Reportage
Das Gewissen und die Gräber von Ladelund (Seite 2)
© Fotos: Isadora Tast.
Mörderische Arbeitseinsätze hatten die Männer in Ladelund zu bewältigen. Dieses Lager war ein Außenkommando des Konzentrationslagers Neuengamme bei Hamburg
Harald Richter löste Pastor Meyer ab, setzte seine Arbeit fort, intensivierte den Austausch mit der Puttener Gemeinde, baute am Rande des Friedhofes eine Gedenkstätte auf: Anfangs steht da nur ein Kreuz mit einer Gedenktafel, dazu eine Box mit der Liste aller Verstorbenen, aufgeteilt nach Nationalitäten; später kommt ein festes Haus dazu, mit Ausstellungsfläche, Bibliothek und Tagungsraum. Es war eine der ersten Gedenkstätten in Deutschland, es ist bis heute die einzige in kirchlicher Trägerschaft. Zwischen den Gemeinden Ladelund und Putten ist längst eine enge Freundschaft erwachsen. Ein neuer Pastor setzt nun Richters Arbeit fort, Versöhnungsarbeit in der dritten Pastorengeneration.
Richter erzählt noch von den 50er und 60er Jahren, als aus ihm, dem anfangs allein wissbegierigen, aber ahnungslosen Studenten ein engagierter Anhänger der Friedensbewegung wurde, der gegen die Wiederbewaffnung demonstrierte, gegen den Atomtod, gegen die Aufrüstung; der Martin Niemöller kennenlernte, dann Gustav Heinemann und Johannes Rau, die späteren Bundespräsidenten. Und der schließlich, in Ladelund angekommen, besonders auf die kirchliche Jugendarbeit setzte. Jugendliche waren es denn auch, mit denen er dagegen protestierte, dass ausgerechnet jenem General Christiansen nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft auf Föhr die Ehrenbürgerschaft verliehen wurde und die Hauptstraße der Insel seinen Namen trug. Darüber berichtete damals nicht nur die lokale Presse.
Ist er nicht selbst auf eine Napola-Schule gegangen, in Plön? "Napola", Nationalpolitische Lehranstalt, so nannte man damals Eliteinternate. Richter ist gern auf diese Schule gekommen. Nun schüttelt er den Kopf: So, wie man sich das heute vorstellt, so war seine Schule nicht. Er will jetzt nicht missverstanden werden! Auf keinen Fall! Man müsse eben nur bedenken, was für eine Zeit das damals war. "Mein Vater ist 1933 gleich in die SA eingetreten, da war eine richtige Aufbruchsstimmung im Land damals", sagt er mit fester Stimme. Und er, Harald Richter, ein Schüler von zehn Jahren, er wurde 1937 auserwählt aus 2000 Schülern - wurde aufs Eliteinternat nach Plön geschickt. Es gefiel ihm dort. "Wir waren 250 Schüler, und für uns waren über 40 Lehrer und Erzieher zuständig, wo hat man das denn heute", sagt er. Alles hätte es gegeben - Segeln, Reiten, Fechten, später Segelfliegen. Harald Richter wollte Fallschirmjäger werden. "Das war keine reine Dressuranstalt, wir sollten im Gegenteil zu eigenständigen Persönlichkeiten erzogen werden, im Sinne des Nationalsozialismus selbstverständlich. Aber man wollte aus uns keine Tötungsmaschinen machen, wir sollten als überzeugte Nationalsozialisten Ärzte, Anwälte oder auch Pastoren werden - wie Salz sollten wir sein, nach der Bewährung im Krieg, natürlich."
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