Buchtipps

2. Quartal 2009



Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess

Die Biologin Mia lebt in einem gesundheitsdiktatorischen System, in dem nur noch Vorsorge zählt: Wer etwa raucht oder zu wenig Sport treibt, wird bestraft. Mia lehnt sich auf, sie will unvernünftig sein ­dürfen, es ist ihr Leben. Aber so geht das nicht! Ein Roman, der erst Theaterstück war, ein wuchtiges Plädoyer für Würde und Freiheit des Individuums.

Schöffling & Co, 19,90 Euro

 

 

Günther Schwarz: Basiswissen: Umgang mit demenzkranken Menschen

Wer rasch einen Überblick über Demenz braucht, zum Beispiel weil er oder sie ehrenamtlich Demenzerkrankte betreut, ist mit diesem schmalen Buch aus der Reihe "Basiswissen" gut bedient. Geschrieben hat es Günther Schwarz, Psychologe und Begründer mehrerer Demenzprojekte in Baden-Württemberg. Schwarz gibt einerseits ganz klassisch und nüchtern Informationen zu Diagnostik, Krankheitsverlauf und medizinischen Möglichkeiten, andererseits stellt er aber auch kundig die verschiedenen Konzepte zu Betreuung und Therapie vor - von der Milieutherapie über das Realitätsorientierungstraining bis zur Validation. Hilfreich auch das Kapitel über "besondere Herausforderungen", etwa aggressivem Verhalten, sowie über Unterstützung für die Angehörigen.

cho

Psychiatrie Verlag, Bonn 2009, 140 Seiten, 14,95 Euro

 

 

Franka Potente, Karsten Schellenberg: Kick ass. Das alternative Workout

Die Schauspielerin Franka Potente arbeitet viel, mal in dieser, mal in jener Stadt, in diversen Fitnessclubs ist sie Mitglied - aber hingegangen ist sie trotzdem selten, schon gar nicht am Ende anstrengender Drehtage. Körpertraining, so begriff sie schließlich, muss in den Alltag passen, zeitlich überschaubar und an jedem Ort ohne jede Gerätschaft zu machen sein. Also engagierte sie einen Personal Trainer. Eine Sammlung ihrer Körperkräftigungs-, Ausdauer- und Dehnübungen haben die beiden nun in diesem Buch zusammengestellt. Und tatsächlich: Selbst ein Handtuch oder zwei Bücher geben prächtige Trainingsgerätschaften ab. Die Übungen sind sehr abwechslungsreich, stammen aus verschiedenen Bereichen, auch Yoga mischt mit rein. Wer fürs Hometraining noch ein paar neue Übungen sucht oder auch endlich überhauptmal damit anfangen möchte, bekommt sicher Lust durch dieses Buch. Allerdings ist es auch recht geschwätzig (Texte von Schellenberg in blauer Schrift, Texte von Potente in roter...) Und Übungszeichnungen hat man woanders auch schon mal präziser gesehen.

cho

Wilhelm Goldmann Verlag, München 2009,
160 Seiten, mit Fotos von Jim Rakete, 16,95 Euro

 

 

Martin Wehrle: Lexikon der Karriere-Irrtümer

Karriereberater Martin Wehrle will "den falschen Kompass zertrümmern, der schon so viele Karrieren auflaufen ließ". Eine vollmundige Ansage. Ob die LeserInnen hinterher tatsächlich Karriere machen, sei dahingestellt; aber dass man sich in einem "Lexikon" auf solch unterhaltsame nützliche Wissensschnippsel aneignen kann, ist auch schon was. Alphabetisch werden in je einem Satz allerlei Fehlurteile vorgestellt und anschließend auf ein bis zwei Seiten widerlegt. "Ab Mitte vierzig wird's eng auf dem Arbeitsmarkt" - zumindest bei Führungskräften ziehen fast 70 Prozent der deutschen Firmen gestandene Persönlichkeiten mit "gewissem Alter" vor. Bewerbungsunterlagen gehörten in Prospekthüllen - auf keinen Fall, die machen der Personalerin beim Kopieren schlechte Laune. Briefe sind out? Nö, sie haben Stil; allerdings sollte man den Empfänger nicht zur Antwort per Brief nötigen und also die eigene E-Mail-Adresse nicht vergessen. Ein Praktikum ist eine Karrierefalle? Auch das ein Irrtum - bei guter Arbeitsleistung sind PraktikantInnen die ersten KandidatInnen für eine Festanstellung. 300 000 Deutsche haben 2004 und 2005 ein Praktikum als Sprungbrett in die Festanstellung genutzt, so eine Studie des renommierten IAB. Und 45 Prozent der übernommenen PraktikantInnen waren zwischen 30 und 40 Jahre alt.

