Februar 2010
Mit Wahrhaftigkeit und Sachverstand
© epd
Eilige Nachrichtenwelt: der epd-Newsroom in Frankfurt
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Religion und Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Entwicklungspolitik: Die Themen der Kirche gehören in die Welt. Professionell recherchiert, journalistisch aufgearbeitet. Dafür sorgt der Evangelische Pressedienst, der jetzt sein 100-Jähriges feiert
Thomas Schiller ist seit 1999 Chefredakteur der epd-Zentralredaktion. Zuvor hatte Schiller als Korrespondent für die Nachrichtenagentur dpa aus Paris berichtet.
chrismon: Am 3. Februar 1910 wurde in Wittenberg der "Evangelische Preßverband für Deutschland" gegründet, der sich damals mit "EPD" abkürzte. Warum, was war der Anlass?
Thomas Schiller: Der epd ist die älteste der heute bestehenden deutschen Nachrichtenagenturen. Die evangelische Kirche wollte in der Kaiserzeit ein stärkeres Gewicht in der Presse erhalten, angesichts der erstarkenden sozialdemokratischen Zeitungen. Die Kirche war ja noch konservativ, und der Kaiser war in Preußen das Oberhaupt der Protestanten. Der Patriotismus schlug hohe Wellen im EPD der Gründerzeit, das zog sich durch den gesamten Ersten Weltkrieg.
Wie schafft es der epd heute, nicht nur ein Sprachrohr der Kirche, sondern eine unabhängige Nachrichtenagentur zu sein?
Indem wir die Maßstäbe des unabhängigen Nachrichtenjournalismus vertreten: Wir berichten wahrhaftig, wir trennen Nachricht von Meinung, und wir prüfen jede Quelle kritisch - auch wenn es eine kirchliche Quelle ist.
Verstehen Kirchenvertreter diese Haltung?
Die meisten ja, für manche ist es ein Lernprozess. Letztlich ist allen klar, dass eine kritische Berichterstattung im Sinne der Kirche selbst ist. Wir sind manchmal wie ein Seismograf, der kleine Beben innerhalb der Kirche früh aufspürt. Das kann einen selbstreinigenden Effekt haben. Ich denke an die Diskussionen um Samuel Kobia 2008, den Generalsekretär des Weltkirchenrates, der sich einen zweifelhaften Doktortitel besorgt hatte. Wir haben das thematisiert, das hat uns nicht nur Freunde gemacht, stand aber aus journalistischer Sicht auf der Tagesordnung.
Wozu braucht die evangelische Kirche den epd?
Die Kirche hat ein Interesse daran, dass die Menschen über ihre Themen sprechen, und das nicht nur nach dem Gottesdienst im Gemeindehaus, sondern weit darüber hinaus. In einer Mediengesellschaft bedeutet das, dass die Kirche mit ihren Themen in den Medien vertreten sein muss. Dabei ist eine professionelle, unabhängige Nachrichtenagentur, die ihre Arbeit nicht als PR und Öffentlichkeitsarbeit, sondern als journalistische Leistung versteht, von unschätzbarem Wert.
An welche Themen denken Sie?
Natürlich an theologische Themen, an ethische Fragestellungen, aber auch an medienpolitische Themen, an Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der Diakonie, an Kultur und Film, an Umweltthemen und den gesamten Bereich der internationalen Politik - Entwicklung, Globalisierung, Menschenrechte.
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Nach dem Krieg
kommen die Nachrich-
ten aus Bielefeld-Bethel.
Kirchenamtsvizepräsi-
dent Hermann Barth (li)
besucht 1994 Chef-
redakteur Hans Hafen-
brack. Redaktions-
konferenzen Mitte der
80er und 1991.
Das Internet hat die Medienlandschaft verändert, alle reden mit, viele schreiben selbst. Auch Zeitungen können sich aus dem Internet bedienen. Wozu brauchen Medien den epd?
Journalistisch überprüfte Nachrichten, auf die sich der Leser verlassen kann, werden immer gebraucht. Die finden Zeitungsredakteure viel eher bei Nachrichtenagenturen als in den Blogs und Foren des Internets. Auch die Nachrichtenportale im Internet kommen ohne Agenturen nicht aus. Das Internet ist ein schnelles Medium, es verlangt nach kurzen, schnellen und präzisen News. Das ist genau das, was Agenturen machen. In den Foren und Blogs des Internets kann niemand für Wahrhaftigkeit und Qualität garantieren - wir als Agentur schon.
Also kann alles beim Alten bleiben?
Nein, wir nehmen die Herausforderung der Multimediazukunft an. Und der epd selbst hat sich ja auch schon stark verändert. Längst haben wir unsere Ressorts in einem Newsroom zuammengeführt, denken wir viel stärker als Team, nutzen den Sachverstand unserer Experten gemeinsam. Trotzdem vernachlässigen wir nicht unsere Angebote für Entscheidungsträger, die wir mit unseren Fachdiensten wie epd medien und epd sozial versorgen. Auch sonst haben wir auf neue Herausforderungen reagiert. Wenn wir früher das Thema Kinderarmut oder Obdachlosigkeit hatten, haben wir die neuen Zahlen verarbeitet - heute stellen wir fast immer eine Geschichte dazu, bei der nicht die Zahlen, sondern Menschen im Mittelpunkt stehen. Und die Sprache im Agenturjournalismus ist längst nicht mehr so staubtrocken.
Bei welchen Themen hat der epd eine Kompetenz, auf die niemand verzichten sollte?
Generell ist das der andere Blick auf Themen und der Versuch, die aktuellen Themen zu hinterfragen. Ein Beispiel für den anderen Blick: Als die Debatte über Margot Käßmanns Äußerungen zum Afghanistankrieg hochkochte, haben wir einen fundierten Text über Friedensethik verbreitet. Den hatte keine andere Agentur.
Wer verbreitet heute Ihre Meldungen?
Wir beliefern Printmedien, Hörfunk, Fernsehen und Internetportale. Stolz sind wir darauf, dass wir alle überregionalen meinungsbildenden Blätter, von der FAZ bis zur taz, zu unseren Kunden zählen dürfen, zudem zwei Drittel der regionalen Zeitungen. Und alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Das zeigt, dass wir den Kunden wichtig sind, die Qualitätsjournalismus betreiben.
Was wäre der Welt ohne den epd verborgen geblieben?
Ich bin nicht so vermessen zu behaupten, dass etwas ohne uns nie ans Licht gekommen wäre, aber dass der damalige epd-Medien-redakteur Volker Lilienthal den ARD-"Marienhof"-Skandal aufgedeckt hat, war einer unserer großen Scoops. Er hatte detailliert die Schleichwerbungspraxis in einem öffentlich-rechtlichen Sender nachgewiesen. Ein historisches Beispiel ist die gesamte epd-Berichterstattung über die Kirche in der DDR zwischen Mauerbau und Mauerfall, sie war von unschätzbarem Wert. Das lasen nicht nur die Westdeutschen in ihren Zeitungen. Über die Westmedien wurden die Anliegen von Christen in der DDR zurückgespielt in den Osten und sorgten dort für Diskussionen, die das Regime irgendwann nicht mehr kontrollieren konnte.
Ihre Wunschschlagzeile in den nächsten 100 Jahren?
Hunger in der Welt besiegt.
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Dr. Margot Käßmann ist Herausgeberin des Magazins chrismon
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