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Folge 94: Warum man zur Durchführung eines strukturierten Prozesses ein gut besetztes Kuratorium braucht

07/2008


Arnd Brummer.

Arnd Brummer ist Chef-
redakteur von chrismon

Unser kleiner Selbsthilfeverein ist eine tolle Sache. Seit mehr als dreißig Jahren kämpfen wir für Gerechtigkeit und gegen Benachteiligung, helfen den Gestrandeten und Beladenen.
Wie jede soziale Initiative in Deutschland verfügen wir über eine ausgeklügelte Struktur. Da gibt es die ehrenamtlichen Helferinnen, die die tatsächliche Arbeit machen. Es handelt sich fast ausschließlich um Frauen. Dann haben wir einen Vorstand. In dem sitzen vier Männer und eine Frau. Zweimal im Jahr tagt das siebenköpfige Kuratorium - eine reine Männerangelegenheit.
Wir vom Vorstand kümmern uns um die Zuschüsse vom Landkreis, von der Gemeinde und von Sponsoren. Wir sorgen für den Jahresbericht, zeichnen die Einsatzpläne gegen und sprechen Grußworte, wenn es etwas zu feiern gibt. Das Kuratorium nimmt den Jahresbericht entgegen und begleitet uns mit seinem Rat. Die Sitzungen des Kuratoriums sind gleichsam die Höhepunkte unserer Arbeit.
Jeder Kurator steht für eine gesellschaftlich relevante Gruppe, fein austariert nach zahlreichen Kriterien. Ein angejahrter Hochschulprofessor repräsentiert die Wissenschaft, ein ehemaliger Bürgermeister die Politik. Die Gewerkschaften entsenden einen Vertreter, ebenso die beiden großen Kirchen, die Industrie- und Handelskammer und der Sportbund. Alle vereint die selbstverständliche Beherrschung des bundesdeutschen Sozialdialekts.
Eine wesentliche Aufgabe des Vorstands ist deshalb die Übersetzung aller unserer Vorhaben in diese besondere Sprache. Beispiel gefällig? Okay. Wir haben festgestellt, dass wir uns besonders um alleinerziehende Mütter kümmern müssen. Dazu haben wir eine Idee entwickelt. Um sie zu realisieren brauchen wir drei, vier Leute und 20#000 Euro. Im Herbst soll es losgehen.
So kann man das im Kuratorium nicht diskutieren. Die Vorlage für die nächste Sitzung wird von dem Gremium nur gebilligt werden, wenn sie davon spricht, dass wir ein "neues Projekt gestalten, das in einem strukturierten Prozess am Bedarf orientiert wird, dessen Durchführung in der Verwirklichung der Beteiligung aller relevanten Ressourcen in einem ersten Schritt hinsichtlich der Wahrnehmung der Umsetzung der sozialen Kompetenz der Mitarbeitenden und unter Berücksichtigung der Augenhöhe mit den Betroffenen vor Ort in die Realisierungsphase gesteuert wird. Dabei muss die Außerachtlassung der zeitnah motivationsgetriebenen Evaluierung als mögliches K.-o.-Kriterium berücksichtigt werden." Verstanden? Nein? Tut nichts zur Sache.
Die Mitglieder des Kuratoriums wissen, um was es geht. Und falls sie es nicht wissen, werden sie trotzdem ihren jeweiligen Rollen ensprechend Redebeiträge zu Protokoll geben. Unser Bürgermeister etwa - der Politiker - wird erklären: "Ich warne davor, die Sache nicht im Voraus politisch abzuklären." Der Professor wird fordern, "den Prozess radikal neu zu denken und jederzeit kritisch zu analysieren". Ein Kuratoriumsmitglied, von Anfang an dabei, wird sich mit dem Hinweis melden, "dass das alles nichts Neues ist. Da waren wir vor 30 Jahren schon mal weiter." Die Stimme der Gewerkschaften wird "dringend empfehlen, die Mitarbeitenden und ihre berechtigten Interessen von Anfang an in den Prozess einzubinden. Sonst gibt es Probleme." Der IHK-Mann hingegen wird fordern, "die Strukturen grundsätzlich mit spitzer Feder seriös durchzurechnen und bei der problemorientierten Umsetzung ökonomische Gesichtspunkte mitzudenken".
Die Kirchenvertreter merken am Ende an, dass sie viel zu spät in den Prozess integriert worden seien und sich noch kein abschließendes Meinungsbild erkennen lasse. Und der Sportmann droht mit Enthaltung bei der Abstimmung, weil er in der Kürze der Zeit kein Votum seiner Gremien habe herbeiführen können, und wird dann "trotzdem schweren Herzens zustimmen". So läuft das eigentlich immer. So steht es fast wörtlich in jedem Protokoll zu jedem neuen Projekt. Es ist dann alles gesagt und die Helferinnen können arbeiten. Wir sind ganz einfach eine "unverzichtbare Einrichtung", ein großartiger Verein.


Arnd Brummers Kolumnenbände "Der Fluch des Taxifahrers" (auch als Hörbuch) und "Alles sauber, alles neu" sind hier im chrismonshop erhältlich.

 


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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/3071.php
[Stand: Mittwoch, 10. März 2010 16:17 Uhr]

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