Buchtipps

4. Quartal 2007



Kalender: Literarisches Hessen

Das Titelbild zeigt ein elegantes Paar,  zu Fuß unterwegs und mit Büchern in der Hand. Sie lebten in der Zeit, als gelehrte Männer runde Nickelbrillen trugen und emanzipierte Frauen gern mal einen Schlips umbanden. Aber wer ist da zu sehen, und was haben Sie geschrieben? Das besonders Schöne an dem Kalender "Literarisches Hessen" sind die vielen Überraschungen, die einen auf Seitenpfade führen, die man noch nicht gegangen ist und vergessene Bilder, Geschichten und Liedverse in Erinnerung rufen. Von Ringelnatz etwa gibt es ein Gedicht über sein zwiespältiges Verhältnis zu Frankfurt und zu sich selber, dazu ein Porträt des Dichters, das man immer wieder anschauen mag, von Sophie von La Roche liest man eindringliche Worte zur Bestimmung von Frau und Mann, ganz im Kontrast zu ihrem Bild liebreizender Weiblichkeit steht ein Scherenschnitt, der sie als stolze Frau zeigt. Bei einem von den Brüdern Grimm aufgeschriebenen Märchen stößt man auf die Erzählerin Marie Hassenpflug, die das Märchen ursprünglich überliefert hatte. An diesem Kalender, das ist gewiss, werden weggezogene wie daheimgebliebene Hessen gleichermaßen ihre Freude haben.

hgh

Heiner Boehncke / Hans Sarkowicz:
Literarisches Hessen 2008, Wochenkalender.
edition ebersbach. 53 Blatt, vierfarbig. 20 Euro

 

 

Lewis Carroll: Alice im Wunderland

Was nur soll man fünf- oder sechsjährigen Mädchen schenken - außer den langbehaarten Puppen, die sie sich wünschen? Zum Beispiel diesen britischen Kinderbuchklassiker, sprachmächtig übersetzt von Christian Enzensberger, dem jüngeren Bruder von Hans Magnus, zart und zugleich voll versteckter Komik illustriert von Lisbeth Zwerger. Ein Abenteuerroman, mit Heldin, jawoll. Ein waches Mädchen aus dem viktorianischen England taucht in die Welt der Erwachsenen, die sich zwischen verschrobenen und paradoxen Regeln eingerichtet haben. Welch Dialoge! "Wenn ich ein Wort gebrauche", sagte Goggelmoggel in recht hochmütigem Ton, "dann heißt es genau, was ich für richtig halte:" - "Es fragt sich nur, sagte Alice, "ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann." - "Es fragt sich nur", sagte Goggelmoggel, "wer der Stärker ist, weiter nichts." Hier macht das Vorlesen auch den Erwachsenen Spaß.

cho

Kein & Aber Verlag, Zürich 2007,
135 Seiten, 24,90 Euro, ab 5 Jahre

 

 

Hans Christian Andersen: Der Tannenbaum

Kinderbuch mit Bildern von Gerda Raidt
Erst will er immer nur groß werden, dann raus aus dem Wald, und immer: im Mittelpunkt stehen. Der Tannenbaum in Andersens Märchen ist eine ewig unzufriedene Persönlichkeit. Sicher, dass er als halbwüchsige Tanne geschlagen wird, einen netten Weihnachtsabend im Wohnzimmer einer Familie verbringt, danach erst auf dem dunklen Dachboden landet und schließlich auf dem Hof verbrannt wird, daran hätte auch eine andere Lebenseinstellung nichts geändert. Aber er hätte sich wenigstens an seinem Leben erfreut. Eine hochmoralische Geschichte also, trotzdem schön. Die Bilder spielen in derselben Zeit wie Andersens Geschichte (die Kinder tragen Matrosenkragen und lange weiße Schürzen, es gibt Hausknechte und Schokolade servierende Dienstmädchen, ), aber das Biedermeierliche wird ausgeglichen durch die kühle Farbigkeit: viele Grautöne, dazu dunkles Grün und an Weihnachten ein paar rote Äpfelchen als Baumschmuck. Winterlich kühl und anschaulich konkret also. Eine runde Sache.

cho

Patmos Verlag, Düsseldorf 2007,
40 Seiten, 13,90 Euro (ab 5 Jahre)

 

 

Jens Schnabel: Das Menschenbild der Esoterik

Esoterische Angebote zur Lebensführung und zur Lebensdeutung spielen auf dem Markt der Weltanschauungen eine zunehmend wichtigere Rolle. Deshalb hat sich der Theologe Jens Schnabel mit ungeheurem Fleiß und großer Klugheit daran gemacht, in einer Doktorarbeit das gemeinsame Menschenbild der verschiedenen Strömungen ab 1970 herauszupräparieren und in einem besonders lesenswerten zweiten Teil des Buches theologisch zu bewerten. Gemeinsam sind den esoterischen Angeboten etwa diese Denkaspekte: Alle Prozesse laufen zyklisch ab; Reinkarnationslehre; es gibt ein Weltgesetz, weshalb jeder Zufall ausgeschlossen ist; hinter dem Leid von Krankheit oder Unfall steht damit ein Abweichen von den kosmischen Gsetzen - Leid wird erklärbar. Jeder ist selber an allem schuld, soziale Fragen werden fast vollständig ausgeblendet. Schnabel begreift das esoterische Menschenbild durchaus auch als Antwort auf die Defizite der christlichen Kirchen. Dass sie spirituelle Bedürfnisse vernachlässigen, in Fragen von Krankheit und Heilung stumm oder oberflächlich bleiben, dass sie die heilende Wirkung eines Fürbittgebets der Gemeinde unterschätzen, die Hoffnung jenseits des Todes nur blass verkünden, sich wenig für die Leiblichkeit von Gottes Schöpfung interessieren (damit auch wenig für Umweltschutz) undsoweiter undsoweiter. Erfreulich ist, dass Schnabel das esoterische Menschenbild nicht abwertet, gar zynisch beschreibt, sondern dass er den LeserInnen den Raum lässt, das Brutale darin selbst zu entdecken. Die Bedürfnisse aber, die die AnhängerInnen eigentlich haben, die beschreibt er sehr genau.

cho

Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2007,
496 Seiten, 39,90 Euro

 

 

Annemarie Rettenwander: Magersucht - Einsichten und Auswege.

