Weitere Fragen an das Leben

Britta Steffen

03/2010


Britta Steffen.

Ein Sensibelchen darf man im Sport nicht sein. Warum eigentlich nicht? Schwimmerin Britta Steffen über den Umgang mit Druck

 

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?
Beim Schwimmen kommt es mir oft so vor, als würde ich schweben oder fliegen: Ich mache einen Zug und schieße nach vorn, das ist ein ganz tolles Gefühl. Als ich in Peking meine erste Goldmedaille gewonnen habe, lagen allerdings großes Glück und Schmerz nah beieinander. Anfangs fühlte ich mich sehr lebendig: Ich hatte gewonnen! Aber kaum war ich aus dem Becken raus, musste ich Interviews geben. Zehn Journalisten standen vor mir, und immer musste ich die gleichen Fragen beantworten. Die ­Reporter wollten mich nur ausquetschen, mir blieb keine Zeit, das Gefühl der Freude zu konservieren oder es zu mehren, indem ich es mit Freunden teilte. Dann musste ich eine Stunde zur Dopingkontrolle, dann in die Pressekonferenz. Es vergingen drei, vier Stunden, in denen ich weder mit meiner Familie noch mit meinem Trainer sprechen konnte. Das hat mich traurig gemacht. Der Sieg ist nichts, wenn du ihn nicht mit jemandem teilen kannst, der dich auf dem Weg begleitet hat.


An welchen Gott glauben Sie?

Ich glaube, dass etwas die Welt im Innersten zusammenhält. Eine Kraft, die in mein Leben hineinwirkt, indem sie mich vor Prüfungen stellt. Gelingt es mir, diese zu lösen, erreiche ich eine höhere Stufe. Schaffe ich es nicht, kommt die Prüfung in einer anderen Form wieder. Letztlich geht es bei diesen Prüfungen darum, ein besserer Mensch zu werden. Es gibt doch diesen Spruch: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" - das gefällt mir sehr gut. Ich möchte ein faires Leben führen, ohne Doping siegen und auch Vorbild sein. Ich will nicht mit erhobenem Kopf durch die Welt gehen und rufen: "Ich bin so toll!" In meinen Augen sind alle Menschen gleich.


Wie halten Sie dem Leistungsdruck stand?
Die Olympischen Spiele 2004 waren ein Desaster. Ich hatte mir in Sydney den Fußknöchel verdreht und konnte kaum schwimmen. Danach war ich völlig am Boden und habe ein halbes Jahr lang nicht trainiert. Aber dann hatte ich meinen ersten Termin bei meiner heutigen Psychologin. Kaum saß ich bei ihr, fing ich an zu weinen, denn eigentlich wollte ich weitermachen, aber es gab so viele Erwartungshaltungen. "Ich bin ein Sensibelchen pur", habe ich mal gesagt, und so hat mir der Leistungsdruck extrem zugesetzt. Früher habe ich auch immer geguckt: Was macht der? Und wie macht die es? Ich ließ mich schnell verunsichern, schon von irgendwelchen Gebärden. Das ist heute anders, weil ich mir sage: Was wollen sie mir denn? Ich lasse mich nicht mehr ablenken. Ich habe gelernt, mich auf mich zu konzentrieren. Auch den Druck mache ich mir nicht mehr. Ich habe in Peking zwei Goldmedaillen gewonnen - besser geht es doch gar nicht. Olympia­sieger bist du ewig, du bist nie Ex-Olympiasieger.


Wie motivieren Sie sich?
Mein Trainer motiviert mich auf eine ganz spezielle Art, er sagt vor jedem Rennen: "Sieht nicht gut aus, schaffst du sowieso nicht." Darauf springe ich sofort an. Natürlich weiß ich, dass er das mit Absicht macht, aber solche Sätze entspannen mich.


Muss man den Tod fürchten?
Erst durch seine Endlichkeit bekommt das Leben seinen wahren Wert. Sonst wäre es egal, ob ich etwas heute tue oder morgen. Deshalb bemühe ich mich, Wichtiges nicht auf die lange Bank zu schieben, sondern gleich zu tun.


Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?
Ich würde gern Spanisch und Portugiesisch lernen. Eigentlich könnte ich mein ganzes Leben lang studieren, die Schulzeit ist bei mir zu kurz gekommen. Ich bin schon mit zwölf Jahren auf eine Sportschule, dort war ich darauf fokussiert, schnell zu schwimmen, mehr als eine Drei war nicht drin. Nach dem Training war ich oft so müde, morgens hatte ich drei Stunden Training, abends zwei Stunden. Aber ich wollte selber aufs Internat. Das hatte auch damit zu tun, dass ich mir ein eigenes Zimmer wünschte. Das Kinderzimmer für meine beiden Brüder und mich war zwölf ­Quadratmeter groß, und ich musste immer aufräumen. Im Internat habe ich mir das Zimmer mit einem anderen Mädchen geteilt, aber die hat Ordnung gehalten.


Britta Steffen hat in Peking 2008 zwei Goldmedaillen gewonnen und zählt zu den bekanntesten deutschen Sportlerinnen. Geboren am 16. November 1983 in Schwedt (Brandenburg), gewann sie bereits bei den Europameisterschaften 2006 mehrere Goldmedaillen. Im Juni 2009 stellte sie in Berlin mit 52,56 Sekunden den Weltrekord über 100 Meter Freistil auf, im Juli 2009 verbesserte sie in Rom ihren eigenen Rekord auf 52,07 Sekunden. Britta Steffen lebt in Berlin und studiert Wirtschaftsingenieurwesen für Umwelt.

 

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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/5821.php
[Stand: Dienstag, 31. August 2010 14:09 Uhr]

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