cho

Econ Verlag, Berlin 2009, 270 Seiten, 16,90 Euro

 

 

Dagmar Deckstein: Klasse! Die wundersame Welt der Manager

Wie Manager ticken, das wollten wir schon länger wissen. Passgenau zur Wirtschaftskrise kommt da das Buch der Wirtschaftskorrespondentin der Süddeutschen Zeitung auf den Markt. Dagmar Deckstein hat 14 Männer und eine Frau befragt, ihnen absolute Anonymität zugesichert, und so reden die Geschäftsführer, Ex-Manager, Headhunter, Coaches sehr offen darüber, was sie schon länger nervt: zum Beispiel die Analysten mit ihren quälenden Renditeerwartungen, die anderen, natürlich schlechten Manager, die harte Arbeit, die Machtspiele. Die Leserin schwankt alsbald zwischen Mitleid und Verachtung für diese Menschen, die angeblich so gar nichts ändern können an dem schlimmen Spiel, in dem sie stecken. Erhellend darum ganz am Ende des Buchs der Psychologieprofessor, der forscht und nebenher Führungskräfte berät. Er erklärt, wie es kommt, dass so viele Manager jegliche Bodenhaftung verloren haben, dass sie keine Ahnung haben, wie und durch wen eigentlich in ihrem Unternehmen Werte geschaffen werden, dass sie brutale und falsche Entschidungen treffen. Zum Teil liegt es an ihrer Ausbildung, in der nur von Zahlen die Rede war, nicht aber davon, wie man Mitarbeitende motiviert. Zum anderen Teil liegt es daran, dass sie umgeben sind von Leuten, die ihnen nicht die Wahrheit sagen. Auch deswegen nicht, weil zuvor anderen dafür vom Oberchef die Karriere geknickt worden ist. Der Rat des Professors: Sucht euch zwei Leute, die euch regelmäßig sagen, was ihr nicht seht; bestraft sie nicht, sondern hört sie euch an. Diesen Rat haben immerhin schon ein paar Klinik-Chefärzte erfolgreich umgesetzt.

cho

Murmann Verlag, Hamburg 2009, 216 Seiten, 19,90 Euro

 

 

Thich Nhat Hanh, Nguyen Anh-Huong: Geh-Meditation

Okay, wer schon beim Wort "Achtsamkeit" Pickel kriegt, für den ist dieses Buch nichts. Alle anderen werden diese Anleitung zur Geh-Meditation als überraschend unesoterisch und als bodenständig empfinden. Der vietnamesische Mönch und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh und seine Schülerin Nguyen Anh-Huong lehren beide seit langem in den USA die Geh-Meditation und die dadurch angestrebte Achtsamkeit. Wir gehen ja immerzu, und immer haben wir ein Ziel - aber das Gehen selbst einfach zu genießen, das kann man nur mit langsamem Gehen erleben. Was übrigens keineswegs ein Schleichen ist. Fast schon kann man es auch mal in der Fußgängerzone probieren. Und jetzt bitte: zwei Schritte beim Einatmen, drei Schritte während des Ausatmens und dazu innerlich sagen: Lotus-blume, Lotus-blume-blüht. Ach ja, auch freundlicher soll einen diese diese Art der Meditation machen.

cho

Arkana Verlag, München 2008,
90 Seiten und CD, DVD, 16 Euro

 

 

Traumstraßen Amerikas

Zum Mitnehmen ist das Buch zu schwer, aber es eignet sich sicherlich zur Vorauswahl möglicher Routen. Und am allerbesten zum Schmökern und Blättern zwischen 27 Routen über den amerikanischen Kontinent. Da verweilt man ein wenig in der nordamerikanischen Arktis, staunt dann über das Death Valley, schaut in prallvolle Obstkisten auf einem Markt in Venezuela, sitzt im blauen Dom von Brasilia, um gleich anschließend über eine Kolonie von Königspinguinen zu schmunzeln. Die Fotos sind wirklich uneingeschränkt gut, die Begleittexte dagegen überzeugen nicht, sie trotzen vor allem von Superlativen.