Was (ehemals) betroffene Frauen als hilfreich empfinden
Magersüchtige Mädchen und Frauen geben Rätsel auf. Und sie verstören. Deshalb wurden schon viele Konzepte an ihnen ausprobiert - mal wird ihnen eine Borderlinestörung attestiert, mal eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, oder man wollte einfach nur ihr angeblich falsch gelerntes Essverhalten umprogrammieren. Die österreichische Psychologin Rettenwander arbeitet sich in ihrem Buch zwar zunächst an all den Theorien und Therapiemethoden ab, präferiert dabei den feministischen Blickwinkel, nämlich die Magersucht als selbstzerstörischen Anpassungsversuch zu verstehen; der spannendste Teil ihres Buches ist jedoch der letzte: das Ergebnis ihrer Gespräche mit 33 betroffenen oder ehemals betroffenen Frauen. Befragt dazu, was ihnen wirklich hilft bzw. half, sagen die Frauen zum Beispiel: dass man sie darin unterstützt hat, eine Perspektive zu finden, vor allem eine berufliche - so dass plötzlich etwas da war, was wichtiger war als die Magersucht; hilfreich war auch, dass sie unterstützt wurden, aus typischen Geschlechtercodes auszubrechen, dass sie also lernten, Ärger zu zeigen, offen in Konkurrenz zu treten, prinzipiell gut über sich zu reden; und, ganz wichtig: dass die BehandlerInnen an eine Genesung tatsächlich glaubten; und dass die BehandlerInnen sich an diesen unbequemen und wachen Frauen erfreuen konnten. So lernt die Leserin: Ja, es gibt einen Weg von der Hungerkünstlerin zur Lebenskünstlerin.

cho

Verlag Dr. Köster, Berlin 2007,
224 Seiten, 19,80 Euro

 

 

Rainer Schäfer, Günter Schuhmann (Hg.): Soll das alles gewesen sein?

Lebensbilanzierung im Angesicht des Todes
Wenn das Leben zu Ende geht, schaut man zurück. Und es ist keineswegs immer ein satt- zufriedener Rückblick. "Soll das alles gewesen sein?", wütet mancher. Wie kann man sich mit der eigenen Geschichte versöhnen, mit dem eigenen unvermeidbar fragmentarischen Leben? Das war die Leitfrage auf einer Tagung der Akademie für Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit in Würzburg, über die nun ein schmales, aber gehaltvolles Buch vorliegt. Besonders zu empfehlen der Text des Arztes und Philosophen Thomas Fuchs aus Heidelberg. Er beschreibt verschiedene Möglichkeiten, mit dem ungelebten Leben umzugehen. Das schonungslose Anerkennen: "Ja, das war es"; das fast mystische Aufgehen des Selbst in der Gegenwart; das Sich-Hinein-Stellen in einen größeren Zusammenhang, sei es Familie und Nachkommenschaft, sei es das Göttliche, das dem Selbst seine Ganzheit gibt - so wie der Bischof bei der Priesterweihe sagt: "Gott vollende, was er in dir begonnen hat." Anregend, dieser Band, und sehr ehrlich die dokumentierten Diskussionen. Denn Sterben, auch wenn's man lang nicht wahrhaben möchte, steht letztlich doch jedem bevor.

cho

Verlag Königshausen & Neumann,
Würzburg 2007, 77 Seiten, 12,80 Euro

 

 

Christoph Drösser: Der Mathematik-Verführer

So hätte uns MathehasserInnen der Schulunterricht gefallen: Mathe als Lösung für drängende Fragen. Etwa die, ob Marina Ja sagen soll zum Heiratsantrag von Karsten, oder ob sie doch  auf einen noch besseren Mann warten soll. Doch, das kann man ausrechnen. Christoph Drösser, Redakteur bei der "Zeit" im Ressort Wissen, hat ein witziges und gehaltvolles Buch geschrieben. So dürfen wir zwei Bankräubern zuhören, die mit ihrem Fluchtauto im Stau stecken und sich nun streiten, wieso aus dem Nichts ein Stau entstehen kann und was jetzt zu tun ist. Oder wir üben mit Drösser, ein Verhältnis zu großen Zahlen zu bekommen - ist es viel oder wenig, dass ein Eurofighter den Steuerzahler 75 Millionen kostet? Und wir verstehen, warum nur wenige deutsche Angestellte tatsächlich das statistische "Durchschnittseinkommen" von 3452 Euro erhalten. Immer da, wo Drösser anknüpft an das Wissen, das sich auch eine normalbegabte Mathehasserin mit Zeitungslektüre, kritischer Grundhaltung und Lebenserfahrung erworben hat, ist er richtig gut. Aber zu voraussetzungsreich kommen oft seine Rechnungen daher. Echte MathehasserInnen möchten doch gern ein wenig sanfter und mit mehr Erklärungen an quadratische Gleichungen, Wurzeln und Kurvendiskussionen herangeführt werden.

cho

Verlag Booklett Brodersen & Company,
Berlin, 2007, 206 Seiten, 18,90 Euro

 

 

Klaus Lang, Christoph Schmeling-Kludas, Uwe Koch: "Die Begleitung schwer kranker Menschen. Das Hamburger Kursprogramm"

Diese Erfahrung haben wahrscheinlich schon alle mal gemacht, die mit schwerkranken Menschen zu tun hatten: Da weint eine Patientin bitterlich, und der Pfleger oder auch die Ärztin sagt: "Kommen Sie, Sie müssen nicht weinen. Ich bringe Sie wieder zurück in Ihr Bett. Sie werden sehen, dann geht es Ihnen bestimmt wieder besser. Daran können Sie sich doch wirklich freuen, an diesem herrlichen Blick von Ihrem Bett aus." Das ist nicht bös gemeint, sondern der eigenen Hilflosigkeit und Überforderung geschuldet. Doch die Patientin wird diese Botschaft hören: "Ich kann/will nicht über deine Traurigkeit sprechen." Sie wird allein mit ihrer Traurigkeit bleiben.
Das Kursmanual der drei Ärzte und Psychologen richtet sich an LeiterInnen von Kursen zu psychosozialen Kompetenzen in der Palliativersorgung - ob daran nun AltenpflegerInnen oder ÄrztInnen teilnehmen. Der Schwerpunkt liegt darauf, wie sie im Gespräch mit Kranken deren individuellen Bedürfnisse wahrnehmen können, wie sie ihnen begegnen können. Das mag sich trocken anhören, doch aus dem Buch quillt einem das pralle Leben entgegen. Seien das die Rollenspiele oder die Übungen für aktives Zuhören anhand einzelner Patientenäußerungen (mit einfühlenden und wenig einfühlenden Antworten).
Auch um Selbsterfahrung geht es, aber nicht bezüglich des eigenen Sterbens - schließlich soll niemand vorschnell von sich auf PatientInnen schließen. Wohl aber werden die die persönlichen Erfahrungen der Teilnehmenden mit Krankheit und Sterben - und dabei sollen sie erfahren, dass die Verarbeitung emotional belastender Lebensereignisse nicht abgeschlossen sein muss, sondern "unfertig" sein darf; und sie sollen erfahren, dass Weinen im Gespräch ausgehalten werden kann, ohne dass eine "Lösung" im Sinne einer konkreten Handlungsanweisung gegeben werden muss.

