Weitere Vorbilder
Heinrich Heine
© Heinrich-Heine-Institut
Düsseldorf
Nur ein ungeduldiger Aufklärer, ein notorischer Spötter? Selbst die Jahre der "Matratzengruft" ertrug er mit Würde
Nicht einmal sechzig Jahre ist er alt geworden. Als er in Paris starb, war er bereits acht Jahre lang schwerkrank gewesen. Heinrich Heine, Deutschlands vielbewunderter Dichter, zugleich Aufklärer und Romantiker, hatte sich regelrecht durchs Leben gequält. Lähmungen breiteten sich in seinem Körper aus, am offensichtlichsten in seinen Augenlidern. Mit steigenden Morphiumdosen betäubte er die zunehmenden Schmerzen. Zur Aufnahme des Pulvers wurde eigens eine Wunde am Hals offen gehalten. Qualen tagsüber, Qualen nachts. Diese Jahre langsamen Sterbens nannte Heine seine "Matratzengruft".
Und doch: Heinrich Heine gibt sich nicht auf. Er bleibt geduldig, selbstironisch. Trotz der Lähmungen schleppt er sich durch die Straßen von Paris, bald nur noch durch seine Wohnung. Und er witzelt über seinen körperlichen Verfall. Dem jungen Ferdinand Lassalle teilte der ehedem so liebesaktive, nun an Syphilis leidende Heine 1855 mit, dass "jene Partie" seines Unterleibs, für die er so viel getan habe, ihn endlich - "welcher Undank" - so weit gebracht habe: nämlich ins Krankenbett. "Ich wollt, ich wäre todt oder ein gesunder Mops", schreibt er heiß verliebt und dem Tod nahe an seine "liebste Mouche", eine junge Frau, die ihn hemmungslos bewundert und oft an seinem Krankenbett weilt. Heine ist weiter ein fleißiger Autor. "Ich bin krank wie ein Hund, arbeite wie ein Pferd und bin arm wie eine Kirchmaus", beschreibt er seine Lage.
"Mich fasziniert an diesem Mann, wie er mit Humor und in Würde älter wird", sagt Joseph A. Kruse, Direktor des Heinrich-Heine-Instituts und Honorarprofessor in Düsseldorf. Auch die stärksten Schmerzen rauben Heinrich Heine nicht die Ironie oder lassen ihn zynisch werden. Der jüdische Glaube, den er wie alle religiösen Traditionen oft kritisch taxiert hatte, gewinnt für ihn wieder Bedeutung. Der Gott der Väter, der Gott des Alten Bundes, verheißt ihm Hilfe. Er übt sich sogar in Geduld gegenüber volkstümlichen Glaubensübungen. Als er starke Knieschmerzen hat, sagt seine Krankenschwester eines Nachts zu ihm, sie habe ein wunderbares Gebet dagegen. Er bittet sie, dieses Gebet für ihn zu sprechen. Sie nimmt eine heiße Serviette, wickelt sie um sein Bein und spricht das Gebet. Später sagt er darüber: "Wie mag ich nun im Himmel dastehen? Die Engel werden über mich sagen: Wenn es mir gut geht, spotte ich über sie, geht es mir schlecht, lass ich sogar für mich beten."
Darüber hätte sich auch die Öffentlichkeit den Mund zerrissen. Das Bild, das Heine in seinen besten Jahren geboten hatte, war ganz anders: ein geistreicher Dichter, der Freude daran fand, sich an Widerständen aller Art zu reiben - an kirchlicher Borniertheit und der Fruchtlosigkeit der Pariser Februarrevolution 1848, an der Öffentlichkeit, die über seine Werke die Nase rümpfte, an preußischer Zensur, an Verlagen und Redaktionen, auch an der Hamburger Familie Salomon Heines, die ihm die finanzielle Unterstützung missgönnte. Zu seinem Bild in der Öffentlichkeit gehörte auch, dass er ungern Huren aus dem Weg ging.
Er ist ein Mann voller Unruhe und Tatendrang. Er steht zwischen unterschiedlichen religiösen Traditionen: geboren als Jude, vor allem aus gesellschaftlichen Gründen zum evangelischen Glauben konvertiert, seiner französischen Frau Mathilde katholisch angetraut. Ein Mann mit dem unbedingten Willen zum Erfolg, der dann, eingesperrt in die "Matratzengruft", eine großes Maß an Geduld gewinnt und unermüdlich weiter Texte diktiert.
Nun vergleicht er sich mit der biblischen Figur des Lazarus, wie sie Jesus in seinem Gleichnis erzählt, die Geschichte von einem Mann, der wirtschaftlich und gesundheitlich abstürzt und dann von Gott gerettet wird. Der Freigeist und Spötter Heine liest die Bibel, das Lesebändchen liegt bei seinem Tod im Buch Hiob. So widersprüchlich war er: "Heine konnte sich gottlos geben, ja geradezu blasphemisch sein, aber eben auch religiöse Hoffnungen formulieren", sagt Heine-Forscher Joseph Kruse.
Heinrich Heine starb an einer Überdosis Morphium. Ein Notarzt hatte nicht gewusst, dass der Kranke bereits eine große Dosis erhalten hatte.
Eduard Kopp
Lesetipps
Joseph A. Kruse, seit 1975 Direktor des Heinrich-Heine-Instituts in Düsseldorf und seit mehr als zehn Jahren Honorarprofessor in Düsseldorf, hat eine kompakte, kenntnisreiche Biographie geschrieben. Kruse ist im Leben und Werk des Schriftstellers bestens bewandert, gibt unter anderem das Heine-Jahrbuch und die Heine-Studien heraus. In Archiv seines Instituts in Düsseldorf wird auch eine Vielzahl von Manuskripten Heines aufbewahrt.
Joseph A. Kruse, Heinrich Heine.
Leben Werk Wirkung.
Suhrkamp BasisBiographie 7.
160 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
und Literaturlisten. 7,90 Euro
Auch im Internet wird man zur Person und zum Werk Heines fündig:
Joseph A. Kruse: http://www.duesseldorf.de/heineinstitut/institut/kruse.shtml
Eine Heine-Biografie in Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine
Heine-Stätten in Düsseldorf:
http://www.duesseldorf.de/thema2/spezial/
heine_spuren/index.shtml
http://www.duesseldorf.de/thema2/spezial/
heine_spuren/heine_spuren_2.shtml
Nützlich zum Kennenlernen der Stadt Düsseldorf und einigen Hinweisen auf Orte, an denen das Heine-Gedenken gepflegt wird, ist dieser Führer:
Marco Polo Düsseldorf. Reisen mit Insider-Tipps. Mit City-Atlas.128 Seiten, 8,95 Euro
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