cho

Verlag Wolfgang Kunth, München 2009,
592 Seiten und über 2000 Farbfotos, 49,90 Euro

 

 

Viktor Iro: Gebrauchsanweisung für Budapest und Ungarn

Keiner der üblichen Reiseführer mit Ortstregister, Sehenswürdigkeiten in Stichworten, Besichtigungsrouten, dafür einer, der einem meinungsfreudig  und damit die Besichtigungsentscheidungen sehr erleichtern erzählt, wie es einem in welchem der Budapester Bäder wie ergeht, warum von einem Besuch im Budapester Museum "Haus des Terrors" abzuraten ist ("Aufarbeitung" im Disneystil, noch dazu nur der stalinistischen Epoche, nicht aber der nationasozialistischen Kollaboration), wo man sich nach einer Besichtigungsorgie erholen kann (es gibt nämlich noch ganz andere verschwiegene Ort als Margareteninsel und Stadtwäldchen), welche Weine sich zu trinken lohnt und warum der Balaton/Plattensee keinen Besuch wert ist (abgesehen von zwei kleinen Flecken), welche Mitbringsel Freude bereiten werden... Dazu in leichtfüßiger Schreibe viel Geschichte, mit all ihren Widersprüchlichkeiten. Und viel Ehrenrettung für all die erfinderischen Köpfe, die das Land hervorgebracht hat, etwa die großen FotografInnen - die leider im größten Fotografiemusuem des Landes nur lausig gewürdigt werden. Einziger und noch dazu kleiner Minuspunkt: Budapest steht absolut im Zentrum des Buchs.

cho

Piper Verlag, München 2009,
221 Seiten, 14,95 Euro

 

 

Hrsg. Gisela Kayser, Cordula Lebeck: Robert Lebeck - Fotoreporter

Die einen zeigen Gesichter in Nahaufnahme, die anderen fotografieren so viel bedeutame Umgebung dazu, dass die Menschen  unbedeutsam werden - der Fotoreporter Robert Lebeck dagegen, bekanntgeworden vor allem als "Stern"-Fotograf,  fotografiert auf erhellende Weise Menschen in ihrer Umgebung. 80 Jahre alt ist er dieses Jahr geworden. Der Berliner Martin-Gropius-Bau hat ihm gerade eine Ausstellung gewidmet, dieses Buch ist sozusagen der Katalog dazu. Ein kurzes Vorwort von Hans-Michael Koetzle, schon ist man mitten drin in der Welt - in Spanien unter Franco, im Zugrestaurant beim flirtenden Willy Brandt, beim Frühsport in einem Arbeitererholungsheim in Sotschi 1962, beim Tischtennis spielenden Max Frisch, in der Limousine eines nigerianischen Stammeshäuptlings 1960, auf kartoffelsackbepackten Pferdefuhrwerken vor Plattenbauten in einem Moskauer Vorort im Jahr 1970, bei armen Kindern in Palermo, die sich 1963 mit einem zerrissenen Karton vergnügen. ...

cho

Steidl Verlag, 2008 Göttingen,
240 Seiten, 12 Euro

 

 

Marlene Zinken (Hrsg.): Der unverstellte Blick.

Unsere Mütter (aus)gezeichnet durch die Zeit 1938 bis 1958. Töchter erinnern sich

Wie haben die Mütter eigentlich die Zeit zwischen 1938 und 1958 durchgestanden? Was haben sie getan, was unterlassen, waren sie solidarisch mit Verfolgten oder nicht, waren sie selbst Verfolgte, mit welchen Notlösungen brachten sie die Familie durch - das wollen die Töchter wissen und verstehen. Aber sie bekommen und bekamen keineswegs auf alle Fragen eine Antwort. Annäherungen also sind diese 27 Biographien über die Mütter. Erhellend für die Leserin die Vielfalt an Leben - an Umständen, Entscheidungen, Haltungen. Und unterhaltend im besten Sinn auch die Vielfalt an Erzählweisen. Anekdotisches neben tief Ergreifendem, Komik neben Tragik, oft im selben Text. Da werden Mullbinden verhäkelt - doch schon am Pfingstmittag hängen die blütenweißen Sommerpullover auf den Knien. Und im selben Leben rettet eine depressive Mutter zusammen mit ihrem Mann und den ältesten Söhnen immer wieder jüdische Mitbürger - ihre entsetzlichen Ängste verdrängt sie, die lebt dann die Tochter aus. Wie auch immer die Mütter zu ihren Töchtern waren - manche über Jahrzehnte hinweg kühl! - die Töchter, nun selbst alt oder älter, mühen sich, das Leben ihrer Mütter zu würdigen. Denn Handelnde waren sie alle.

