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Ich bin bei dir
© Elios Hassos
Wenn mein Zeitbudget das zulässt... Aber es ist wirklich nicht immer leicht, für jemanden da zu sein
Nein, sie hat nichts an den Ohren. Der Kollege hat tatsächlich gesagt: "Mein Zeitbudget lässt das nicht zu." Er sollte Alexandra aus seinen Akten schnell etwas heraussuchen, was sie gleich gebraucht hat. Die Art, wie einem manchmal mitgeteilt wird, dass der andere gerade keine Zeit hat oder grundsätzlich nicht so sehr am Miteinander interessiert ist, gleicht weniger einer höflichen Absage als einer rigiden Abfuhr. Da ist keine Nähe, kein warmherziges Verständnis zu spüren, sondern nur kühle Distanz: "Ich brauche Zeit und Raum für mich - du hast da keinen Platz."
Mein Zeitbudget lässt das nicht zu: Es kann natürlich auch sein, dass der Kollege sich mit etwas beschäftigt, was seine ganze Konzentration erfordert. Störungen haben eben nicht immer Vorrang. Wer mag es schon, wenn er ständig aufgescheucht wird und nicht dazu kommt, eine Arbeit in Ruhe fertig zu machen. Es ist wichtig, sich ab und zu abzugrenzen, um zu dem zu kommen, was man tun will und soll. Überhaupt ist es (über)lebensnotwendig, nicht allein auf Bedürfnisse und Möglichkeiten anderer zu achten, sondern auch auf die eigenen.
Statt wie ein Wassertropfen vollkommen im Meer fremder Begehrlichkeiten und Anforderungen aufzugehen, braucht es Nähe zu sich selbst. Nur dann kann man es schaffen, anderen ein offenes Ohr zu leihen und ihnen das eigene Herz zu öffnen. Aber was macht man, wenn man dazu bereit ist und zugleich spürt: Da ist jemand, der mich braucht, ich will ihm oder ihr auch gerne aus nächster Nähe beistehen - trotzdem habe ich den Eindruck, diese Nähe könnte mich überfordern?
Da ist die alkoholkranke Freundin, die nichts an ihrem Zustand ändert, aber dauernd bei einem anruft, sogar droht, sich etwas anzutun, wenn man nicht gleich angerannt kommt. Es gibt den krebskranken Nachbarn, dessen Frau langsam dement wird und der doch so gern mal mit jemandem redet; die Schwester, die von einer Ehekrise in die nächste trudelt, oder den alten Schulfreund, der Probleme mit seinen halbwüchsigen Söhnen hat. In allen Fällen, in denen man zeigen möchte: "Ich bin für dich da, ich bin an deiner Seite", wird es darauf ankommen, genau hinzuschauen.
Will die Freundin echten Beistand, wirkliche Nähe, die auch Kritik einschließen kann - will sie ihre Situation verändern? Oder möchte sie sich nur immer wieder darin bestätigen lassen, dass alles schrecklich ist? Als bloßes Echo sollte man sich keinesfalls benutzen lassen. Das hilft nichts, und man selber wird auf Dauer nur frustriert. Außerdem sollte man sich überlegen, was der andere tatsächlich von einem braucht - und was nicht. Möglicherweise reicht ein intensives Gespräch, um Nähe zu signalisieren. Ein andermal ist es wichtig, mit jemandem regelmäßig, dafür kürzer zu sprechen oder verlässlich bei ihm vorbeizuschauen.
"Von deinem Freund und deines Vaters Freund lass nicht ab. Ein Nachbar in der Nähe ist besser als ein Bruder in der Ferne" heißt es in den Sprüchen der Bibel (Sprüche 27,10). Nähe zu schenken gehört zu einem guten Leben einfach dazu. Derselbe biblische Spruch warnt aber auch: "Geh nicht ins Haus deines Bruders, wenn dir's übel geht." Man sollte schon auch überprüfen, ob man momentan genügend Kraft hat für intensive Nähe. Es kann gescheit sein, andere hinzuzuziehen, sie mit ihrer Kompetenz - etwa in Erziehungsfragen - in die Nähe zu einem anderen mitzunehmen.
Nähe ist übrigens ein Geschenk, das man nicht nur machen kann, sondern auch für sich erbitten darf. Es gibt überraschend viele Menschen, die ihr "Zeitbudget" dafür verwenden, einem nah zu sein - wenn man sie nur lässt.
Susanne Breit-Keßler können Sie auch auf dem chrismon-Podcast "Segensreich" hören.
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