Weitere Vorbilder

Marie Dentière

12/2009


Marie Dentière.

Sind diskussionsfreudige
Frauen etwa unverfroren?,
fragte Marie Dentière
(1495-1561). Eine Ab-
bildung von ihr gibt es
nicht - wen wundert's

Sie ist eine selbstbewusste Frau und mutige Reformatorin. Ihre Forderungen verärgerten Johannes Calvin

 

Wie bringt man Nonnen dazu, ihr Kloster zu verlassen? Im August 1535 redet eine Frau in Genf auf die "armen Klarissen" ein - sie malt die Verlockungen der Ehe aus. Das ist ähnlich schwierig, wie einem Blinden die Farben zu erklären. "Ihr Armen wisst gar nicht, wie gut es ist, einen hübschen Gatten zu haben, und auch noch gottgefällig." Ihr Lob der Ehe fruchtet nicht, die Nonnen spucken sie an. Von deren Oberin wird Marie Dentière beschrieben als "falsche Äbtissin voller Runzeln und von teuflischer Zunge, die sich anmaßte zu predigen und die Frömmigkeit des Volkes pervertierte".
Eine ungewohnte Erfahrung, die Marie Dentière, frühere Äbtissin eines Augustinerinnenklosters bei Tournai in Flandern, da machen muss. Mit knapp dreißig war sie lutherisch geworden und hatte ihren Orden verlassen, weil sie dort "nichts als Scheinheiligkeit, geistige Verderbnis und Müßiggang" fand. Sie hatte einen ehemaligen Priester und Bibelwissenschaftler geheiratet, mit ihm Kinder bekommen. Nach dessen Tod heiratet sie einen Jüngeren: Antoine Froment, Prediger, einer der Schlüsselfiguren der reformatorischen ­Bewegung. Seit 1535 sind sie in Genf. Hier hält gerade die Reformation Einzug.
Marie Dentière ist die erste Intellektuelle der frühen Reformation. Seit ihrer Klosterzeit hat sie sich in die Theologie geworfen. Sie kennt sich in der Bibel aus und im Kirchenrecht. Sie begreift: Veränderungen zugunsten der Frauen sind möglich in der Kirche, die Chancen dafür stehen in diesen Umbruchzeiten besonders gut. Sie verwickelt alle Menschen in theologische Debatten. Als aufbrausend und unnachgiebig gilt sie. Bald wird über ihren Mann geredet, er tanze nach ihrer Pfeife.
Sie ist die einzige Frau ihrer Zeit, die sich öffentlich theologisch äußert. Und schon überschreitet sie die von ihrer Kirche gesetzten Rollenschranken. "Haben wir zwei Evangelien, eins für die Männer und eins für die Frauen?", fragt sie in ihrer "Épître très utile" ("Sehr nützlicher Brief") und beklagt, dass man Frauen für "äußerst unverfroren hält, wenn die eine der anderen etwas über die Heilige Schrift mitteilt". Ihre Hoffnung, für die Frauen eine bedeutendere Rolle im kirchlichen Leben zu erreichen, zerbricht. Bald hat sie die Bremser des sozialen Wandels ausgemacht: konservative Geistliche am Hof der reformationsfreudigen Königin Marguerite von Navarra und jene Geistlichen, die Calvin nach nur einem Jahr wieder aus der Stadt Genf vertrieben hatten.
Marie Dentière dränge ins Predigtamt, schimpfen ihre Kritiker. Genau das ist richtig. Allerdings scheut sie sich, mündlich in Dispute einzugreifen. Sie schreibt: "Und wie sehr es uns auch verboten sein mag, in öffentlichen Versammlungen und Kirchen zu predigen (1 Kor. 14,24), so ist es uns doch nicht verboten, zu schreiben und eine die andere zu ermahnen, in aller Liebe." Das heißt: Frauen dürfen sich gegenseitig belehren. Dentière fordert mehr: Frauen sollen predigen dürfen, wenn auch (zunächst) nur zu ihresgleichen.
Es ist schwer für Frauen dieser Zeit, Bücher zu veröffentlichen. Um Widerstände zu umgehen, erscheinen ihre Bücher unter einem männlichen Pseudonym oder ohne Namensangabe. So steht vor ihrem Bericht über die Genfer Reformation: "...aufgeschrieben durch einen in Genf wohnenden Handelsmann." Auch ihre "Verteidigungsschrift für die Frauen" erscheint anonym.
Dentière forderte für Genf die Kirchenzucht - bei aller gebotener Milde. Ja, das klingt nach Calvin. Nur: Dentière forderte dies früher als der vielbeachtete Refor­mator. Frauen und Männer sollen sich dezent und bescheiden kleiden, Männer und Frauen nicht schminken. Auch lässt sie sich kritisch über die langen schwarzen Talare der Pfarrer aus, gerät so in einen heftigen Streit mit Calvin. Sie findet, die Geistlichen stellten sich übertrieben zur Schau. Calvin ist außer sich, berichtet später: "Ich behandelte diese aufsässige Frau, wie sie es verdient hatte."
Johannes Calvin hatte nur Verachtung übrig für das Anliegen Dentières, den Frauen mehr Mitsprache in religiösen Ange­legenheiten einzuräumen. Das ist heute anders. Seit 2002 schmückt auch ihr Name das Internationale Reformationsdenkmal in Genf. Unter mehr als einem Dutzend Männern ist sie die einzige Frau.

Eduard Kopp


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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/5065.php
[Stand: Donnerstag, 11. März 2010 17:18 Uhr]

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