Weitere Vorbilder

Philipp Melanchthon

06/2009


Melanchthon Haus von Innen.

Illustration von Melanchthon.

 

. . . und die Stadt seiner Kindheit

Die Stadt Bretten vor dem 450. Todestag ihres berühmtesten Sohnes - ein Besuch im örtlichen Melanchthonhaus

Herr Frank rüttelt am Knauf. Die Tür mit den Butzenglasscheiben im Obergeschoss bewegt sich nicht. Er zieht einen Sicherheitsschlüssel aus der Tasche. - Und die Alarmanlage? "Die ist ausgeschaltet", sagt Frank. Durch den offenen Türflügel strömt milde Luft herein. Frank streckt seinen Kopf über die Steinbalustrade und schaut hinunter auf den Marktplatz. Mit dieser Aussicht ist er aufgewachsen: Philipp Melanchthon, Sohn des Rüstmeisters und Waffenschmieds Georg Schwarz­erdt im kurpfälzischen Städtchen Bretten. Nur, dass dort, wo die Restaurants ihre Stühle und Tische aufs Kopfsteinpflaster stellen, früher Händler ihre Waren anpriesen.
Seit elf Jahren ist Günter Frank Aus­stellungs- und Akademieleiter im Melanchthonhaus gleich neben dem alten Rathaus. Der wilhelminische Bau mit der wuchtigen neu­gotischen Giebelwand steht genau da, wo der Humanist und Refor­mator Melanchthon (1497-1560), Martin Luthers wichtigster Mitstreiter, aufwuchs. "Als Kind sah er jeden Tag die orientalischen Gewürze und Tücher, die es damals dort zu kaufen gab", sagt Frank und zeigt nach unten. "Das hat in ihm die Sehnsucht nach der weiten Welt geweckt - und die Lust auf fremde Sprachen."
Mit zwölf Jahren dichtete Melanchthon lateinische Verse. Mit 21 schrieb er eine Grammatik des Altgriechischen - es wurde ein Standardwerk. Gleich danach begeisterte er die akademische Welt für eine umfassende Universitätsreform. In den verbleibenden 42 Jahren seines Lebens half er bei zahlreichen Schul- und Universitätsgründungen, schrieb Gutachten, reiste und sandte Briefe in 121 europäische Städte.
Am 19. April 2010 ist Melanchthons 450. Todestag. Die Evangelische Kirche in Deutschland nutzt den Anlass, um den "Lehrer Deutschlands" zu feiern, der Schulen für alle schuf, der die Evangelischen hinter einem gemeinsamen Bekenntnis versammelte und der auf Reichstagen und in Religionsgesprächen Frieden zwischen den streitenden Konfessionen aushandelte. Nun wird auch Bretten, seine Geburtsstadt, zurechtgemacht. Die Melanchthonstraße vom Zentrum zum Bahnhof wird saniert. Der örtliche Melanchthonverein lässt ­neben dem Melanchthonhaus ein zu­sätzliches ­Gebäude errichten - für eine Melanchthonakademie.
Fachwerkhäuser säumen den Platz um den alten Marktbrunnen. Stolz haben ­einige Hausbesitzer deren hohes Alter mit goldenen Zahlen im Gebälk dokumentiert. Im Vorläufer des Hotels Krone soll Kaiser Karl V. 1550 übernachtet haben. "1699" steht auf dem Haus mit dem Käseladen, das älteste am Markt stehende Original. Zehn Jahre zuvor hatte ein französischer General die Stadt abfackeln lassen. Auch Me­lanchthons Geburtshaus brannte nieder.
Günter Frank schließt die Tür mit dem Butzenglas wieder zu und zeigt auf die Holzkassetten, mit denen die Zimmerdecke getäfelt ist. "121 Städtewappen", sagt er, "eines für jede Stadt, mit der Melanchthon in Kontakt stand." An den Wänden meterweise Regal­schränke. Metallgitter halten Besucher davon ab, sich an einer der alten Ausgaben zu bedienen, darunter etliche Erstausgaben aus Melanchthons Feder.
