Gottesdienstkritik

Ev. Kirche Baltrum

09/2010


Kirche von außen.

Bewertung.

Sonntag, 10 Uhr

 

Schon um neun Uhr hat es mehr als 25 Grad. Zum Glück zieht eine kühlende Brise vom Meer über die Insel. Vom Meer? Es ist weit und breit keins zu sehen: Ebbe. Die Urlauber strömen jetzt auf die Sandbank, die der ostfriesischen Insel Baltrum vorgelagert ist. Aber auch die evangelisch-lutherische Inselkirche füllt sich - mit über hundert Besuchern. Fast alle sind Ferien­gäste.
Heute hält Thorsten Jacobs den Gottesdienst. Eigentlich ist er im südlichen Emsland Pfarrer - für die Ortschaften Dalum, Groß-Hesepe, Geeste sowie Wachendorf und Schwartenpohl. Auf Baltrum ist der wortgewandte 39-Jährige nur für die Ferien. Als Gegenleistung für seinen Einsatz kann er auf der Insel günstig Urlaub machen.
Vom Reformator Philipp Melanchthon will Jacobs heute erzählen. Von dessen Jugend im badischen Bretten. Wie der 1,50 Meter kleine ge­lehrte 21-Jährige Universitätsprofessor in Wittenberg wurde, wie er in den Wirrnissen der Zeit diplomatisch zwischen den Fronten vermittelte und sich gegen Ende seines Lebens endlich Ruhe von der Wut der Theologen herbeisehnte. Gern hört man dieser mehrminütigen Vorrede zu. Jacobs kann kurzweilig erzählen.
"Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes", sagt Jacobs schließlich. Ups!, ist das nicht sonst die Eröffnungsformel für den Gottesdienst? Fünf Minuten nach Beginn wirken die Worte irgendwie deplatziert - als müsse Jacobs diesen Teil der Inselliturgie pflichtgemäß noch irgendwo unterbringen.
"Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich" - laut schmettern die offenbar in vielen Gottesdiensten erprobten Besucher diesen Cho­ral, in dem der protestantische Liedermacher Paul Gerhardt Verse aus dem Römerbrief umdichtet. Darunter auch den Vers, den Philipp Melanchthon zu seinem Lebensmotto gemacht hat: "Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?" Den Abschnitt liest Pfarrer Jacobs noch einmal vor, anschließend predigt er darüber.
Wieder erfährt man viel über den Reformator: Wie der Vers aus dem Römerbrief Melanchthon in unterschiedlichen Situationen half, mutig und standhaft zu sein. Wie hilft so ein Vers heute? Jacobs versucht, auch diese Frage zu beantworten. Er erzählt von Glückserfahrungen. Er selbst habe so eine Zeit des Glücks nach seinem bestandenen Ersten Theologischen Examen erlebt. Was Glücksmomente wie diese mit dem Paulusvers zu tun haben, erschließt sich dem Kirchgänger allerdings nicht.
Nach 55 Minuten Gottesdienst mit interessanten Seminaranteilen und nicht ganz so überzeugendem Zuspruch nun aber schnell an den Strand. Noch hat die Flut die Sandbank nicht überspült.

Burkhard Weitz


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Quelle: chrismon.de
URL: http://www.chrismon.de/1843.php
[Stand: Dienstag, 31. August 2010 14:07 Uhr]

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