cho

Schattauer Verlag, Stuttgart 2007,
197 Seiten mit 34 Arbeitspapieren,
222 Arbeitsfolien sowie Powerpoint-
Präsentationen für Kurzvorträge
auf CD-ROM, 39,95 Euro

 

 

Christian Thiel: Was glückliche Paare richtig machen

Es gibt viele Forschungsstudien über Paare, die sich trennen. Aber erst ganz allmählich Forschung über Paare, die zufrieden sind, gar glücklich. Der Single- und Partnerschaftsberater Thiel hat aus den wichtigsten Erkenntnissen einen Ratgeber zusammengestellt, der so einige Gewissheiten auf den Kopf stellt. Zum Beispiel diese: Liebe ist harte Arbeit, und man muss viel miteinander über die Beziehungsprobleme sprechen. Andersherum wird ein Schuh draus: Nicht den "bösen Blick" stärken, sondern den dankbaren Blick auf das, was einem gefällt - am Partner, an dieser Beziehung. Und wenn man sich das jeden Abend vergewärtigt, dann kann man es dem Partner, der Partnerin vielleicht auch mal sagen. Am besten eine Woche lang jeden Tag ein Lob. Prompt wird die Stimmung besser, und plötzlich sind Probleme leichter lösbar oder gar nicht mehr so groß. Und, auch das eine von vielen, vielen nützlichen Anregungen: Egal wie unterschiedlich man ist, welch unterschiedliche Interessen man hat,  ein glückliches Paar kann man trotzdem sein - sofern man sich gerne und viel miteinander unterhält. Übrigens: Übung macht den Meister (und die Meisterin). Und von interessanten Übungen wimmelt das Buch.

cho

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2007,
205 Seiten, 17,90 Euro

 

 

Carsten Alex: Der Auszeiter. Vom Management ins Leben - und zurück

Carsten Alex, erfolgreich in leitenden Positionen bei DaimlerChrysler, steigt mit Mitte 30 aus und macht eine mehr als einjährige Weltreise. Als er die Wohnung auflöst und das Auto abschafft, kommt er sich noch geradezu asozial vor. Auf der Reise dann aber ist er glücklich, dass er erleben darf, "wie es ist, ausschließlich als Mensch wahrgenommen zu werden". Gereift und mit anderen Prioritäten kommt er zurück, und geht wieder arbeiten - allein schon um die aufgelaufenen Schulden abzutragen. Genießt seinen beruflichen Erfolg. Sieht aber auch die Risiken einer Auszeit: Er wird misstrauisch beäugt, denn dass einer seinen Wünschen folgt, macht anderen Angst. Nur theoretisch sucht die Wirtschaft  Querdenker und Freigeister. Eine Auszeit macht auch einsamer: weil man sich früher als andere Fragen stellen, vor allem Sinnfragen. Macht meine Arbeit eigentlich noch Sinn? Oder: Warum mache ich schon wieder Städtereisen, obwohl ich mich an die letzten fünf kaum noch erinnern kann, wohl aber an all die Begegnungen auf der Weltreise? Ein wenig versucht Alex auch weiter, die beiden Erfahrungswelten verbunden zu halten - gönnt sich im Urlaub zum Beispiel immer ein paar lusxusfreie Tage. Aber dann, als  DaimlerChrysler fragt, wer zum sozialverträglichen Personalabbau beitragen möchte, nimmt er sich eine zweite Auszeit. Denn weiß man, wie lang man lebt? Wird man aufgespartes Leben tatsächlich irgendwann leben können?

cho

Carsten Alex Verlag, Berlin 2007,
164 Seiten, 8,90 Euro

 

 

Jude Reignier: Easy Yoga

Wer kennt das nicht, diesen Vorsatz: Ich steh ab jetzt ein bisschen früher auf und mach ein paar gymnastische Übungen! Und dann dehnt man sich etwas, beugt sich ein wenig, und entweder fallen einem nun gar zu viele Übungen ein oder gar keine mehr. Abhilfe schafft hier das kleine Buch "Easy Yoga". Nicht für unglaublich Fortgeschrittene gedacht, sondern für Laien jedes Alters in jeder Situation und Tagesform. Das Buch enthält vier 10-Minuten-Reihen (Wachwerden, Energie tanken, Spannung abbauen, Loslassen), zwei 20-minütige Übungsreihen und das volle Programm für 45 Minuten. Besonders schön: Sämtliche Übungsreihen sind als Miniaturbilder im Schutzumschlag abgebildet. Einfach zusammenfalten und in die Reisetasche stecken. So kann trotz Stress auch ein Dienstreisetag im Hotel gut beginnen oder enden.

cho

Heinrich Hugendubel Verlag,
Kreuzlingen 2007, 128 Seiten, 9,95 Euro

 

 

Ernst Wrba, Edda und Michael Neumann-Adrian: Deutschlands Weltkulturerbe.

