Weitere Fragen an das Leben
Hannelore Kraft
© Dirk von Nayhauß
Glücklich macht die Liebe, die man geben kann. Aufmerksam sein, zuhören - "Ich kann das!", sagt die SPD-Politikerin
An welchen Gott glauben Sie?
Ich bin evangelisch und glaube an einen gutmütigen Gott, der Wärme gibt und Halt. Wenn ich bete, beginne ich meistens mit dem Vaterunser. Gottes Nähe spüre ich besonders in sehr schönen und in sehr schwierigen Situationen. Mein Glaube trägt mich dann.
In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?
Lebendig fühle ich mich im Kreise von Familie und Freunden. Ich liebe es, mit vielen gemeinsam zu essen, zu klönen oder Gesellschaftsspiele zu spielen. Aber auch mein Beruf hält lebendig, weil er so abwechslungsreich ist. Ich mache einen anstrengenden Job. Der Preis, den ich dafür zahle, ist hoch: Ich habe selten Muße, ich bin meist im "Laufrad" der Termine, auch an den Wochenenden. Ich sehe meinen Mann, meinen Sohn und meine Freunde nicht so oft, wie ich möchte. Was mich immer wieder antreibt, sind die vielen guten Gespräche mit unterschiedlichsten Menschen. Heute treffe ich den Vorstandsvorsitzenden eines Weltkonzerns, morgen bin ich bei der Tafel oder mit Streetworkern unterwegs. Dann rede ich mit denen, die kaum genug zum Essen haben, oder mit Menschen, die häufig ohne eigenes Verschulden aus der Bahn geraten sind. Es gibt ganz viele Begegnungen, die ich nie vergessen werde. Bei meinem ersten Wahlkampf kam eine Frau zum Stand und sagte: "Sie müssen mir helfen, ich habe zwei schwerstbehinderte Kinder. Ich brauche für eines dringend einen Platz an einer regulären Schule." Diese Frau, die sicherlich viel Kraft braucht für ihr eigenes Leben, hatte eine so wahnsinnig positive Ausstrahlung. Da relativieren sich meine Belastungen. Diese Frau hat mir Kraft gegeben. Ich sauge solche Begegnungen auf wie ein Schwamm. Dieser Schwamm ist irgendwo tief in mir drin und er ist schon ganz schön voll. Und egal, was kommt, das bleibt. Wenn ich mal im Alter irgendwo sitze, werde ich immer wieder auf diesen Schwamm drücken und mit einem guten Gefühl zurückblicken.
Hat das Leben einen Sinn?
Na klar, wir sind ein großes Ganzes. Und wichtig ist, wir haben ein gemeinsames Ziel: die Welt besser und gerechter zu machen. Das zu erreichen gelingt nur, wenn jeder seine Aufgabe findet und sie wahrnimmt. Das versuche ich auch unserem Sohn zu vermitteln. Auch er muss seine Aufgabe suchen und finden. Das ist wichtiger, als allein auf Karriere oder materiellen Erfolg zu zielen.
Muss man den Tod fürchten?
Wenn überhaupt, fürchte ich ein qualvolles Sterben, nicht den Tod. Und ich glaube, dass es danach noch etwas gibt: Ich hatte eine enge Beziehung zu meinem Vater und fühle mich ihm immer noch sehr nah. Es würde ihm gefallen, was ich heute mache, er wäre sehr stolz auf mich. Die Monate, in denen er gegen den Krebs kämpfte und schließlich starb, zählen zu den schwierigsten meines Lebens. Damals war ich Anfang zwanzig. Es war furchtbar zu sehen, wie dieser Baum von einem Mann irgendwie immer kleiner und zerbrechlicher wurde. Er war für mich immer der Inbegriff von Stärke gewesen. Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört, dass er mich und meine Schwester auf seinen Schultern trägt. Meine Eltern haben beide gearbeitet, und sie haben immer gesagt: Ihr Kinder müsst eine gute Ausbildung machen, ihr sollt es einmal besser haben. Wir gönnen uns dann was als Rentner - aber mein Vater ist an seinem 50. Geburtstag gestorben. Ich weiß nun, dass das Leben schnell vorbei sein kann. Das prägt mich und mein Leben bis heute.
Welche Liebe macht Sie glücklich?
Die, die ich geben kann. Indem ich für andere da bin, aufmerksam bin, zuhöre. Ich kann das, ich spüre viel Liebe in mir. Früher hatte ich ein großes Sicherheitsbedürfnis. Heute sind mir Freunde und menschliche Beziehungen viel wichtiger. Wenn es dort, bei der Familie oder Freunden, irgendwo brennt, wenn Hilfe gebraucht wird, bin ich da. Ich bin nicht nur Politikerin, ich bin Mensch - und das will ich bleiben.
Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?
Früher habe ich davon geträumt, im Alter mit meinem Mann in Südfrankreich zu leben. Das hat sich verändert. Heute stelle ich mir vor, mit meinen Freunden und meiner Familie zusammen alt zu werden. Am liebsten in einer "Seniorenwohngemeinschaft". Mein Traum vom Altwerden: Gesund leben, Muße, Zeit, ein gutes Glas Wein und philosophieren. Vielleicht werde ich auch noch mal studieren.
Hannelore Kraft, designierte stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende, wurde am 12. Juni 1961 in Mülheim an der Ruhr geboren. Die Diplom-Ökonomin beriet zwölf Jahre lang kleine und mittelständische Unternehmen, bevor sie 2000 Mitglied des Landtages NRW wurde. Sie war in Düsseldorf Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten und Ministerin für Wissenschaft und Forschung. Seit 2005 ist sie Fraktionsvorsitzende im Landtag, seit 2007 auch Landesvorsitzende der SPD und Mitglied im Präsidium der Bundes-SPD. Hannelore Kraft ist verheiratet und hat einen 16-jährigen Sohn.
Fragen: Dirk von Nayhauß
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