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Danke, uns geht's gut
© Markus Feger
Marit ist schwerstbehindert. Ein schlimmes Schicksal? Mitleid ist genau das, was Familie Krall öfter bekommt, als ihr lieb ist. "Wir sind stolze Eltern eines glücklichen Mädchens", sagen sie. "Aber das glaubt uns keiner"
Astrid Krall ist darauf eingestellt, dass die Leute gucken, wenn sie den Kinderwagen durch die Stadt schiebt. Aber manche Menschen starren derart, dass sie sich dazwischenstellen möchte, um diesen Blick auf ihr Kind zu brechen. Im Buggy liegt ein Mädchen, zu groß, um noch geschoben zu werden. Blonde Locken umrahmen ein sehr ernstes Gesicht. Der Mund hängt offen. Schaumstoffstützen halten den Kopf seitlich.
Wenn man das Mädchen fragt, ob es Tee oder Apfelsaft möchte, ob ihm die Ohren wehtun oder die Zähne, antwortet es nicht. Es versteht die Frage nicht. Wenn man ruft, "Marit, guck doch mal!", reagiert es nicht. Marit weiß nicht, dass sie Marit ist. Sie ist sechs Jahre alt, aber geistig und motorisch auf dem Stand eines viermonatigen Säuglings stehengeblieben. Marit kann nicht mal kauen.
"Die hat was an den Chromosomen", sagte sechs Wochen nach der Geburt die Kinderärztin, der die Muskelschlaffheit auffiel. Humangenetiker untersuchten das Erbgut in den Zellen und sahen: Ein Chromosom ist zu kurz, ein anderes zu lang. Solche Kinder, sagte ein Arzt, gingen normalerweise am Anfang der Schwangerschaft als Frühgeburt ab. Marit aber blieb im Bauch ihrer Mutter. 28 war die damals.
Schmerzlich war es zu sehen, wie andere Babys zu greifen begannen, zu krabbeln, und ihr Baby nicht. Dass Marit nie wird singen können, war für die Mutter besonders schmerzlich. Den Vater dagegen traf die zusätzliche Diagnose Epilepsie. "Weil es das sichtbarste Leiden ist. Unter ihrer Behinderung leidet sie ja nicht." Aber die schweren Krampfanfälle fast wöchentlich, wenn Marit zu atmen aufhört und blau anläuft; die starken Medikamente dagegen, die das Immunsystem schwächen; die vielen Infekte deshalb - in einem Winter hatte Marit fünf Lungenentzündungen.
Astrid und Torsten Krall planten kein Kind damals, als sie beide in der Ausbildung zu Pfarrern waren. Und dann ist es auch noch schwerstmehrfachbehindert. Es waren tiefe Täler am Anfang. Später waren sie kürzer und weniger tief. "Man wächst da rein, man kann sich einrichten", sagt Astrid Krall. "Marit ist eine Aufgabe, aber keine Katastrophe, wirklich nicht."
Doch die Eltern bekommen Bemerkungen zu hören wie diese: "Wie furchtbar, was für ein Schicksalsschlag! Das tut uns so leid." Torsten Krall, 36, ist ein ruhiger Mensch, aber so was macht ihn wütend. "Diese Leute urteilen über Marits und unser Leben, ohne es zu kennen. Wir führen kein von Leid gezeichnetes Leben, aber die schauen gar nicht genau hin."
Wird Marit morgens in den integrativen Kindergarten der Stadt Köln gerollt, kommen die Kinder gelaufen: "Marit ist da!" Und Marit schlegelt freudig mit den Armen. Sie ist beliebt: immer freundlich, auch robust, man kann sogar auf ihr rumturnen. Und sie kann gucken, konzentriert und sehr ruhig. Ein aufgewecktes wildes Kerlchen, das nur rannte und damit die anderen nervte, suchte oft die Nähe von Marit. Der hyperaktive Junge erzählte ihr aus Kinderbüchern, massierte ihr mit dem Igelball den Rücken oder schaute sie einfach nur an. Marit als meditatives Zentrum. Jetzt ist er in die Schule gekommen.
Dass Marit weder ein Baby noch eine Puppe ist, mussten die Kinder erst lernen. Nur die Erzieherinnen dürfen sie füttern, beim Wickeln wird nicht zugeschaut, und weil Marit sich so schnell nicht wehren kann, sind nur Handküsse erlaubt.
Das finden die Kinder schade. Auch dass Marit nicht sprechen kann. Manchmal macht sie laut "jrä, jöjö, brl, örlödrö...", meist aber knurpselt sie leise hinten im Rachen. "Ich mag das gern, wenn Marit knurrt", sagt der bedächtige Thomas. "Und wenn sie knurrt, sagt sie ja auch was." Er sinniert über seiner Schüssel, randvoll mit Smacks. "Ich versteh's halt nicht." Nur dann, wenn Marit was partout nicht will.
Sie kann zwar nicht Nein sagen, nicht mal den Kopf schütteln, "aber sie kann würgen, wenn sie was nicht trinken will, da wird Ihnen ganz anders", sagt die Mutter. "Man kann ihr Saft anbieten, Tee, gezuckert bis zum Abwinken - Marit trinkt nur Milch. Oh ja, vom Willen her ist sie groß."
Am liebsten isst Marit Schokopudding. Nur bekommt sie den nicht allzu häufig. Sondern das normale Essen, einmal durch den Mixer gejagt. Allerdings keinen Brokkoli. Da würde das große Würgen einsetzen. "Kuchen dagegen kann die Marit auch unpüriert essen - was immer uns das sagen mag", sagt Astrid Krall. Die 35-Jährige nimmt vieles mit trockenem Humor.
"Marit ist eben ein Genussmensch", sagt Torsten Krall und bestellt ihr im Straßencafé zum Apfelkuchen eine große Portion Schlagsahne. Eine halbe Stunde ist Marit nur noch Geschmack. Dann wird ihr alles zu viel: die Leute, die an ihr vorbeigehen, der Handwerker, der am Straßenrand in seiner Werkzeugkiste wühlt - sie macht die Augen zu. "Marit geht gerade auf Autopilot", sagt der Vater.
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