Eine Reise zu allen Unesco-Stätten
Manchmal sieht man aus dem Augenwinkel ein Schild mit brauner Schrift an der Autobahn: "Weltkulturerbe". Aber dann hat man sie doch schon wieder verpasst, die Weltkulturerbestätten Deutschland, immerhin 32 an der Zahl. Und von vielen hat man auch so recht noch nie was gehört - von der Fossilienfundgrube Messel, der Völklinger Hüte, der Zeche Zollverein, und wo bitte liegt Goslar? Besser also, die Weltkulturerbestätten direkt anzureisen oder die Reiseroute gezielt über sie zu legen. Der vorliegende Reisebildband bringt auf den Geschmack. Er bewertet die einzelnen Stätten zwar nicht, aber die Länge einzelner Beiträge weist dezent darauf hin, wo es richtig viel (etwa Dresden) und wo es etwas weniger anzuschauen gibt (etwa Hildesheims strenge Romanik-Kirchen) Viele, viele Fotos, präszis mit Bildunterzeilen versehen, dazu überschaubare Texte, die zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten führen, kurz die jeweilige Geschichte skizzieren und auch den Hoteltipp sowie die Adresse der Touristeninformation nicht vergessen. Auch nicht ein paar kritische Anmerkungen zur Dresdens Ansinnen, mit einer Brücke die Welterbeansicht zu verbauen. Von der UNESO als Weltkulturerbestätte anerkannt zu werden, bedeutet nämlich nicht nur die Aussicht auf mehr touristische Besucher, sondern auch die Verantwortung, dieses Erbe für die ganze Welt zu erhalten.

cho

Bruckmann Verlag, München 2007,
168 Seiten, 24,95 Euro

 

 

Beate Meyer: Die Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden 1933-1945. Geschichte, Zeugnis, Erinnerung.

Als meine Kinder noch kleiner waren, holte ich sie häufiger vom Kindergarten ab. Wir gingen immer den gleichen Weg und passierten einen großen, hübsch renovierten Altbau in einer der Wohnstraßen am Hamburger Grindelviertel, dort wo vor dem Krieg die meisten Juden Hamburgs lebten. Irgendwann stolperten die Kinder im wahrsten Sinne des Wortes vor einem der Wohnhäuser über mehrere golden glänzende Steine auf dem Fußweg. Auf ihnen standen Namen und Daten einer Familie, deportiert und ermordet in Auschwitz, von der 80jährigen Großmutter bis zum zweijährigen Kleinkind. So erfuhren die Kinder zum ersten Mal vom Holocaust - ein besserer Einstieg für das Thema ist mir noch nicht begegnet.

"Stolpersteine" heißt das Kunstprojekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Das Prinzip ist so einfach wie genial: Überall dort, wo sich heute Paten zur Finanzierung der Steine finden, verlegt der Aktionskünstler seine Stolpersteine vor den Häusern, aus denen einst Juden (oder andere Opfer der Nationalsozialisten) deportiert und ermordet wurden. Für die Historikerin Beate Meyer sind die Stolpersteine der rote Faden, mit dem sie ihre Leser durch das ungemein beeindruckende Buch über die Ermordung der Hamburger Juden führt. Zeitzeugen erinnern sich an die ersten Schikanen, die schon bald lebensbedrohlich wurden. Beate Meyer und ihre Co-Autoren haben überlebende Söhne, Töchter und Enkel gefunden und befragt. Wie gingen die Deportationen vor sich? Was dürfte man mitnehmen? Was taten die Gestapo-Leuten? Neben diese Interviews stellen sie Kapitel, in denen, Paragraf für Paragraf, aufgelistet wird, wie eiskalt und akribisch die Vernichtung im Hamburger Beamtenapparat organisiert wurde. Immer wieder gibt es Querverweise auf die in Hamburg verlegten Stolpersteine, das letzte Kapitel zeichnet Rundgänge auf den Spuren der Steine auf.

Über 13000 Steine hat Gunter Demnig in den letzten Jahren in europäischen Städten verlegt und es werden Monat für Monat mehr. Diese Art des Gedenkens war und ist immer aktuell. Auch das Buch von Beate Meyer war in der ersten Auflage sofort vergriffen. Nun kann es bei  der Hamburger Landeszentrale für Politische Bildung gegen eine Schutzgebühr von 2 Euro nachbestellt werden. (Landeszentrale für Politische Bildung, Altstädter Str. 11, 20095 Hamburg, Tel. 42854-2148,  http://www.politische-bildung.hamburg.de/)

dh

 

 

Chen Jianghong: Lian

Die kleine Lian ist ein Mädchen mit magischen Kräften. Dem armen Fischer Lo bringt sie Wohlstand - aber andere reagieren mit Neid und Habgier. Der chinesische Künstler Chen Jianghong erzählt eine Geschichte von denen, die alles wollen und am Ende nichts haben - mit knappem Text und betörenden Tuschezeichnungen von kraftvoller Zartheit.

Moritz Verlag, 14,80 Euro




Rita Pohle: Weg damit von A bis Z

"Das Leben entrümpeln, Freiräume gewinnen", der Untertitel des Buchs deutet schon an, dass es hier nicht nur um Kleidung geht, sondern auch um Adressbucheinträge, Fernsehabende, sogar Ärger. Ja, sich fünf Minuten zu ärgern, ist genug. Entrümpeln von A bis Z, solch ein Buchaufbau klingt nach Verlagsmasche, hat aber auch Vorteile: Man kann blättern, stöbern und findet auf diese Weise doch eine Menge Anregendes. Allein schon, auf was man alles die zwei Fragen "Brauch ich das wirklich?" und "Macht es mich froh?" anwenden kann. Ersteres bleibt im Bestand, Letzteres kommt in die "Schatzkiste" (etwa Kleider, an denen Erinnerungen hängen). Der Rest kann weg. Auch für Entrümpelanfänger finden sich Tipps: Wer auf die Schnelle ein Erfolgserlebnis braucht, entrümpele den Kofferraum. Fortgeschrittene trennen sich von Halbfertigem - angefangenen Pulovern und Ausbildungen sowie halb gelesenen Büchern. Apropos Bücher: Ja, natürlich darf man Bücher wegwerfen. Wem's schwer fällt, der gebe sie an Büchereien (auch im Gefängnis) oder weise Besucher auf den Regalmeter ausgemusterter Bücher zum Mitnehmen hin.

cho

Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München 2007, 251 Seiten, 16,95 Euro