Weltoffen war dieser Mensch, ein Mann des Ausgleichs, der den Frieden zwischen den Religionen suchte. Dass heute ein ­katholischer Theologe sein Erbe in Bretten verwaltet, hätte Melanchthon bestimmt gefreut. Günter Frank, geboren 1956, war zunächst Kaplan in Erfurt. Später ließ er sich von Priesterweihe und Zölibat ent­binden - wegen seiner Liebe zu einer Frau. Dann forschte er darüber, wie sich Vernunft und Religion einander zuordnen lassen. Und so stieß er auf Philipp Melanchthons Werk.
Vom "Fürstenzimmer" auf der Südseite des Stockwerks aus blickt man auf die Stiftskirche, Melanchthons Taufkirche. In ihrem Innern sind nur einzelne gotische Bögen erhalten, der Rest liegt unter weißem Putz. Einige Jahrhunderte diente sie gleichzeitig Protestanten und Katholiken als Gotteshaus. In der Mitte des Fürstenzimmers liegen Briefe in Vitrinen aus und Bücher mit handschriftlichen ­Notizen. Zum Beispiel ein Geschenk des Humanisten Johannes Reuchlin, eine griechische Grammatik mit Widmung: "dem Philipp Melanchthon aus Bretten, im Jahr 1509 an den Iden des März". Reuchlin hatte den Nachnamen Schwarzerdt ins Griechische übersetzt: Schwarz heißt "melanos" und Erde "chthonos". Seither nannte sich der damals 12-Jährige "Melanchthon". Da war er bereits Halbwaise und hatte ­seine Heimatstadt verlassen.
1504, während des Landshuter Erb­folgekriegs, hatte Philipps Vater Georg Schwarz­erdt aus einem Brunnen mit giftigem Wasser getrunken. Drei Jahre vegetierte er schwerkrank dahin, dann starb er. Philipp besuchte fortan die Lateinschule in Pforzheim, später die Universitäten in Heidelberg und Tübingen, bis er zu Luther nach Wittenberg kam. Der Stadt seiner Kindheit blieb der Humanist und Reformator stets verbunden. Im Erdgeschoss des Melanchthonhauses, in der "Gedächtnishalle", weist Günter Frank auf ein ­his­toristisches Wandgemälde. Es zeigt ­Melanchthon, der von seinem Pferd ab­gesprungen ist und beim Anblick von ­Bretten kniet und betet.
Schräg daneben ist ein Melanchthon­zitat in eine Schautafel graviert. "Es kann zum Fehler werden, wenn man den Ort seiner Geburt mehr als andere Örter liebt", liest Frank vor und kommentiert: "Da kämpft er mit seiner Vernunft gegen das Gefühl an." Frank fährt fort: "Aber süß ist es mir immer, wenn ich jemanden aus ­jener Gegend sehe und höre, so bin ich so innig vergnügt, als ob ich in meine Kindheit zurückkehrte."
Draußen schlägt die Stiftskirche 12 Uhr 30. Vorm Melanchthongymnasium drängen sich die Schüler an der Bus­halte­stelle. Hinter ihnen ragt aus einem Tulpenbeet eine Statue in den Himmel: ein Mann im Gelehrtenrock, in der Rechten ein aufgerolltes Blatt, an das irgendein Scherzbold eine Strickmütze geknotet hat. Gütig schaut der Alte über die Schülermenge, über das gegenüberliegende Peking­restaurant und den Schulneubau hinweg. Ebenso über den breitschultrigen blonden Jungen, der eng umschlungen mit seiner zierlichen afrodeutschen Freundin in Richtung Marktplatz läuft. Und am türkischen Herrn mit der hölzernen Gebetskette vorbei. Über sein hageres Gesicht zieht sich ein freundliches Lächeln.

Burkhard Weitz

Besucherinfos

Besucherinfos

Melanchthonhaus Bretten
Melanchthonstraße 1, 75015 Bretten, 07252/94#41-0, info@melanchthon.com; www.melanchthon.com. Besichtigungen von Mitte Februar bis Ende November außer montags: 14-17, wochenends auch 11-13 Uhr. Führungen ab 5 Personen nach Anmeldung ganzjährig möglich: 07252/95#76#20


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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/4354.php
[Stand: Dienstag, 31. August 2010 14:09 Uhr]

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