive Diskussion". Zum Beispiel jetzt, in der Krise, als die Firma nicht nur Entlassungen, sondern auch schon Kurzarbeit vermeiden wollte. Nur wie? Betriebsrat und Geschäftsführung einigten sich schließlich darauf, das Gleitzeitkonto auszuweiten. Gut daran für die Beschäftigten: Sie können nun bis zu 300 Stunden unter dem Soll bleiben, bei vollem Lohn, ­müssen natürlich irgendwann nacharbeiten. Weniger toll: Überstunden werden künftig erst ab 200 Stunden ausbezahlt, davor muss man sie als Freizeit nehmen. "Da war es sehr hilfreich, dass der Betriebsrat den Beschäftigten gesagt hat: Das ist sinnvoll."
Aber mit der Karriere ist es ja wohl vorbei, wenn man mal Betriebsrats­mitglied war? "Bei uns nicht", sagt der Personalleiter, "uns ist gesellschaftliches En­gagement wichtig - da bringt sich ja jemand ein, will mitgestalten!" Auch für diese Haltung verlieh die Evangelische Kirche in Deutschland der Firma das Arbeitsplatzsiegel "Arbeit Plus". Die EKD ruft jetzt auch wieder dazu auf, bei den Betriebsratswahlen zu kandidieren und mitzuwählen. Denn Betriebsräte trügen dazu bei, dass die Würde der arbeitenden Menschen geachtet werde.
Ist das nicht alles antiquiert - Betriebsräte, Tarif­verträge und Gewerkschaften? Passend vielleicht für unterdrückte Drogerieangestellte oder angelernte Fabrikarbeiter, aber doch nicht für die jungen, bestens ausgebildeten Menschen in der Multimedia- und IT-Welt? So denkt zum Beispiel Mirko Meyerbeer#*. Er konzipiert Webauftritte für eine hippe Onlineagentur; er versteht sich als Künstler, nicht als Arbeitnehmer. 
Doch nun hat die Krise auch seine Firma erwischt, die Hälfte der Leute wurde entlassen, und Meyerbeer arbeitet noch mehr: elf Stunden jeden Tag, das Kickern zwischendurch ist da schon abgezogen. Trotzdem ­würde sein Gehalt nicht für eine Familie reichen. Gerüchteweise hat er gehört, dass ein Kollege, Familienvater, mehr Gehalt ausgehandelt hat. Das nagt an ihm. Aber einen Betriebsrat gründen? Auf keinen Fall, das könne sich die Firma nicht leisten. Dann soll er doch gleich die Sklaverei beim Chef beantragen, frotzelt ­seine Freundin, das käme die Firma noch billiger! Es nervt sie, dass er leidet und trotzdem nichts tut.
"Den muss man leiden lassen, bis er nicht mehr leiden will", sagt trocken Kathlen Eggerling von connexx.av, einer Art schnellem Beiboot von Verdi für die Beschäftigten in den neuen Medienbranchen. "Das ist der Klassiker, dass die Leute irgendwann sagen: Ich werde zu alt für dieses Höllentempo, ich will Kinder, mir sind noch andere Dinge im Leben wichtig." Oft versuchen es die ­Beschäftigten zunächst mit einem "runden Tisch", bis sie merken, dass der bei Kon­flikten keine einklagbaren Rechte hat. Dann steht die Idee Betriebsrat im Raum - doch kaum macht der Arbeit­geber "Buh!", zieht man sich zurück. Erst einmal.  
Selbst wenn es in Mirko Meyerbeers kleinem Betrieb nur für einen einköpfigen Betriebsrat langen sollte, also einen mit reduzierten Rechten, so könnte der doch Zahlen über die wirtschaftliche ­Lage verlangen oder Kündigungen widersprechen. Trotzdem dauert es in solchen Betrieben meist Jahre bis zur Gründung eines Betriesbsrats.
Und dann dauert es noch mal Jahre, bis die Beschäftigten merken, dass Tarifverträge zu Gehalt und Arbeitszeit mehr Sicherheit und Gerechtigkeit bieten als individuelle Vereinbarungen, dass man Tarifverträge aber nicht geschenkt bekommt, auch Haustarifverträge nicht, sondern erstreiten muss.
So weit sind Meyerbeer und seine Kollegen noch nicht. "Die gründen so lange keinen Betriebsrat, solange die Gemeinschaft tatsächlich gelebt wird", sagt der Münchner Soziologe Andreas Boes, der Betriebs­kulturen in der IT-Branche erforscht. "Wenn aber - weil der Markt kriselt oder man aufgekauft wird von einem Finanz­investor - der Sinn verloren geht, das Gefühl des positiven Andersseins und der Gemeinschaft, dann gibt es kein Gegengewicht mehr zu den Belastungen. Dann merken sie, dass sich ihre Interessen nicht von alleine duchsetzen." Das sei die ­aktuelle Situation: Es rumore gewaltig unter der Oberfläche.
Größter Nachteil, wenn es keinen Betriebsrat gibt: Probleme werden individualisiert. Das erfuhr der ­Soziologe Stefan Lücking von der Uni Erlangen-Nürnberg bei seinen Recherchen in betriebsratslosen Betrieben: "Manche Personalleiter haben die Tendenz, jeden Kritiker als Querulanten anzusehen, als einen, dem man es sowieso nicht recht machen kann." Statt die Kritik als Chance zu nehmen und zu fragen, ob vielleicht generell was nicht stimmt - es könnte ja sein, dass die Arbeitsorganisation ineffektiv ist -, wird dem Kritiker ein Coach vermittelt: damit er an sich selbst arbeitet, also seinen Umgang mit dem betrieblichen Problem ändert.
Dass es einen Betriebsrat gibt, bedeutet allerdings nicht automatisch, dass der auch was bewirkt. Ziemlich unauffällig fand Michael Shohat seinen bisherigen Betriebsrat. Shohat ist Produktmanager bei der Strato AG in Berlin, einem Internetanbieter mit rund 400 Beschäftigten. Und weil er beruflich "einigermaßen gelangweilt" war, kandidierte er. Jetzt ist er Betriebsratsvorsitzender. Man kann alles lernen, sagt er gut gelaunt, selbst wie man den Vorstand zu Kompromissen bewegt...

 

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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/5836.php
[Stand: Dienstag, 31. August 2010 14:09 Uhr]

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