Hermann Bausinger: Berühmte und Obskure. Schwäbisch-alemannische Profile

Wenn ein empirischer Kulturwissenschaftler über berühmte und weniger berühmte Leut' in Deutschlands Südwesten schreibt, dann kommt schon was anderes dabei raus als bei den üblichen Porträts von Leuten wie Heine, Schubart, Hebel oder List - nämlich Profile, Profile auch eines ganzen Landstrichs. Ludwig Uhland etwa war ein ganz Sparsamer. Das Sparsame, Schlichte, was im Leben Enge erzeugen kann, machte allerdings seine Gedichte gut. Aber ist das typisch schwäbisch? Und behaupten die Schwaben überhaupt zu Recht, dass alles Eigengewächs ist, was hier gedeiht und gedieh? Bausinger erinnert sie daran, wie viele Menschen zugewandert sind - Glaubensflüchtlinge etwa, noch mehr Neubürger nach dem Dreissigjährigen Krieg (menschenleer waren damals viele Ortschaften). Hugenottische Flüchtlinge bereiteten in der Pfalz den Boden für die Industrie, italienische Hausierer und Händler ebneten im äußersten Südwesten Schweizer Unternehmen den Weg; und die Mieder- und Spielwarenfabriken um Göppingen oder die Textilfabriken auf der Alb wären ohne die Aktivitäten jüdischer Kaufleute aus der Nachbarschaft gar nicht entstanden. Selbst der Stolz auf deutsche Baukunst entbehrt der Basis. Man weiß, dass der berühmte Baumeister Heinrich Schickhardt auf den mit Herzog Friedrich unternommen Reisen in den Süden unermüdlich zeichnete, kopierte, ja: spionierte. Die Schwaben also, wenn sie um sich gucken, könnten ruhig auch mal mit stolzem Unterton konstatieren: "Lauter Ausländer".

cho

Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2007, 441 Seiten, 24,50 Seiten



Hanno Rauterberg: Und das ist Kunst? Eine Qualitätsprüfung

Der Kunstkritiker der Wochenzeitung "Die Zeit" ist genervt: Nur noch die autoritären Regeln des Marktes bestimmen, was Kunst sei und was nicht, was in die öffentlich finanzierten Museen kommt und was nicht. Dagegen möchte er keine neue autoritäre Regelpoetik setzen, sondern einen urteilsfreudigen, aufgeklärten, selbstimmten Betrachter. Den zu stärken, hat er dieses Buch geschrieben. Nach einem überaus aufschlussreichen Kapitel über die Macht des Marktes zerlegt Rauterberg "die zehn populärsten Irrtümer der Gegenwartskunst". Zum Beispiel: "Gute Kunst kennt keine Kriterien" oder gute Kunst müsse Neues bieten und irritieren. Irritieren, das heißt doch gar nichts, meint Rauterberg, die Frage sei doch: was und wozu? Auch wenn er seinen Ärger über einzelne Kunstrichtungen und Kunstwerke (etwa "vermüllte Kunst", soziale Kunst oder "Dokumentationsfilmchen") nicht immer ganz schlüssig seinen Hauptthesen zuordnet, so versteht man doch die Richtung und freut sich: Denn dieses Buch macht Kunstbetrachter und -betrachterinnen frei. Was man sonst nur zu sich selbst zu wagen sagt angesichts mancher Kunstwerke ("So ein Schmarrn"), das kann man nun viel besser begründen. Dabei hilft der letzte Teil des Buches, der Kurs für "qualititätsvolles Sehen". In aller Kürze: Erst dann, wenn ein Werk Qualitätskriterien erfüllt wie "Das Spiel der Formen und Farben ist kein reiner Selbstzweck, sondern löst in mir unvertraute, gemischte Gefühle aus" oder "Mir wird verständlich, welches Thema das Werk aufgreift", erst dann wird es ein Ja auf die entscheidende Frage geben: Verlangt es mich, dieses Kunstwerk wiederzusehen?

cho

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, Taschenbuch mit Abbildungen, 304 Seiten, 16,90 Euro



Charles Perrault, Eric Battut (Bilder): Däumling (Bilderbuch, ab ca. 5 Jahren)

Zuerst fesseln die Bilder - zwar fehlt es ihnen an Details, doch Eric Battut malt mit wuchtigen Pinselstrichen den Wald: mal harmlos grüne Kugelbäume, mal wuchtige schwarze Stämme, die sich oben zur Nacht verdichten. Ganz unten, am Boden, der Däumling und seine auch nicht viel größeren sechs Brüder. Ausgesetzt von den Eltern wegen zu großer Armut, mehrmals ausgesetzt gar. Doch Däumling ist gerissen. Einmal etwa tauscht er die Mützen der Brüder gegen die Krönchen der Töchter des Menschenfressers, auf dass betrunkene Vater, als ihn nach frischem Blut dürstet, die Mädchen mit den Jungs verwechselt. Grausig ist der Text des französischen Märchendichters Perrault vom Ende des 17. Jahrhunderts, unheimlich sind die Bilder - bestens geeignet also, allerlei Kinderängste aufzunehmen. Übrigens: Die Geschichte geht gut aus.

cho

Bohem Press, Zürch 2007, 41 Seiten, 16,90 Euro



Karl-Albrecht Immel, Klaus Tränkle: Tatort Eine Welt - Was hat mein Handy mit dem Kongo zu tun?

Globalisierung verstehen - so der Untertitel dieses Buchs -, das ist ein hoher Anspruch, der nicht ganz eingelöst wird. Nützlich ist es dennoch: als übersichtliches Kompendium. Pro Thema (etwa Bildung für Mädchen, die ärmsten Länder oder ruinöse Agrarsubventionen) gibt es eine ganzseitige Schautafel und eine Seite Text. Und so erfährt man etwa unter dem Stichwort "Terms of Trade", dass sich die Entwicklungsländer 1950 für eine bestimmte Menge Kaffee oder Bananen im Norden einen Traktor kaufen konnten, heute dagegen höchstens noch einen halben Traktor. Grund: Die Weltmarktpreise für Rohstoffe sind gesunken, gleichzeitig stiegen die Preise für weiterverarbeitete Importprodukte. Seit über zehn Jahren versucht der Grafikdienst der Deutschen Welthungerhilfe mit einer monatlichen Grafik plus Text ein bisschen mehr Klarheit über die weltweiten Entwicklungen zu schaffen. Diese Recherchen aus einem Jahrzehnt haben Immel und Tränkle nun aktualisiert und zueinander in Beziehung gesetzt. So findet man knapp zusammengefasst die Antwort auf die Behauptung, es gebe zu viele Menschen, als dass die Erde alle ernähren könnte. Unsinnn: Allein das weltweit geerntete Getreide würde ausreichen, jeden Menschen mit täglich 2500 Kalorien zu versorgen. Doch nur die Hälfte des Getreides steht für Ernährung zur Verfügung, die andere Hälfte wird an Tiere verfüttert oder zunehmend zu Bioethanol verarbeitet. Lobend zu erwähnen ist auch, dass die Grafiken gut zu kopieren sind - etwa für den Unterricht.

