Titelgeschichte
Der Tag der Entscheidung (Seite 2)
© Gerhard Gäbler
Kerzen für die Inhaftierten, entzündet am 22. September 1989.
Da fingen sie an zu lachen. Die Stimmung kippte ins Positive um. Sie dachten, vielleicht hält dieser Gott doch seine Hand über sie. Am Ende kamen einige der Besucher zu mir und sagten: "Wir gehören nicht der Kirche an, aber dürfen wir auch zu ihren Friedensgebeten kommen?" Ich verwies sie auf das Motto der Nikolaikirche: "offen für alle". Jeder sei dort herzlich willkommen. Ab dem Montag darauf wurden es immer mehr Menschen, die zu uns in die Kirche kamen.
Zu den wichtigsten Friedensgebeten vom Herbst 1989 gehört zunächst das vom 4. September, das erste nach dem Ende der Sommerferien. Weil in dieser Zeit Leipziger Messe war und die westdeutschen Fernsehjournalisten eine pauschale Drehgenehmigung für die gesamte Stadt hatten, war die SED-Führung sehr nervös. Der gesamte Kirchenvorstand wurde vor dem 4. September in das Leipziger Rathaus einbestellt. Dort versuchte man, uns zwei Stunden lang mit allen Mitteln zu überzeugen, eine Woche später mit den Friedensgebeten anzufangen. Wir antworteten, dass wir unsere kirchliche Arbeit selbst bestimmen und eben auch in diesem Jahr wie gewohnt am ersten Montag im September beginnen würden. Und nun passierte das, was die Genossen befürchtet hatten. In die Kirche habe ich die westlichen Journalisten nicht hereingelassen. Was wir unserem Staat zu sagen haben, sagen wir seinen Funktionären ins Gesicht und nicht über ARD, ZDF und Deutschlandfunk. Nach dem Ende des Gebets gingen wir nach draußen, auf den Nikolaikirchhof. Und da stand eine Kamera neben der anderen. Ein großer Halbkreis. Alle akkreditierten Journalisten waren erschienen.
Nur wenige Sekunden später begriff ich, wie wichtig die Anwesenheit der Journalisten war. Denn Angehörige unserer Basisgruppen entrollten ein Tuch, ein schön beschriebenes Bettlaken mit dem Wort: "Für ein offenes Land mit freien Menschen." Das hing höchstens 15 Sekunden in der Luft. Dann wurde es von den Stasileuten abgerissen, und die Demonstranten wurden zu Boden gezerrt. Alles vor laufenden westlichen Kameras. Die Bilder wurden am Abend in der ARD gesendet. Hanns Joachim Friedrichs sagte, das sei nach dem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche geschehen. Und so sahen die Menschen im Westen, was hier passierte. Und ebenso die in der DDR. Abgesehen vom Raum Dresden konnte man überall Westfernsehen empfangen. Unsere eigenen Kommunikationsmittel waren sehr bescheiden. In den Pfarrämtern gab es Kontakttelefone, mehr aber auch nicht. Unsere Friedensgebete wurden so mit einem Schlag DDR-weit bekannt. Und das trug dazu bei, dass sich Menschen in der ganzen DDR sagten: "Das wollen wir auch miterleben." Genau das darf man nicht vergessen. Menschen aus dem ganzen Land haben im Herbst 1989 die Leipziger Nikolaikirche besucht und so der Friedlichen Revolution zu ihrem Durchbruch verholfen.
© Josef Liedke
Pfarrer Christian Führer
im Herbst 1989
In diesen Wochen und Monaten war die Angst unser ständiger Begleiter. Wir dachten alle an die lobenden Worte von Egon Krenz nach der gewaltsamen Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking: Die Kommunistische Partei in China habe den Sozialismus gerettet. Und das DDR-Regime zeigte schon eine Woche nach dem 4. September große Härte in Leipzig. Am Abend nach dem Friedensgebet gab es auf dem Nikolaikirchhof einen ersten brutalen Knüppeleinsatz. Die Polizei drosch einfach auf die Leute ein und verhaftete sie dann. Im Gemeindehaus angekommen, riss ich voller Wut das Fenster auf, trommelte auf das Fensterbrett und schrie: "Denken Sie nicht, dass Sie das ungestraft machen. Wir merken uns eure Gesichter!" Das war eine sehr emotionale Reaktion. Ich erinnere mich noch, dass sich einer der Schläger umdrehte und rief, es sei ihm "scheißegal", was ich mir merken würde. Und dann prügelte er weiter. Die Demonstranten flohen in unser Treppenhaus. Das war zum Glück groß, mit breiten Treppen und mehreren Stockwerken. Ich erklärte, dass diese Menschen hier bleiben werden. Die Polizei zog daraufhin ab und hat auch den Kirchenraum nie betreten. Das muss ich betonen: Der kirchliche Raum wurde immer geachtet.
