Weitere Vorbilder
Friedrich Christoph Dahlmann
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Friedrich Christoph
Dahlmann (1785-1860):
Erhaltet die neue
Verfassung!
Der Göttinger Hochschullehrer kämpfte gegen den Verfassungsbruch des hannoverschen Königs
So etwas hatte die beschauliche Universitätsstadt noch nicht erlebt: An einem Novemberabend des Jahres 1837 sitzen in einer Göttinger Studentenbude ein Dutzend Studenten hochkonzentriert beisammen und lassen sich ein Protestschreiben gegen ihren König diktieren. Kaum ist die Tinte trocken, bringen sie die Blätter in zwölf andere Studentenzimmer überall in der Stadt, wo nun jeweils ein Dutzend Kommilitonen ihrerseits zur Feder greifen. Es dauert nur einen Tag, und schon liegen nach diesem Verfahren Tausende Abschriften vor, um verteilt und in alle Welt geschickt zu werden.
Es ist ein von sieben Professoren verfasster Brief an König Ernst August II., der in einem eigenmächtigen Akt die hannoversche Verfassung außer Kraft gesetzt und die Beamten und Professoren vom Eid auf diese Verfassung entbunden hatte. Staatsstreich? Verfassungsbruch? Diese Verfassung war 1833, also erst vier Jahre zuvor, unter König Wilhelm VI. installiert worden. Sein Nachfolger Ernst August, ein Mann, der schon zu seinen Lebzeiten politisch von gestern war und den überlebten Absolutismus und selbstherrliche Kleinstaaterei verkörperte, fegte die Verfassung einfach hinweg und entließ die Ständeversammlung.
Sieben, nur sieben Professoren der Universität Göttingen erhoben dagegen Protest. Ihre Wut und Enttäuschung teilten sechs Professoren der Philosophischen Fakultät (heute am bekanntesten: die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm) und ein Juraprofessor. Doch die Schlüsselfigur: Friedrich Christoph Dahlmann, Professor der deutschen Geschichte und Staatswissenschaften. Er wusste besonders genau, worum es ging, denn er war einer der Autoren der hannoverschen Verfassung (und sollte später auch die Paulskirchenverfassung entwerfen).
Sein Weg als Wissenschaftler war beeindruckend gewesen: mit 25 Jahren Doktor in Wittenberg, mit 26 habilitiert in Kopenhagen, mit 27 Geschichtsdozent in Kiel, mit 28 dort Professor. Seit einer Festrede zum Sieg von Waterloo, in der er die politische Wiedergeburt Deutschlands gefordert hatte, war sein Name in aller Munde. Nachdem er durch seine offenen Reden in Kopenhagen in Opposition zur dänischen Regierung geraten war, verschlug es ihn 1829 nach Göttingen. Dort wurde der spätere Kopf der "Göttinger Sieben" Zeuge der Volksaufstände, die der Verfassung vorausgingen.
Und nun, nach dem Verfassungsbruch durch den König, der Rückschlag, politisch, persönlich. Alle mussten sie für ihren Protest bezahlen. Auf Betreiben der Regierung stellte die Universität Untersuchungen an, nicht zuletzt in der Frage, wie es zu dieser massenhaften Verbreitung kam. Der Protest für sich genommen war schon eine Zumutung für den Regenten, aber schwerer wog für ihn die breite Diskussion darum. "Die Öffentlichkeit des Konflikts schien gefährlicher zu sein als der Konflikt selbst", schrieb der Göttinger Historiker Rudolf von Thadden.
Die Strafe: Alle sieben hatten binnen drei Tagen die Universität zu verlassen, die drei besonders aktiven Professoren, darunter Friedrich Christoph Dahlmann, sogar das Königreich Hannover.
Wie vorbildhaft Dahlmanns und seiner sechs Mitprofessoren Verhalten war, lässt sich erst ermessen, wenn man weiß: Die Universität ließ damals den Verfassungsbruch wie auch die Entlassung der sieben widerspruchslos über sich ergehen. Manche Professoren entblödeten sich nicht einmal, an den König unverlangte Ergebenheitsadressen zu richten. Die Brüder Grimm sprachen später enttäuscht von der mangelnden Solidarität der Kollegen. Wilhelm Grimm hatte bereits 1830, im Jahr der Pariser Julirevolution, geklagt, die Göttinger Professoren seien "äußerlich ceremoniös, zurückhaltend. Ihr Umgang ist unerquicklich, ihre Soupers sind luxuriös und langweilig."
Friedrich Christoph Dahlmann und die Göttinger Sieben waren untypisch für die Professorenschaft ihrer Zeit. Sie agierten politisch, ohne sich zum Beispiel zum politischen Liberalismus zu bekennen. Sie sahen ihre Kritik als "Protestation des Gewissens", nicht als politische Erklärung. Es war auch für den stärker politisch denkenden Kopf Dahlmann mehr eine Frage der Ethik als der politischen Macht.
Eduard Kopp
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