April 2009
Buuuh! - guck mal, wer da kommt!
© Fotos: Dörthe Hagenguth
Wenn Maxi, 3, Spaß hat, freuen sich die Großen: Die Kita "Glücksmomente" macht gemeinsame Sache mit dem Altenheim "Am Wasserturm"
Erst zog die Kindertagesstätte ins Altenheim, weil sie nirgends sonst freie Räume fand. Doch dann entdeckten Kinder, Erzieherinnen und die alten Menschen in Kirchmöser bei Brandenburg: Gar nicht mal verkehrt, wenn Menschen am Anfang und am Ende ihres Lebens unter einem Dach zusammentreffen
Text: Ariane Heimbach
So sieht also das Leben kurz vor seinem Ende aus. Man sitzt mit zwei alten Menschen an einem Tisch und schweigt. Morgens, mittags, nachmittags und abends zum Essen. Und in der Zwischenzeit meistens auch. Zur Linken Herr Jerichow mit seinem stillen Lächeln, zur Rechten die mürrische Frau Schmitz, die unter ihrer Vergesslichkeit leidet. Alfred Pohlmann blickt hin und wieder zur geöffneten Tür. 96 Jahre ist er alt, ein großer, inzwischen gebeugter Mann, mit weißem Haarkranz und wachen Augen. Auch die anderen Anwesenden im Raum sagen nichts.
Männer in Trainingshosen und Pantoffeln. Damen in Röcken, Nylonstrümpfen und bunten Strickjacken. Vor ihnen auf den Tischen stehen pinkfarbene Plastikbecher. Sie haben etwas Unwürdiges in dieser Erwachsenenrunde. Leise dudelt das Radio. Ab und zu dröhnt der Saftautomat an der Wand. Sonst ist es still. Die Zeiger der Wanduhr stehen auf kurz vor acht. Es ist eine Stille, die man betreten nennen würde, wäre sie hier nicht völlig normal. Alle scheinen zu warten. Darauf, dass irgendetwas passiert. Aber was?
"Gleich kommen die Kinder", sagt Herr Pohlmann. Und dann kommen sie, einer nach dem anderen über den Flur gerannt. "Guten Morgen", kräht ein blonder Knirps. "Guten Morgen", ruft es im Chor zurück. Also doch, auch die anderen Leute können reden. Gesprächsfetzen fliegen durch den Raum: "...einen schönen Pullover hast du an... Warum sind deine Haare so weiß?..." Einige Kinder treten vor jeden Heimbewohner. Sie schütteln große Hände, durch deren Pergamenthaut die blauen Adern schimmern, oder lassen sich von ihnen über die Haare streichen. Andere flitzen gleich nach dem Begrüßungsritual schon wieder über den gelb gestrichenen Korridor, vorbei an den Rollatoren, die an der Wand parken, bis zur nächsten Glastür. Denn hier befinden sich die beiden Räume der Kindertagesstätte "Glücksmomente", wo jetzt erst mal gefrühstückt wird. Die hellen Kinderstimmen sind noch eine Weile bis in den Gruppenraum der Senioren zu hören.
Eine Kita und ein Altenheim unter einem Dach - so etwas gibt es nicht oft in Deutschland. Und wenn überhaupt, dann meist durch die Initiative gemeinnütziger oder kirchlicher Träger. Wie auch hier im brandenburgischen Kirchmöser. Im Seniorenheim der Arbeiterwohlfahrt ist sozusagen eine Utopie Alltag geworden. Die Utopie, dass scheinbar Unvereinbares miteinander existieren kann: Rotznasen und Greise, Vitalität und Gebrechlichkeit, blühendes Leben und naher Tod. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, Anfang und Ende gehören schließlich zum Menschsein dazu. Theoretisch - aber in der Praxis?
Anny, 3, sitzt im Kreis,
singt ein Lied und klatscht
dazu. Herr Pohlmann, 96,
klatscht mit.
Die Senioren helfen, den
Kindern eine Freude zu
machen. Und umgekehrt
Normalerweise werden Kinder- und Altenbetreuung sauber getrennt. Und mal ehrlich, welche Mutter oder welcher Vater möchte schon jeden Tag mit der Tristesse eines Pflegeheims konfrontiert sein? Mit dem oft hartnäckigen Geruch nach Urin und Desinfektionsmitteln. Oder mit dem Anblick eines sabbernden Alten im Rollstuhl. Und dann klettert die niedliche Tochter womöglich noch auf dessen Schoß?
Ob es in Kirchmöser diese inneren Widerstände einmal gab, daran kann oder will sich heute keiner mehr erinnern. Auf jeden Fall entstand auch dieses Projekt vor drei Jahren zunächst nur aus einer Not heraus. Die Stadt hatte die Mittel für Kitas gekürzt, und eine von zwei Kindertagesstätten der Arbeiterwohlfahrt sollte geschlossen werden. Zugleich waren zwei Räume in dem neu gebauten Seniorenheim "Am Wasserturm" noch nicht belegt. Durch Zufall sah eine Mitarbeiterin eine Fernsehdokumentation über Frankreich. Dort gibt es schon länger Kindergärten in Altenheimen.
Sie erzählte ihren Kolleginnen davon, sie recherchierten, fanden heraus, dass es dies auch in anderen europäischen Ländern gibt, und fuhren für zwei Tage nach St. Peter in der Au in Österreich, um sich ein ähnliches Projekt anzusehen. Dann ging alles sehr schnell. Der Innenhof des Seniorenheims wurde zum Spielplatz umgebaut, und die beiden Zimmer im Erdgeschoss, in denen normalerweise vier Pflegebetten stehen könnten, wurden zum Toberaum und Spiel- und Esszimmer umgestaltet.
Eine familiäre Kita, nur 15 Kinder zwischen zwei und sechs Jahren finden hier Platz. Ursprünglich waren nur Vorschulkinder vorgesehen. Sie sollten hier Sozialverhalten lernen, erfahren, wie man mit Schwachen und Kranken respektvoll umgeht. Doch als deren jüngere Geschwister hinzukamen, fiel allen auf, dass die Kleineren viel ungehemmter mit den Gebrechen der Alten umgingen und dies den Senioren offenbar guttat. Inzwischen sind die Kinder, die seit der Kita-Gründung dabei waren, schon in der Schule. Die sieben im Herbst frei gewordenen Plätze waren sofort wieder belegt.
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