Weitere Anfänge

Kleine Brötchen

10/2009


Heinz Weigele.

Heinz Weigele, 70:
Der Özgür, der ist ein
feiner Kerl!

...backen, das hat Heinz Weigele als Karrierebäcker nicht gelernt. Das lernte er erst im Ruhestand - als Bewährungshelfer

 

Neulich rief mal wieder das Gericht bei mir an: Ich sollte gleich am nächsten Morgen zu einer Verhandlung kommen. Özgür, einer meiner Klienten, hatte wieder Mist gebaut, Kleider in einer Ravensburger Boutique gekauft und mit einer ungedeckten EC-Karte bezahlt. Der Richter bot ihm acht Monate auf Bewährung an, Özgür drehte sich zu mir um und sagte: Aber nur, wenn Herr Weigele mein Bewährungshelfer wird, sonst geh ich lieber in den Knast. Ist doch ein Kompliment, oder? Von einem Knacki, das hätte ich mir früher auch nicht vorstellen können.
Ich selber hatte Glück im Leben, jedes Jahr ein Erfolg: Mit 18 Bäckergeselle, mit 22 Betriebsleiter, mit 26 habe ich die Bäko übernommen, die Genossenschaft der Bäcker. Aber es hat mich immer fuchsteufelswild gemacht, wenn man auf Schwachen rumtrampelt. In der Berufsschule saß einer neben mir, der konnte kaum seinen Namen schreiben. Der hat vom Lehrer links und rechts eine gescheuert gekriegt. Ich habe dann mit dem gepaukt, er hat seine Gesellenprüfung geschafft. Und später eine Bäckereikette gegründet! Man muss jedem eine Chance geben.
Mit 65 ging ich in den Ruhestand, ich überlegte: Für die ­Muckis machst du Krafttraining, aber wie hältst du dein Hirn in Schwung? Andere Bäcker beraten? Ich hatte gerade einen aus der Insolvenz gerettet. Da hätte ich gut Geld machen können. Aber ich habe im Leben genug verdient, und ich fand, ich müsste der Gesellschaft auch was zurückgeben. Dann las ich in der Zeitung, dass man ehrenamtlicher Bewährungshelfer werden kann. Fand ich spannend, der Reiz des Fremden.
Mein Umfeld musste sich erst dran gewöhnen. Mit einem ­Klienten, einem muskulösen jungen Mann, traf ich mich in einem Ravensburger Café, da saßen prompt der VW-Händler und mein Nachbar, ein Architekt. Die guckten vielleicht komisch. Am nächsten Tag bin ich zu denen hin: Nicht dass ihr glaubt, ich sei schwul. Ich bin jetzt Bewährungshelfer, und das war ein Klient.
Inzwischen haben es alle akzeptiert, auch meine Familie. Mein Sohn Stefan war regelrecht begeistert. Er hat nach dem Abitur Zivildienst im Behindertenheim gemacht und dachte immer, ich hielte ihn für einen Weichling deswegen. Ich selber war ja beim Bund, Fallschirmjäger. Als er hörte, dass ich jetzt auch was Soziales mache, war er total happy.
Özgür war mein erster Schützling, schizophren,  mehrere Einbrüche und Körperverletzungen. Ich kannte bislang überhaupt keine Türken, bei uns im Betrieb hatte sich nie ein Ausländer ­beworben. Aber ich war mal in Istanbul und total beeindruckt: Was die da gebaut haben! Muss ein fleißiges Volk sein, die Türken.
Özgürs Familie lud mich gleich zum Tee ein. Ich wusste, dass man die Schuhe ausziehen soll, und als ich ging, standen sie ­akurat nebeneinander an der Tür, in Richtung Ausgang. So eine ordentliche Familie! Özgürs Bruder hat einen Kebab-Imbiss, schmeckt tadellos. Die Eltern sagen: "Weigele, du weißt mehr über Özgür als wir." Bei denen bin ich der King.
Ich habe dann alle meine Kontakte genutzt, um Özgür eine Lehrstelle in einem Betrieb der Diakonie zu besorgen: Metallfacharbeiter, das hat genau zu ihm gepasst. Bei der Arbeitsagentur sagten sie: Wow, das hat noch kein Bewährungshelfer geschafft, so eine hochwertige Ausbildung. Mit ärztlicher Betreuung rund um die Uhr! Ich habe ihn am ersten Tag hingefahren, nach Isny ins Allgäu, und auf der Fahrt haben wir uns ausgemalt, dass er jetzt einen Beruf lernt und dann eine Familie gründet. Alles schien perfekt. Aber nach sechs Wochen hat er hingeschmissen. Er hatte Angst, dass seine Freundin fremdgeht, wenn er über Nacht im Wohnheim ist. Ein Jammer! Aber der Versuch war richtig, hätte ja auch gutgehen können. 
Ich hab das alles keinen Moment bereut. Gericht und Knast, da erlebst du Sachen, das ist sagenhaft! Inzwischen haben es auch die Freunde verstanden. Ein Bäcker aus Ulm sagte mir neulich: "Du sorgst also dafür, dass ich nachts über den Münsterplatz ­laufen kann, ohne dass mich einer umhaut." Der hat's kapiert.

Protokoll: Ursula Ott


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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/4819.php
[Stand: Dienstag, 31. August 2010 14:16 Uhr]

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