cho

Verlag Barbara Budrich, Opladen 2008,
229 Seiten, viele Fotos, 19,90 Euro, 2. durchgesehene Auflage

 

 

Anne-Katrin Weber: Vegetarisch durchs ganze Jahr

Dies ist kein Grundkochbuch, sondern eins für fortgeschrittene vegetarische KöchInnen, die mal wieder dringend Ideen suchen. Gerade mal eine Seite zum Thema "fleischlos glücklich", dann werden gleich die Tops unter den Gemüsen und Getreiden sowie Hülsenfrüchten vorgestellt, darunter auch Marktnewcomer wie Mairübchen, Pastinaken und Graupen. Mit 90 Rezepten ist das Buch knapp gehalten. Aber man findet jede Menge Anregungen - etwa einen schnellen Salat aus marinierten jungen Bundmöhren (mit Grünansatz) und Sesamöl und Minze. Oder Polentaknödel auf Sahnespitzkohl, den Klassiker überbackene Spinatspätzle mit Ziebelschmelze... Menüs muss man sich selbst zusammenstellen, manche Gerichte brauchen Beilagen, die sind vorn auf einer Doppelseite vorgestellt: Hirsotto, gelber Gewürzreis, kleine Pfannkuchen, Polentaschnitten. Nützlich die ungewöhnliche Rezepteinteilung etwa in Einheizsuppen für den Winter oder Anti-Hitze-Süppchen für den Sommer (im Glas serviert), in Vorspeisensalate oder Sattmachersalate, in Süßes zum Sattmachen (Ofenschlupfer beispielsweise) oder "Süßes Finale". Dazu Tipps für jahreszeitliche Austauschzutaten. Das Ganze ist schön und realistisch fotografiert auf Retro-Tischdecken.

cho

Gräfe und Unzer Verlag,München 2009,
128 Seiten, 9,90 Euro


 

 

Oda Lambrecht, Christian Baars: Mission Gottesreich. Fundamentalistische Christen in Deutschland

Christliche Fundamentalisten in Deutschland? Ja, die gibt's, sagen die beiden ARD-JournalistInnen, und sie gewinnen an Einfluss, gerade in Krisenzeiten, wo sich mehr Menschen Eindeutigkeit wünschen. Fundamentalismus beginnt für die AutorInnen nicht erst dort, wo Machtsmissbrauch und Kontrolle den Gemeidealltag bestimmen. Vielmehr definieren sie Fundamentalismus über das Bibelverständnis: über die uneingeschränkte Anerkennung der Unfehlbarkeit der Bibel. Denn das ziehe Intoleranz gegenüber  anderen Lebensweisen und anderen Religionen nach sich. Viele Evangelikale sowie pfingstlich-charismatische ChristInnen gehören also dazu. Eine beeindruckende Menge an Beispielen haben Lambrecht und Baars für ihre These und ihre Sorge gesammelt, viele Belege sind auch nachzulesen im Internet. Lambrecht und Baars beobachten auch eine Annäherung der evangelischen Landeskirchen und des EKD-Ratsvorsitzenden an die diversen Freikirchen. So verteidigten prominente Kirchenvertreter 2008 das Jugendfestival Christival, auf dem auch Seminare stattfinden sollten wie "Sex ist Gottes Idee - Abtreibung auch?" oder "Homosexuelle verstehen - Chancen zur Veränderung". Nur letzteres wurde, nach Protesten etwa des Bundestagsabgeordneten Volker Beck, gestrichen. Der Mitgliederrückgang, so die AutorInnen, dürfe kein Grund sein, sich fundamentalistischen Positionen anzunähern und bei gemeinsamen Veranstaltungen den Evangelikalen die Programmhohheit zu überlassen. Intoleranz und Diskriminierung dürften nicht geduldet werden. Die Religionsfreiheit ende dort, wo andere in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.

cho

Christoph Links Verlag, Berlin 2009,
246 Seiten, 16,90 Euro


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Quelle: chrismon.de
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[Stand: Dienstag, 31. August 2010 14:16 Uhr]

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