Weitere Vorbilder

Theodor Fliedner

10/2008


Theodor Fliedner.

Der rheinische Pfarrer erschloss den Frauen weite Berufsfelder in der evangelischen Kirche


Für solche mutigen, schnellen Entscheidungen war er bekannt: Kaum hatte Theodor Fliedner in Zeitungen 1848 von einer Epidemie des "Hungertyphus" in Schlesien gelesen, schon machte er sich mit fünf Diakonissen, in der Krankenpflege erfahren, auf den Weg in das Notstandsgebiet. 80#000 Menschen waren an dieser durch Armut, schlechte Hygiene und Ernährung bedingten Infektionskrankheit erkrankt, 16#000 sollten an ihr sterben.
Fliedner selbst war gerade von einer
Lungenentzündung genesen, als er nach Pless (heute Pszczyna) reiste. Und er wäre nicht er selbst gewesen, wenn er von dort nicht vier verwaiste Mädchen mitgebracht hätte, die er wiederum in Düsseldorf-Kaiserswerth in der Krankenpflege auszubilden gedachte.
Theodor Fliedner: Das war der rheinische Pfarrer, von dem alle sprachen. Der bereits als 23-Jähriger auf eine ganzjährige Kollektenreise durch die Niederlande und England gegangen und nicht nur mit erheblichen Geldmitteln zurückgekehrt war, sondern auch mit Anregungen zur Gefangenenseelsorge, zur Krankenpflege und zur Ausbildung von Lehrerinnen. Der seine Kirchengemeinde wirtschaftlich gerettet hatte, die aufgrund eines Bankrotts der einzigen Firma am Ort überschuldet gewesen war.
Auf der Reise war Fliedner atemberaubenden technischen Neuerungen begegnet, aber auch den Schattenseiten des Frühkapitalismus. Straßenlampen erleuchteten öffentliche Plätze, Dampfmaschinen arbeiteten auf den Feldern der Bauern und in den Fabriken. Aber: Arbeitskräfte wurden in großer Zahl auf die Straße gesetzt. Auf ihre Armut machte sich Fliedner allerdings einen eigenen Reim: Sie galt ihm als Folge vor allem von Unmoral und Kirchenferne, weniger der rasanten Industrialisierung. Was ihm unterwegs ebenfalls auffiel: In vielen methodistischen Gemeinden Englands und in den Niederlanden wurde die eigenständige Sozialarbeit der Frauen hoch geschätzt.
Fliedner ging mit planerischem Geschick ans Werk: 1826 gründete er die überkonfessionelle "Rheinisch-Westfälische Gefängnisgesellschaft". Zehn Jahre später folgte eine Lehranstalt für evangelische Pflegerinnen. Allerdings hatte er auf einen Zustrom von unverheirateten Frauen aus dem gebildeten Bürgertum gehofft, doch es kamen vor allem schlecht gebildete Frauen aus der Mittel- und Unterschicht, darunter etliche Mägde. Dass ihm eine Erwerbsarbeit der Frauen nicht mehr als "entehrend" galt, war für diese Zeit bemerkenswert. Allerdings stand für ihn nicht die Emanzipation der Frauen oder die Professionalisierung der Pflegeberufe im Vordergrund, sondern er wollte das Diakonenamt - seit ältester christlicher Zeit bezeugt, jedoch in Vergessenheit geraten - wieder zum Leben erwecken. Diakonen hatten sich schon im Urchristentum um Hilfsbedürftige aller Art gekümmert. In Kaiserswerth lebten und arbeiteten nun  evangelische Diakonissen zusammen, ähnlich wie es auch die Frauen des katholischen Pflegeordens der Barmherzigen Schwestern andernorts taten.
 Diakonissen gab es bald nicht allein in Kaiserswerth. Ein unerhörter Gründungsboom von Diakonissenhäusern hob an. Fliedners Konzept von integrierter Frauenbildung, Sozialarbeit und Krankenpflege wurde weltweit zum Vorbild. Der Ruhm von Kaiserswerth war so weit vernehmbar,  dass sich selbst die englische Florence Nightingale am Rhein ausbilden ließ.
In Fliedners Krankenhaus ging es, wie ein staatlicher Inspektor vermerkte, ungewöhnlich sauber und heiter zu, aber keineswegs frömmelnd, was man hätte erwarten können. Immerhin stand für Fliedner die Forderung nach Demut und Selbstverleugnung ganz oben. Es galt, irdischen Eitelkeiten zu entsagen, durch Buße und Fleiß Gottes Wohlwollen zu erhalten. Er stellte ein gottgefälliges, pflichtbewusstes Leben über alle die persönlichen Bedürfnisse.
Auch seine Ehefrauen und Mitarbeiterinnen Friederike ("Mein Riekchen") und Karoline ("Mein liebes theures Kind") mussten erst lernen, dass eheliche Liebe bei ihm nichts mit Leidenschaft zu tun hat. Auch dies ist eine Seite, eine heute wenig vorbildliche, dieses besonderen Charismatikers.

Eduard Kopp

 

 

Lesetipps

Über Leben und Werk von Theodor Fliedner, dem Begründer der Diakonie in Düsseldorf-Kaiserswerth, informiert die Homepage des Diakoniewerkes: http://www.kaiserswerther-diakonie.de. Unter dem Stichwort "Geschichte" finden sich etliche Informationen über die Anfänge dieses weltweiten Diakonienetzes und ihrer Begründer.


Auch im den Online-Lexikon Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Fliedner und im Biografisch-Bibliografischen Kirchenlexikon findet sich eine Lebensbeschreibung Theodor Fliedners: http://www.bautz.de/bbkl/f/fliedner_t.shtml

 
Der Erforschung der Geschichte der Diakonissenmutterhäuser hat sich die Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth zum Ziel gesetzt. http://www.fliedner-kulturstiftung.de/index.php. Hier sind auch Reprints von Biografien über Theodor Fliedner und seine Ehefrauen Friederike und Caroline Fliedner erhältlich. Auch eine Restauflage der inzwischen vergriffenen großen Biografie Friederike Fliedners aus der Feder von Anna Sticker (Neukirchener Verlag) ist hier zu bekommen. Anschrift: Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth, Geschwister-Aufricht Str. 3, 40489 Düsseldorf; info@fliedner-kulturstiftung.de


Im Gebäude der Kulturstiftung befinden sich auch Museum, Archiv und Bibliothek Diakoniewerks. Das Museum enthält unter anderem Gegenstände aus dem persönlichen Besitz Fliedners und eine ägyptische Mumie, die der Diakoniebegründer 1857 von einer Orientreise mitgebracht hat. Ansprechpartnerin unter anderem für Archiv und Museum ist die Historikerin und Archivarin Annett Büttner (Anschrift siehe Fliedner-Kulturstiftung), die auch die Geschichte der Kaiserswerther Diakonie erforscht hat (Telefon 02 11 5 66 73 - 773).


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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/3395.php
[Stand: Dienstag, 31. August 2010 14:09 Uhr]

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