Weitere Anfänge

Auf einmal macht sie Politik.

02/2009


Annette Schmidt.

Annette Schmidt, 44,
und der wöchentliche
Aktenberg

Dabei hatte sie nur kandidiert, damit die Liste voll wird. Aber es macht ihr Spaß - im Großen und Ganzen


Meine erste Gemeinderatssitzung hat mich echt schockiert: ein unglaublicher Lärmpegel! Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Wenn man sieben Stunden sitzt, muss man sich auch mal mit der Nachbarin unterhalten. Aber es könnte viel schneller gehen. Würden die Kollegen vorher die Vorlagen der Verwaltung lesen, müssten sie viele Fragen gar nicht stellen. Es sind eben viele im Gemeinderat, die keine Eile haben, weil die Sitzung für sie ein Ereignis ist; für Leute wie mich, die arbeiten und Kinder haben, ist sie nur ein Punkt von vielen am Tag.
Ich hatte gar nicht vorgehabt, Stadträtin in Tübingen zu werden. Ich bin zwar schon lange Mitglied bei den Grünen, war aber nie politisch aktiv. Vor der letzten Gemeinderatswahl habe ich mich breitschlagen lassen, auf einem aussichtslosen Platz zu kandi­dieren, damit die Liste voll wird.
Dann bekam ich zu meinem Erstaunen ziemlich viele Stimmen. Es kennen mich wohl viele Leute - ich habe hier studiert, lange in einer Buchhandlung gearbeitet, bin im Kindergarten aktiv. Ich wurde auf Platz 14 hochgewählt, das ist der erste Nachrückerplatz. Mir selbst war immer klar: Ich würde ablehnen. Ich bin beruflich ziemlich eingespannt, dazu meine Kinder, fünf und acht Jahre alt. Aber als dann mitten in der Legislaturperiode
jemand ausschied, interessierte es mich irgendwie doch.
Jetzt kämpfe ich mich so durch. Montags ist Gemeinderats­sitzung von 16 bis 23 Uhr, donnerstagabends Fraktionssitzung, dann noch der Planungsausschuss. Darüber hinaus unendlich viele Termine: Die Uni will groß bauen und zeigt dem Gemeinderat die Pläne; die Musikschule will uns ihr Dach vorführen, durch das es reinregnet... Da muss ich strikt Prioritäten setzen und ansonsten auf die Expertise von Fraktionskollegen vertrauen.
Wir müssen ja jede Woche auch noch einen Berg von Unter­lagen lesen. Die Bandbreite der Themen erschlägt einen fast: Wie hoch sollen die Abwassergebühren sein, wo kriegen wir Geld her, um günstige Mietwohnungen zu bauen, wie gestalten wir den Nachmittagsunterricht an Schulen, an wen im kulturellen Bereich geben wir Zuschüsse und an wen nicht?
Man kann sich da einarbeiten, es geht. Aber unerwartet schwer fällt es mir, mich in großer Runde zu Wort zu melden. Oft sage ich gar nichts in der Sitzung. Ich bin nicht die Einzige, es können ja nicht alle 48 Mitglieder was sagen, trotzdem frustriert es mich, es passt nicht zu meinem Selbstbild. Denn beruflich halte ich Vorträge in allen möglichen Sprachen - ich begutachte Entwicklungshilfeprojekte für die GTZ. Aber da kenne ich mich aus. Ich mag einfach nur was sagen, wenn ich mir sicher bin. Natürlich gibt es im Gemeinderat Leute, die sagen immer was, auch wenn sie nichts Substanzielles beizutragen haben. Aber so will man ja auch nicht werden. Meine Fraktionskolleginnen sind jedenfalls noch guter Dinge: "Das wird schon."
Es ist ein anstrengendes Ehrenamt, zehn Stunden in der Woche, manchmal auch 20. Dafür bekomme ich monatlich 400 Euro Aufwandsentschädigung. Mit Putzen würde man mehr verdienen, man macht das wahrlich nicht wegen des Geldes. Ich hätte nie gedacht, dass mich das alles so interessiert. Ich erfahre so viel über die Stadt! Und ich kann mitgestalten. Man bringt viele Dinge durch. In einem Gemeinderat kann man ja viel leichter Kompromisse schließen als auf Landes- oder Bundesebene, es geht bodenständiger zu, weniger parteiorientiert.
Im Mai ist wieder Gemeinderatswahl. Ich weiß noch nicht, ob ich mich wieder aufstellen lasse. Vom Zeitaufwand ist das eigentlich eine Nummer zu groß für mich, und manche Sitzungen sind wirklich furchtbar, oder man ärgert sich schrecklich über andere Parteien. Meine kleine Tochter jedenfalls hofft, dass das Rathaus endlich mal abbrennt: "Dann musst du da nicht mehr hin." Dabei macht es mir ja im Großen und Ganzen Spaß. Doch, ich glaube, ich werde noch mal kandidieren. Meinen Sohn würde das freuen. Der führt gern Freunde durchs Rathaus, damit kommt er groß raus.

Protokoll: Christine Holch


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Quelle: chrismon.de
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[Stand: Dienstag, 31. August 2010 14:16 Uhr]

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