Juli 2007
Elisabeth von Thüringen
© Espen Eichhöfer/Ostkreuz
Die hessische Landgräfin wurde zum Inbegriff der Barmherzigkeit und zum Gewissen des Adels
So kennt sie in Thüringen und Hessen fast jedes Schulkind: eine Frau, die hungernden Kindern Brot reicht, die Aussätzige badet und Bettler beschenkt. Auf Bildern erscheint sie in vielerlei Gestalt: als vornehme Landgräfin, als gekrönte Himmelskönigin oder im schmucklosen Gewand einer Helferin der Kranken, aber immer wendet sich Elisabeth den Schwachen zu - eine Ikone der Barmherzigkeit.
Das allein kann es aber nicht gewesen sein, warum sich diese Frau des Mittelalters so tief ins Gedächtnis der Nachwelt eingebrannt hat. Die Legenden, die an sie erinnern, überdauerten sogar die Heiligsprechung und den Kampf der Reformation gegen die Heiligenverehrung. Was also macht die vor 800 Jahren geborene Elisabeth bis heute zum Vorbild? Sie selbst vollzog die entscheidende Wende nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1228, als sie sich als Landgräfin aus den führenden Kreisen Europas - und auch von ihren drei Kindern - verabschiedete, um unter Kranken und Bettlern zu leben. Von ihrem Witwengeld stiftete sie in Marburg ein Siechenhaus und baute darin eine Pflegegemeinschaft auf, der sie selbst angehörte.
Ihr Glaube hatte sie radikal werden lassen, unbeirrbar und irritierend unterwürfig zugleich. Bereits am thüringischen Hof verstand sich Elisabeth, glaubt man den Berichten im Kontext ihrer Heiligsprechung, als Teil der Armenbewegung des Franz von Assisi. Während einer Hungersnot im Jahr 1226 ließ sie die Vorratskammern öffnen, um die Bevölkerung zu ernähren. Auch soll sie darauf bestanden haben, dass nur solche Speisen auf die Tafel kamen, die nicht den Bauern abgepresst oder anderweitig ungerecht erworben waren. Mit dieser Haltung isolierte sie sich am Hof.
Die wenigen bekannten Details ihres Lebens lassen sie menschlich erscheinen, eine Hochwohlgeborene, die Schweres durchlitt. Schon als Vierjährige war die ungarische Königstochter an den thüringischen Hof gebracht worden, eine Ehe mit dem Landgrafensohn Hermann war geplant, doch dieser starb jung. Einige Jahre später verliebte sich dessen Bruder Ludwig in Elisabeth. Als sich Ludwig für den Kreuzzug rüstete, erst recht, als er auf dem Weg ins Heilige Land starb, war Elisabeth untröstlich.
Im 20. Jahrhundert bekam das Bild der Heiligen einen Riss. Im Verhalten ihres Beichtvaters, des Inquisitors Konrad von Marburg, dem sie absoluten Gehorsam geschworen hatte, schwang ein Glaubensfanatismus mit, der persönliche Grenzen grob missachtete. Zwar unterstützte der Ketzerverfolger sie bei der Gründung des Hospitals - aber er kontrollierte und schlug sie auch. In den Legenden aber triumphiert am Ende stets die barmherzige Elisabeth. Wollte ein Mächtiger sie angreifen und demütigen, wurde sie durch göttlichen Beistand glänzend gerechtfertigt - so im berühmten Rosenwunder: Als sie mit einem Korb Brot von der Wartburg herunter zu den armen Leuten eilte, stellte ihr Mann Ludwig sie zur Rede. Sie sagte, im Korb seien nur Rosen. Der Landgraf verlangte, hineinzuschauen. Er schlug das Tuch zur Seite: Rosen statt Brot.
Die Macher der aktuellen Elisabethausstellung "Krone, Brot und Rosen" haben den Legenden einen ernst gemeinten Warnhinweis beigefügt: "Aus Sicht der Historiker steht fest: Diese Wunder hat es nie gegeben." Als müssten sie 800 Jahre nach Elisabeths Geburt noch befürchten, dass Menschen der gefährlichen Strahlkraft dieser Frau erliegen könnten. Vielleicht haben sie recht. In Marburg wehen Fahnen zu ihrem Geburtstag, ökumenische Pilgerwanderungen sind nach ihr benannt, der Weltladen wirbt mit "Elisabeth Kaffee". Hommage an eine Fürstin, die sich auf die Seite der Armen gestellt hat.
Hedwig Gafga
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