cho

Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2007, 199 Seiten, 19,90 Euro



Rudi Rhode, Mona Sabine Meis: Wer schreit, hat schon verloren! Körpersprache selbstbewusst beherrschen

Wie oft spürt man, dass in einer Gesprächssituation trotz guter eigener Argumente ein Ungleichgewicht herrscht, aber wie kommt es zustande? Und wie kommt man da raus? Man kann eine Situation leichter zu seinen Gunsten wenden, wenn man körperliche Signale der Dominanz versteht. Sei es, dass der Chef sitzen bleibt, während der Angestellte vor ihm steht (klasssische Thronsituation), dass der Schüler sich obercool auf dem Stuhl lümmelt (demonstrierte Entspannung heißt: Der Unterricht ist mir völlig egal) oder dass ein Mann eine Frau in der U-Bahn anstarrt. Zur U-Bahn-Situation: Jetzt bloß nicht weggucken ("Die ziert sich noch"), sondern dem starrenden Mann mit bösem Blick (heruntergezogenen Augenbrauen) einige Sekunden zwischen (!) die Augen schauen - das kann man zur Not lange aushalten, und es funktioniert. Männer können - zwecks Konfliktvermeidung - auch mal kurz ihren körpersprachlichen Status senken (etwa wegschauen), um eine Situation nicht eskalieren zu lassen. Rudi Rhode (Trainer für Konfliktbewältigung und Körpersprache) und Mona Sabine Meis (Professorin für Kunst- und Kulturpädagogik) haben erfreulicherweise nicht ein weiteres pantomimegeleitetes Körpersignalbuch geschrieben, sondern tauchen tiefer, entschlüsseln zum Beispiel Entspanntheit als hohen Status - was Frauen zu denken geben sollte, die in hochhackigen Schuhen laufen oder aufrecht mit zusammengeklemmten Beinen sitzen.

cho

Oesch Verlag, Zürich 2007, 208 Seiten, 14,95 Euro



Nurit Zarchi (Text), Batia Kolton: Auf Wiedersehen am Südpol (Bilderbuch, ab ca. 4 Jahren)

Was für eine schräge Geschichte! Ein dicker Mann, Herr Summ, bekommt auf der Straße ein Paket in die Hand gedrückt. Der motorradfahrende Bote sagt, jeder müsse auch noch für jemand anderen sorgen, dann ist er weg. Aus dem Paket wispert es. Herr Summ packt es aus: ein Ei. Klar, das muss Herr Summ ausbrüten. Heraus kommt ein Pinguin, der nun "Nordpol" quäkt. Summ bringt ihn hin. Dann schreit er in den Wind: "Das Leben ist ein Abenteuer!" Ganz schön plemplem. Und herzerwärmend. Geschrieben von der in Israel für ihre Kinderbücher vielfach prämierten Zurit Zarchi, gezeichnet in gewissem Retrostil von Batia Kolton, übersetzt von Mirjam Pressler.

cho

Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2007, 39 Seiten, 12,90 Euro



Gabriele Angenendt, Ursula Schütze-Kreilkamp, Volker Tschuschke: Praxis der Psychoonkologie. Psychoedukation, Beratung und Therapie

Wer eine Krebsdiagnose mitgeteilt bekommt, dem bricht die bishergie Welt zusammen. Manche finden selbst die Kraftquellen, die ihnen helfen, die folgenden Behandlungen durchzustehen und den veränderten Lebenshorizont anzunehmen. Viele nicht. Ihnen können PsychoonkologInnen helfen: Das sind speziell ausgebildete PsychotherapeutInnen, die mit KrebspatientInnen arbeiten. Das Ziel: die Lebensqualität wieder zu erhöhen und einen individuellen Weg zu finden. Das Buch vermittelt die Grundlagen für diese Begleitung.  Klar strukturiert und sehr praktisch kommt es daher. Ein Schwerpunkt sind Tumore an den Geschlechtsorganen und was daraus folgt für die Sexualität. Ein anderer die Unterstützung in den verschiedenen Stadien - zu Beginn der medizinischen Behandlungen oder auch im Sterbeprozess. Dann zum Beispiel schaut die Psychologin mit der Patientin über die bisherige Lebenslandschaft, sie versuchen, rückblickend das Leben als Ganzes, als sinnvolle Gesamtheit zu sehen und zu verstehen. Die Patientin erlebt sich dann nicht mehr nur ohnmächtig und ausgeliefert, sondern erfährt sich aktiv suchend und findend. Körperübungen für Eingeschränkte und Kopiervorlagen zum Nachdenken zuhause runden den Band zu einer nützlichen Arbeitshilfe.

cho

Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage, Stuttgart 2007, 206 Seiten, 39,95 Euro



Richard Yates: Verliebte Lügner

Zu Lebzeiten waren die Werke des US-Amerikaners verschmäht, er verlor sich im Alkohol und starb 1992. Man hat ihn wiederentdeckt, Gott sei Dank, denn kaum einer schrieb so gelassen mit spitzer Feder wie er. Dies ist sein zweiter Band mit Erzählungen - wieder geht es um Menschen, deren Ehen scheitern, Menschen, die zu viel trinken. Wie er selbst.

DVA, 19,95 Euro

 