Auch der 9. Oktober war zunächst vom Gefühl der Angst bestimmt. Zwei Tage zuvor, am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der Staatsgründung der DDR, hatte die Polizei in Leipzig Hunderte Demonstranten zusammengeschlagen und unter menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert. Am Sonntag dann waren auffällig viele Ärzte im Gottesdienst und erzählten nach dessen Ende, sie hätten zahlreiche Menschen mit Schulter- und Schlüsselbeinverletzungen behandeln müssen. Menschen, auf die man einfach eingedroschen hatte. Und ebenso berichteten die Mediziner, dass sie in den Krankenhäusern Betten für Menschen mit Schussverletzungen bereitstellen sollten. Das war die Einstimmung für den Montag. Dazu kam ein Artikel in der Leipziger Lokalzeitung, in dem es hieß, dass an diesem Tag mit der Konterrevolution Schluss gemacht werde - notfalls mit der Waffe in der Hand! Ich erinnere mich noch an den Bibeltext, über den ich die Morgenandacht für die Mitarbeiter der Nikolaikirche zu halten hatte. Es war ein Wort aus dem Galaterbrief: "Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." (Galater 6,2) Da wussten wir noch nicht, welche Last an diesem Tag auf uns liegen würde. Wir wussten nur, dass es eine besonders schwere Last sein würde.
Am Morgen schon kam eine Flut von Anrufen: viele Drohungen, die meisten aber waren Anrufe aus Angst oder dienten der Information. Es gab kurioserweise auch einen Anruf aus einer Leipziger Kaserne, durch den wir erfuhren, dass Erich Honecker angewiesen habe, die Nikolaikirche müsse "dichtgemacht" werden, das alles ohne schriftlichen Befehl. Am Mittag wurden die Schulen geschlossen, am Nachmittag dann die Geschäfte. Immer neue Warnungen trafen ein. Die für mich wichtigste Nachricht war, dass 1000 SED-Genossen im Rathaus und in der Universität zusammengezogen wurden. Die sollten die Nikolaikirche besetzen, wie das Erich Loest später wunderbar in seinem gleichnamigen Roman beschrieben hat. Um 14.30 Uhr kam der Küster zu mir herübergerannt und sagte: "Drüben ist schon alles voll." In der Kirche saßen die vielen Genossen von der Partei, die nicht wussten, dass ich wusste, wer sie sind. Fröhlichen Mutes war aber keiner von ihnen, denn ihnen war klar: Wenn an diesem Tag geschossen würde, dann könnte es Christen und Parteimitglieder gleichermaßen treffen.
Ich überbrückte die Zeit mit einer Art Kirchenführung, entschloss mich dann aber, den Genossen mitzuteilen, dass ich über ihre Herkunft und den Zweck ihres Besuches Bescheid wusste. Ich sagte: "Herzlich willkommen in der Nikolaikirche. Ich wundere mich nur, dass Sie jetzt schon da sind. Das arbeitende Proletariat kann ja erst nach dem Ende der Schicht um 16.00 Uhr zu uns kommen. Sie werden Verständnis dafür haben, dass ich die Emporen noch geschlossen halte. So ist noch Platz für andere Besucher des Friedensgebets." Einige mussten wider Willen lachen. Und dann war es sehr verblüffend: Keiner der SED-Genossen hat den Gottesdienst im mindesten gestört. Sie wurden sogar auf eine ganz sonderbare Weise in das Geschehen einbezogen. Am nächsten Tag riefen mich drei von ihnen an und sagten: "Herr Pfarrer, wir möchten uns für das Friedensgebet bedanken!" Was für ein Umschwung! Man hatte ihnen erzählt, der Pfarrer in der Nikolaikirche hetze die Leute zum Straßenkampf auf, er sage ihnen, sie sollten Knüppel und Steine mitbringen, um auf die Polizisten eindreschen zu können. Und nun hatten sie selbst ein Friedensgebet erlebt und gemerkt: "Das ist überhaupt nicht so. Die Partei hat uns betrogen." Mich erinnerte das an die Geschichte von Josef im Alten Testament, der zu seinen Brüdern sagt: "Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen." (1. Mose 50,20) Ich finde, die Genossen in die Kirche zu bringen, war eine sehr humorvolle Regieführung Gottes. Wir hätten sie durch nichts überzeugen können. Sie mussten das selber erleben.
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