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Folge 101: Warum die Kultur der romantischen Natur einfach nicht Jürgens Sache sein kann
© Markus Altmann
Arnd Brummer ist Chef-
redakteur von chrismon
In der kalten Wintersonne durch die Lande streifen. Dick eingemummt, mit roten Wangen, im fahlen Licht der tiefstehenden Sonne. Von einem kleinen Hügel blicken wir über reifbedeckte Wälder und Wiesen. Aus den Kaminen zweier Höfe steigen kleine Rauchwölkchen in den blanken, blauen Himmel. "Herrlich, diese Natur", seufzt unsere Freundin Elli, sichtlich überwältigt vom Postkartenidyll zu ihren Füßen.
"Was meinst du?", fragt nicht eben feindselig - aber doch ein wenig provokant - Jürgen, der seit ein paar Wochen Ellis Lebenspartner ist. Und in den Augen seiner Liebsten ist sogleich zu sehen, dass sie genauestens weiß, was nun kommt. "Natürlich an dieser Landschaft", setzt Jürgen hinzu, "ist lediglich die Auswirkung der Witterungsbedingungen auf den Anblick und ihre jahreszeitlich bedingte Gestalt, also das Fehlen von Laub an den Bäumen, alles andere ist das Ergebnis menschlicher Eingriffe. Wir haben es also mit einer Kulturlandschaft zu tun und nicht mit der Natur, der herrlichen." Das nachgestellte Adjektiv hat Jürgen tief in Ironie gebadet, das heißt, er hat es mit mindestens fünf gerollten "r" aus dem Gaumen gedrückt.
Ich wähne einen unerquicklichen Beziehungszoff am nachmittäglichen Winterhimmel heraufziehen und versuche, ihn im Keim zu ersticken: "Es ist doch einfach ein schöner Anblick! Berg und Tal, Bäume und Büsche..." - weiter komme ich nicht. "Was ist schön?", unterbricht Jürgen, "Schön ist, dass unsere Wahrnehmung mit unseren Erwartungen, unseren Prägungen von dem übereinstimmt, was wir für ,harmonisch' oder ,friedvoll' halten." Ellis rechter Mundwinkel zuckt genervt. "Du machst alles kaputt", zischt sie, "kannst du nicht einfach mal nur genießen?"
"Doch, kann ich schon, mein Liebes. Ich wollte dich nur darauf hinweisen, dass vieles, was wir für ,Natur' halten, vom Menschen bearbeitet ist. Der Wald da drüben würde ganz anders aussehen, wäre er naturbelassen, und die Wiesen würde es gar nicht geben. Das sind vor langer Zeit gerodete Flächen." Was mach' ich nur? "So ist er! So macht er es immer", klagt Elli. "Wenn der Mond scheint, teilt er mir mit, es handele sich lediglich um polarisiertes Sonnenlicht. Ich weiß nicht, warum er das braucht."
Ich kenne Jürgen schon sehr, sehr lange, viel länger als Elli. Und vor allem kannte ich seine verstorbene Mutter. Martha hieß sie und war eine außergewöhnliche Frau. Sie war Klavierlehrerin, zog Jürgen und seine Schwester Hildegard alleine groß. Vom Vater redeten die drei nie. Manche mutmaßten, er sei tot. Andere wollten gehört haben, er habe sich aus dem Staub gemacht, als die Kinder noch ganz klein waren.
Wer Marthas Häuschen betrat, geriet in eine mythenschwangere, geheimnisvolle Welt. Deren Zentrum bildete das sogenannte Musikzimmer. Schwere Brokatvorhänge tauchten den nicht sonderlich großen Raum selbst am helllichten Tage in ein dämmriges Halbdunkel. Über dem Klavier, an dem Martha ihre "Eleven" unterrichtete, thronten Büsten von Schubert, Schumann und Brahms, flankiert von großen Zinnleuchtern, auf denen fast immer Kerzen brannten. Das Mobiliar aus dunklem Holz war bedeckt von Kelchen, Pokalen und Schalen aller Art. Auch das Wohnzimmer war in diesem Stil gehalten. Die Wände zierten romantische Winterlandschaften in Öl.
Jürgens Freunde mieden das Haus, trafen sich lieber anderswo mit ihm. Ihre Eltern nannten Marthas Haus nur den "Tempel", was durchaus abschätzig gemeint war. Über einen Mangel an Schülern konnte sich Martha dennoch nie beklagen. Ihre musikpädagogischen Fähigkeiten standen außer Zweifel. Außerdem war Jürgens Mutter der warmherzigste und liebenswürdigste Mensch, den man sich denken kann.
Wenn Jürgen von "Mutter Martha" spricht, ist die Liebe in jedem Satz zu spüren. Dass er die Nüchternheit zu seiner eigenen Natur kultivierte, halte ich in seinem Fall für existenziell notwendig. Er sollte Elli nur rasch darüber aufklären, warum er jede romantische Winterlandschaft für eine zu viel hält.
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