Petra Thorbrietz: Leben bis zum Schluss

Abschiednehmen und würdevolles Sterben - eine persönliche Streitschrift

"Es ist nichts", sagte Janos mit Nachdruck. Mit diesen Worten begann im Herbst 2005 eine ergreifende chrismon-Geschichte der Münchener Autorin Petra Thorbrietz. "Es ist nichts", sagte Janos, der geliebte Ehemann, am Tag 1 von nur 112 Tagen zwischen Krebs-Diagnose und Tod.
"Es ist nichts" - so beginnt auch das Buch, das Thorbrietz jetzt über diese 112 Tage geschrieben hat. Das Buch geht, wie damals auch der inzwischen preisgekrönte Artikel, direkt ins Herz. Diese große innige Liebe zwischen der Deutschen Petra und dem Ungarn Janos - die darf doch nicht jäh auseinander gerissen werden! Und diese unerträglichen Schmerzen, die der Mann so plötzlich bekommt - die  müssen doch irgendwie zu lindern sein!  Sie erspart einem nichts, die Autorin: selten hat jemand sein Hadern mit dem Krebs so öffentlich gemacht. Selten jemand das Sterben so detailreich und intim geschildert. Dazwischen - in diesen 112 Tagen - liegt eine schier unbegreifliche Odyssee zwischen Onkologie und Palliativstation. Das kann, denkt sich die Leserin, doch wohl im hoch entwickelten Deutschland nicht sein, dass sie einem nicht helfen können. Dass immer noch größerer Zeitdruck aufgebaut wird - "Wir dürfen keinen Tag für die Chemo verlieren!" - anstatt erstmal die Schmerzen zu bannen. Dass keiner, wirklich fast keiner der Ärzte das Herz und die Zeit hat, offen mit dem Todkranken und seiner Frau zu reden. Viel kann man lernen in diesem Buch über den deutschen Medizinbetrieb, in dem es offenbar auch vom Zufall abhängt, wie man bei Krebs behandelt wird. Gerät man zuerst an einen Radiologen, wird man bestrahlt, der Chirurg hingegen wird zum Operieren raten und der Onkologe zur Chemotherapie. Und immer wird man anschließend denken: Hätte ich doch das andere tun sollen? Trotzdem ist es kein Buch zum Fürchten. Denn noch im hektischsten und anonymsten Uni-Klinik-Betrieb gibt es, zwischen Dienstplänen und Fallpauschalen, Menschen, die wissen, was man wirklich braucht, wenn man leidet. Zum Beispiel eine Nachtschwester, die sich beherzt zwei ungarische Vokabeln aufs Handgelenk schreibt. Damit sie  helfen kann, wenn Janos Schmerzen oder Durst hat.
Zwischen der sehr persönlichen und intimen Abschiedsgeschichte gibt es kluge Kapitel über Palliativmedizin und Hospize, über Patientenverfügungen und Sterbehilfe. Mehr Informationen unter: http://www.zsdebatten.de/

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Zabert Sandmann Debatten 16,95 Euro

 

 

Thommie Bayer: Eine kurze Geschichte vom Glück

Plötzlich reich, ein Lottogewinn, sechs Millionen Euro. Sechs Millionen! Aber die Binsenweisheit heißt: Geld macht nicht glücklich. Robert, so nett, so normal und bescheiden, wie wir alle in seiner Lage auch sein möchten, glaubt man seine Probleme sofort, und man folgt ihm mit wachsendem Vergnügen in die wachsende Verzweiflung.

Piper, 16,90 Euro

 

 

Gerd Lüdemann: Das Jesusbild des Papstes. Über Joseph Ratzingers kühnen Umgang mit den Quellen

Das Jesusbuch des Papstes (Joseph Ratzinger: Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Herder 2007) hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der gelehrte Ex-Präfekt der Glaubenskongregation erklärt darin die historisch-kritische Methode für unzureichend, um die Person Jesu von Nazareth und ihre Bedeutung wirklich zu verstehen. Klar, dass so eine These Kirchenkritiker auf den Plan ruft. Gerd Lüdemann zum Beispiel, einst Professor für Neues Testament an der Universität Göttingen, seit seinem Bekenntnis, dass Jesus ihm religiös nichts mehr bedeute, Inhaber eines Lehrstuhls für Geschichte und Literatur des frühen Christentums. Der Göttinger Kirchenkritiker weiß: Allzu viel Schaum vorm Mund schadet seinem Vorhaben, das Papstbuch zu widerlegen. Gut also, dass er gleich zu Beginn einen "Vorschuss an Sympathie" ankündigt, ohne den es kein Verstehen gebe. Trotzdem fällt sein Urteil über das Papstbuch vernichtend aus: Der Papst stelle nicht den historischen Jesus dar, die Vernunft erweise seine Auslegungen als falsch, bei einem Widerspruch von Glauben und Wissen habe Wissen den Vorrang, und so weiter. Lüdemanns Kardinalfehler: Er gibt wissenschaftliche Annäherungen und (begründete) Vermutungen als Faktenwissen aus. Insofern ist sein Buch keine Widerlegung, sondern lediglich eine gegenteilige Meinungsbekundung. Das Rätselraten um Jesus von Nazareth darf also weitergehen.

buz

Zu Klampen Verlag. Springe 2007,158 S., 9,95 Euro

 


 

Klaus Berger: Die Wahrheit ist Partei. Öffentliches Handeln und biblische Weisheit

Er wolle die Einsichten der biblischen und apokryphen Weisheitsliteratur für heutiges öffentliches Handeln zugänglich machen. So erklärt der nach seiner Emeritierung 2006 zum Katholizismus zurückgetretene Theologieprofessor Klaus Berger die Absicht seines Buches. 1968, vor seiner Habilitation an einem evangelischen Fachbereich, war der Katholik Berger zum Protestantismus übergetreten. Nicht erst mit dieser Publikation versucht sich Berger einen Namen damit zu machen, dass er seinem Publikum lebenspraktische Erkenntnisse aus seinen exegetischen Studien anempfiehlt. Zumindest in diesem Buch mündet das Vorhaben in Plattitüden. Davon, dass Schmiergeldzahlungen Unrecht sind (S. 20), dürfte hoffentlich der ein oder andere auch schon vor Erscheinen dieses Buches gehört haben. Dass Gottesdienst der Kirche eine Gegenöffentlichkeit sei (S. 22) hat man auch schon andernorts gelesen. Und noch was: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ziele auf die Abwehr des Sozialneides, meint Berger. O weh, wenn das der Kern von Jesu Botschaft wäre, wir hätten den Erlöser längst vergessen. Nein, man kann seine Zeit besser verbringen als mit diesem Buch.

buz

Herder Verlag. Freiburg 2007, 160 S., 14,90 Euro

 

 

Markus A. Weingardt: Religion macht Frieden. Das Friedenspotential von Religionen in politischen Gewaltkonflikten

