Ratgeber
Was wollte ich hier bloß?
© Robert Harding/Schapowalow
Inselurlaub - herrlich. Aber Achtung: Hier können nicht nur gefährliche Haie auftauchen, sondern auch lästige Sinnfragen. Oder ein Fieber, ein seltsames Unwohlsein. Kein Wunder. Ob Museumsmarathon, Kreuzfahrt oder Asientrekking - für die Seele ist Reisen richtig Arbeit
Interview: Christine Holch
Jens Clausen beschäftigt sich in seinem Buch "Das Selbst und die Fremde" mit den seelischen Grenzerfahrungen, die Reisen auslösen können. Der analytische Gruppentherapeut unterrichtet an der Uni Münster Sozialpsychiatrie
chrismon: Sie haben sich aber ein merkwürdiges Thema ausgesucht: seelische Krisen auf Reisen. Reisen ist doch schön!
Jens Clausen: Natürlich, Sie haben recht, Reisen ist eine wunderbare Erfahrung. Aber man übersieht gern, wie viel Energie man darauf verwenden muss, Gefühle der Angst, der Ungeschütztheit und der Bindungslosigkeit abzuwehren. Die meisten bewältigen diese Herausforderung gut, aber manche verlieren den Boden unter den Füßen. Viele Patienten erzählten mir, dass ihre erste psychische Krise in der Fremde ausgelöst worden ist. Die Frage, was auf Reisen mit einem passiert, ließ mich nicht mehr los.
Haben Sie selbst mal auf einer Reise Ihr inneres Gleichgewicht verloren?
Ja, in Venezuela. Mich hat es bereits verunsichert, dass wir am Flughafen eine Wahl zwischen lauter mehr oder weniger zweifelhaften Taxifahrern treffen mussten. Dann lag auf der Fahrt in die Stadt ein Toter auf der Straße, und alle Autos fuhren um ihn herum. Wir fragten den Taxifahrer, warum denn niemand anhält. Er sagte: "Wer anhält, ist schuld." Sobald man sich da irgendwie einmischt, kann man herangezogen werden. Es gibt keine Rechtsstaatlichkeit, wie wir sie kennen. Das hat mich so schockiert, dass ich die ersten Tage gar nicht aus dem Hotel wollte. Meine Frau sagte: Wir sind nicht hierhergefahren, um am Pool zu sitzen, da hätten wir gleich an die Nordsee fahren können! Da musste ich meine Ängste wohl oder übel überwinden.
Natürlich ein schreckliches Erlebnis. Aber selbst auf tropischen Inseln werden immer wieder verwirrte Reisende ins Krankenhaus eingeliefert - wie kann man denn auf einer tropischen Insel in eine Krise geraten?
Nicht nur auf einer tropischen, grundsätzlich kann man auf Inseln leichter in Krisen kommen. Wir lieben es, im Urlaub auf eine Insel zu fahren, weil wir damit - unbewusst - verbinden, dass wir tatsächlich den Kontakt zum Festland etwas lockern, dass wir weit weg sind und uns wirklich auf Urlaub einlassen können. Aber Inseln können auch ungeheuer langweilig sein. Und wenn man dann im Liegestuhl liegt, liegt da ja nicht ein weißes Blatt, sondern dann kommen viele Themen hoch, die man noch zu bearbeiten hat. Dass eine Insel auch isoliert und damit Unbewusstes aktiviert, diese Dynamik unterschätzen viele Menschen.
Dann müssten einen auch Kreuzfahrtreisen runterziehen...
Ja, ich glaube, dass auch auf Kreuzfahrten die Gefahr nicht gering ist, in eine depressive Krise zu geraten. Weil auf einem Schiff untergründig viele Fragen auftauchen - auch angesichts der Weite, der Leere und Tiefe des Meeres. Die Psyche muss da erst einmal Ankerplätze suchen, und meist bekommt dann das Kulinarische eine riesige Dimension, man isst immer wieder und in bestem Maße. Vielleicht auch zur Abwehr der Leere. Der Schriftsteller Albert Camus jedenfalls ist 1946 auf seiner Schiffsreise in die USA richtig depressiv geworden.
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