Weitere Vorbilder
Betty Gleim
© Focke-Museum Bremen
Eine Bremer Bürgerstochter eröffnete den Frauen die höhere Schulbildung. Doch berühmt wurde sie durch ihr Kochbuch
So wie bei ihr ging es in Deutschland nicht selten zu in Sachen Aufklärung: Alltagsfragen verdrängen die Visionen. Da prescht eine junge Frau weit vor mit ihren fast revolutionären Ideen zur Frauenbildung, doch was ihr die neugierige Öffentlichkeit über Jahrzehnte aus den Händen reißt, ist ihr "Bremisches Kochbuch" von 1808. Da gründet Betty Gleim, Bremer Bürgerstochter, schon mit 25 Jahren eine Schule, doch bis heute bewundern mehr Menschen ihre Kenntnisse als Köchin als ihr Bildungsprogramm.
Bremen war im 18. Jahrhundert noch immer stark geprägt vom Calvinismus, und das bedeutete in dieser Zeit ein bis ins Frömmeln reichender Pietismus, zudem ein strenges Regiment der kirchlichen Obrigkeit, die unnachsichtig auf Ordnung und Gehorsam, Bescheidenheit und Demut achtete. Die Sittlichkeit der Bürger galt ihr als oberstes Gebot. Gottesfürchtige Männer und Frauen trugen bescheidene, meist schwarze Kleidung und bevorzugten eine anspruchslose Kost.
Doch an der Wende zum 19. Jahrhundert rüttelten Dichter und Pädagogen an den Ketten der Tradition. Überall wucherten Ideen zu neuen Schulen und Unterrichtskonzepten. Auch eine junge Frau, Betty Gleim, ließ sich von der allgemeinen Begeisterung für Literatur und Pädagogik anstecken. In ihrem Elternhaus gab es täglich Diskussionen über die französische Revolution und Philosophie. Betty Gleims Vater war ein aus Halberstadt zugewanderter Weinhändler, ihre Mutter eine Bremer Bürgersfrau. Ein Großonkel, der Dichter und Stiftskanoniker Johann Wilhelm Ludwig Gleim, inspirierte sie zusätzlich. Lehrerin wollte Betty Gleim werden. Und mehr als das: Sie war gerade einmal 25 Jahre alt, als sie einen Plan, der sie schon Jahre beschäftigt hatte, in die Tat umsetzte: die Gründung einer "Lehranstalt für Mädchen". Es wurde die erste höhere private Mädchenschule Bremens, an der Straße Spitzenkiel gelegen. Gleim kündigte diesen Schritt an einem besonderen Tag an: am 14. Oktober 1806, an dem Napoleon in der Schlacht von Jena und Auerstedt Preußen vernichtend schlug. Gerade ein Krieg erwies doch deutlich, wie wichtig staatsbürgerliches Verantwortungsbewusstsein - und eine breite Schulbildung waren.
In dieser Zeit hielten die oberen Schichten eine höhere Schulbildung der Mädchen für weithin überflüssig. Lesen, Schreiben, Rechnen, Katechismus - das galt als nützlich, alles in dem Maß, wie es der Mutterrolle dienlich ist. Aber Betty Gleim griff weiter aus. Sie einte mit dem Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi die Absicht, durch Erziehung auch die Gesellschaft zu verändern. Und das erforderte, im Unterricht auch politische, soziale und naturwissenschaftliche Fragen zu behandeln. Bald wurden in Gleims neuer Schule mehr als 80 Mädchen unterrichtet, nicht zuletzt auch in den Fächern Physik, Mathematik und Geografie.
Gleim war pragmatisch genug, die traditionellen Ausbildungsziele in der Frauenbildung zu bedienen. Um zu beweisen, dass sich "höhere geistige Interessen einer Frau mit ihrer hauswirtschaftlichen Tätigkeit sehr wohl vertragen", veröffentlichte sie 1808 ihr "Bremisches Kochbuch". Bald kochte und buk ganz Bremen nach ihren Empfehlungen. 14 Auflagen erreichte das Buch in rund einhundert Jahren.
Gleim war allerdings auch eine der ganz wenigen Frauen, deren pädagogische Schriften bei den überwiegend männlichen Fachleuten Aufmerksamkeit fanden, ganz besonders 1810 das Buch "Erziehung und Unterricht des weiblichen Geschlechts". In ihm forderte sie die Übung aller schöpferischen Fähigkeiten der Frauen. Um auch die praktische Ausbildung zu stärken, versuchte sie, eine Lithographieanstalt zu gründen.
Und doch: Das Schulprojekt scheiterte am Zögern der Behörden, mehr aber noch der Bremer Bürger. Gleim gab ihre Lehrtätigkeit nach knapp einem Jahrzehnt 1815 wieder auf, schloss ihre Schule. Als sie mit 45 Jahren starb, hatten sich, anders als ihr Kochbuch, ihre pädagogischen Ziele im konservativ-biedermeierlichen Bremen nur in Ansätzen durchgesetzt. Erst Jahrzehnte später trugen ihre Ideen Früchte: in der Gründung von Lehrerinnenseminaren und Mädchenschulen.
Eduard Kopp
Lesetipps
Die Literatur über Betty Gleim ist sehr begrenzt. Einen wissenschaftlichen Text enthält der Band
Iris Bubenik-Bauer, Ute Schalz-Laurenze (Hrsg.): ".ihr werten Frauenzimmer, auf!" Frauen in der Aufklärung.
Verlag Ulrike Helmer, Frankfurt am Main (1995). Darin findet sich der Text von Hannelore Cyrus: "Hab ich zu Kühnes gewagt?" Die Bremerin im Zeitalter der Aufklärung. Ein historischer Bilderbogen (S. 108 - 129).
Im Internet finden sich folgende weiterführende Texte mit biografischen Hinweisen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Betty_Gleim
http://www.heinrich-pestalozzi.de/de/
dokumentation/einzelbeitraege/hinz_renate/level_3/betty_gleim/
http://diestandard.at/?url=/?id=2375414
Das Focke-Museum, Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, hat Materialien über Betty Gleim gesammelt. Darunter befindet sich auch die einzige bildliche Darstellung dieser Frau: http://www.focke-museum.de/
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