Schon gehört? Zwischen Dezember 1978 und Oktober 1984 verhinderte der Vatikan einen Krieg zwischen Argentinien und Chile. Mithilfe seiner moralischen Autorität, viel Sachkompetenz und einigem diplomatischem Geschick gelang es Kardinal Samoré einen Jahrhundertkonflikt um den Beaglekanal (der im Süden Lateinamerikas Pazifik und Atlantik verbindet) zu schlichten. Der Papst hatte sich in den Streit eingeschaltet, als die argeninische Flotte schon zur Landung auf den Inseln südlich der natürlichen Wasserstraße ansetzte. Der Krieg konnte buchstäblich in letzter Sekunde verhindert werden. Wie Religionen helfen Konflikte zu schlichten, das illustriert Markus A. Weingardt, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Hans Küngs Stiftung Weltethos sowie an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST), anhand mehrerer Beispiele. Schon vergessen: Auch am friedlichen Ende der DDR hatte die evangelische Kirche maßgeblichen Anteil. Ebenso der muslimische Paschtune Khan Abdul Ghaffar Khan am friedlichen Übergang zur Unabhängigkeit Indiens 1948 (also nicht nur der hinduistische Mahatma Ghandi). Ebenso der Buddhist Maha Ghosananda am friedlichen Ende der Roten Khmer in Kambodscha und die katholische Kirche nach Ende des Regimes von Ferdinand Marcos auf den Philippinen. Insgesamt 40 solch religiöser Friedensvermittlungen trägt Weingardt in seinem sehr sachlich geschriebenen Buch zusammen. Und dürfte damit endgültig das unsinnige Vorurteil widerlegt haben, dass Religionen nur für Streit sorgten.

buz

Kohlhammer Verlag. Stuttgart 2007, 480 S., 24 Euro

 

 

Andreas Malessa: Kleines Lexikon religiöse Irrtümer

Ei, wer hätte das gedacht? Ein Ölgötze ist keineswegs eine dickbäuchige, goldglänzende Buddhastatue. Das Wort kommt aus dem Neuen Testament und bezieht sich auf die Jünger, die sich auf dem Ölberg am Schlaf ergötzten, während Jesus mit Gott über seinen bevorstehenden Leidensweg haderte. Auf Altarbildern sind diese schlafenden Jünger stumm und starr dargestellt - Ölgötzen eben. Fast 140 religiöse Irrtümer hat der Theologe, Sänger, Moderator und Reporter Andreas Malesche zusammengetragen. Mancher der zitierten Irrtümer erscheint extrem schusselig: "Basilika kommt von Basilikum" (S. 29). Andere wieder wirken sehr speziell: ",Om mani padme hum' ist das tibetische Vaterunser" (S. 109) - wie kann man über etwas irren, von dem man noch nie gehört hat? Aber gerade diese breite Zusammenstellung macht das Buch so kurzweilig und amüsant zu lesen. An der ein oder anderen Einschätzung mag man mäkeln. So unterschätzt Malessa die Rolle vor allem der Katholiken bei der Demokratisierung Europas (S. 44f). Dennoch: Malessa will ja nicht belehren, sondern unterhalten. Und das gelingt ihm! Übrigens, schon gewusst? Der Stadtname Göttingen kommt nicht von göttlich sondern von Gosse.

buz

Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2006 (2. Auflage 2007), mit Quellenverzeichnis 160 S., 12,95 Euro

 

 

Mauricia Manuel Dessauer, Ulrich Michael Lohse: Was Sie schon immer über das Judentum wissen wollten . und nicht zu fragen wagten

Gewiss gibt es nicht allzu viele Leser, die schon immer wissen wollten, was eine Arawa, ein Jezer hatow oder Slichot sind. Und die wenigen, die doch solche Fragen stellen, werden überwiegend zur jüdischen Kerngemeinde gehören. Insofern ist der Titel dieses recht umfangreichen Nachschlagewerks zum Judentum unglücklich gewählt. Denn was der Neurologe und Psychiater Mauricia Manuel Dessauer und der Zahnarzt Ulrich Michael Lohse, beide Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, zusammengestellt haben, gehört eigentlich ins Regal all derer, die sich fürs Judentum interessieren. Hier bekommt man Auskunft über die ganz praktischen Fragen: Was genau passiert bei einer Beschneidung? - Antwort unter dem Stichwort Brit Milah. Was genau ist in den Teflillin, den Gebetsriemen und Lederkapseln mit den Toraabschnitten, drin? Antwort unter T'fillin. Leider muss man stets das richtige Stichwort kennen, um die gewünschte Auskunft zu bekommen. Schlimmstenfalls sucht man auch vergebens. Warum streng-orthodoxe Juden schwarze Gewänder tragen? Der Rezensent hat kein Stichwort gefunden, unter dem Dessauer und Lohse diese Frage beantworten. Dennoch, zur gezielten Stichwortabfrage und zum Schmökern ist dieses Buch auf jeden Fall geeignet! Ach ja: Die Arawa ist ein Weidenzweig, der zum Laubhüttenfest in ein Zweigbüschel gebunden wird. Als Jezer hatow bezeichnet man im Judentum ein gutes Prinzip. Und Slichot sind Bußgebete - und außerdem der Plural von Vergebung.

buz

Pelican Publishing, Fehmarn 2006, 169 S., 16,80 Euro

 

 

Noah Flug, Martin Schäuble: Die Geschichte der Israelis und Palästinenser

Worum geht es Israelis und Palästinensern eigentlich? Warum können die sich nicht endlich mal einigen? Wen solche Fragen plagen, der sollte unbedingt zu diesem Buch greifen. Zwei Autoren, einer Jahrgang 1925, der andere 1978 geboren, erzählen allgemeinverständlich, ausgesprochen fair und unter Einbeziehung vieler Zeitzeugen die Geschichte des Nahostkonfliktes von seinen Anfängen bis heute. Das Buch ist fesselnd geschrieben. Gegensätzliche Zeugenberichte geben einen Eindruck davon, wie sich die historischen Ereignisse aus der Sicht einfacher Leute dargestellt haben, und zwar auf beiden Seiten. So erschließt sich dem Leser von Anfang an, wie verwickelt der Streit um das Heilige Land der Juden, Christen und Muslime war, welche Seite aus welchen Gründen wann welche Gelegenheit zum Einlenken versäumte. Und wie allzu menschlich es in diesem fürchterlichen Streit schon immer zuging. Noah Flug, Vorsitzender des Dachverbandes für Holocaust-Überlebende in Israel und zugleich Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, und der Journalist Martin Schäuble lassen ihr herausragendes Buch mit einem Dialog (geführt am 10. August 2006 in Jerusalem) zwischen einem jungen Palästinenser, Aiyub, und einem jungen Israeli, Elad, enden: "Wir sind hier, das ist unser Zuhause, und wir müssen eine Lösung finden."

buz

Carl Hanser Verlag, München 2007, mit historischen schwarz-weiß Fotos, Zeittafel, Karten, Medientipps, Angaben zu den Zeitzeugen und Literaturverzeichnis, 206 S., 17,90 Euro


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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/2307.php
[Stand: Dienstag, 31. August 2010 14:16 Uhr]

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